Schweiz
Scheidender Armeechef: Die Schweiz ist bei der Verteidigung «wieder eingeschlafen»
In einer eindringlichen Warnung erklärte der scheidende Chef der Schweizer Armee, Thomas Süssli, das Land habe seit dem ersten Schock des Kriegs in der Ukraine sein Bewusstsein für die Dringlichkeit von Verteidigung und Sicherheit verloren.

In einer deutlichen Einschätzung der Sicherheitslage der Schweiz hat der scheidende Armeechef Thomas Süssli eine eindringliche Warnung ausgesprochen: Die Nation sei, wie er sagt, «wieder eingeschlafen». Im Gespräch mit der Presse zum Ende seiner sechsjährigen Amtszeit äusserte Süssli grosse Sorge darüber, dass das Gefühl der Dringlichkeit, das das Land nach dem russischen Grossangriff auf die Ukraine im Jahr 2022 erfasst hatte, verflogen sei. Diese Rückkehr zur Selbstzufriedenheit mache das Land verwundbar und unvorbereitet auf anhaltende und sich wandelnde geopolitische Bedrohungen, argumentiert er.
Das kurze Erwachen
Der Konflikt in der Ukraine war zunächst für weite Teile Europas, darunter auch für die traditionell neutrale Schweiz, ein eindringlicher Weckruf. Der Einmarsch erschütterte lang gehegte Annahmen über die Sicherheit auf dem Kontinent und rückte die Landesverteidigung ins Zentrum der politischen Debatte. Eine Zeit lang standen die Fähigkeiten, die Finanzierung und die Bereitschaft der Schweizer Armee wieder stärker im Fokus. Süssli zufolge hielt diese erhöhte Aufmerksamkeit jedoch nicht lange an. Der erste Schock sei abgeklungen, und das Land kehre zu einer gelasseneren Haltung gegenüber militärischen und sicherheitspolitischen Fragen zurück, stellt er fest. Diese Entwicklung beunruhige ihn zutiefst.
Die Gefahren neuer Selbstzufriedenheit
Süssli bereitet vor allem Sorge, dass dieser «Schlummer» die Fähigkeit des Landes, auf Bedrohungen zu reagieren, unmittelbar beeinträchtigt. Er betonte, dass die Notwendigkeit, die Verteidigungsfähigkeiten zu stärken, nicht abgenommen habe. Der Armeechef verwies auf Russlands anhaltende Aggression und dessen strategisches Ziel, den Westen zu spalten, als fortbestehende und erhebliche Bedrohung. «Wir haben nicht genug erklärt», sagte er mit Blick auf die Bedürfnisse der Armee. Damit deutete er an, dass es nicht gelungen sei, die anhaltende Gefahr und die Notwendigkeit einer leistungsfähigen und modernen Armee ausreichend zu vermitteln. Diese Kommunikationslücke habe es seiner Ansicht nach ermöglicht, dass sich in der Öffentlichkeit und bei den politischen Entscheidungsträgern erneut ein trügerisches Sicherheitsgefühl breitgemacht habe.
Eine Amtszeit des Wandels und des Bedauerns
Mit Blick auf seine 2019 begonnene Amtszeit würdigte Süssli positive Entwicklungen. Er begrüsste einen «Kulturwandel» innerhalb der Armee und stellte fest, dass die Armee deutlich sichtbarer geworden sei. Diese Fortschritte würden jedoch von seinem Bedauern überschattet, dass es der Armeeführung nicht gelungen sei, das kurze Zeitfenster mit politischer und öffentlicher Aufmerksamkeit zu nutzen, um die langfristigen Zusagen zu sichern, die für die Verteidigung der Schweiz nötig seien. Sein Abgang ist von einem Gefühl unerledigter Aufgaben geprägt, von der Befürchtung, eine entscheidende Gelegenheit zur grundlegenden Stärkung der Sicherheitslage des Landes könnte verpasst worden sein.
Der Weg nach vorn: Ein Aufruf zu Klarheit und Investitionen
Während sich die Schweiz auf einen neuen Chef der Armee und des Nachrichtendienstes vorbereitet, sind Süsslis Abschiedsworte ein Aufruf zum Handeln. Seine Botschaft ist klar: Das Land kann es sich nicht leisten, selbstzufrieden zu sein. Der weitere Weg erfordert eine anhaltende und ehrliche Auseinandersetzung mit den Sicherheitsbedürfnissen des Landes, gestützt auf konkrete politische und finanzielle Investitionen. Dazu gehört, die Art moderner Bedrohungen und die Rolle der Armee beim Schutz der Schweizer Souveränität und Interessen klar zu erläutern. Für Süsslis Nachfolger wird die zentrale Herausforderung darin bestehen, das Land wieder für die Realitäten einer weniger stabilen Welt zu sensibilisieren und es davon zu überzeugen, in den eigenen Schutz zu investieren, bevor es zu spät ist.