Dürre
Schweiz kämpft gegen schwere Dürre und bereitet sich auf vierte Hitzewelle vor
Bei den Stauseen sind die Füllstände so tief wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr, und eine Entspannung ist nicht in Sicht. Schweizer Behörden und Landwirte kämpfen mit einer schweren Wasserknappheit. Während eine weitere grosse Hitzewelle näher rückt, schränkt das Land den Wasserverbrauch ein und schickt Feuerwehrleute zur Unterstützung bei Bränden in Frankreich.

Der Ruf der Schweiz als Wasserschloss Europas gerät unter Druck, denn die Füllstände der Stauseen sind auf einen alarmierenden Tiefstand wie seit 20 Jahren nicht mehr gesunken. Aktuelle Daten des Bundesamts für Energie zeigen, dass die Stauseen nur noch zu 46 Prozent gefüllt sind, 16,4 Prozentpunkte weniger als im Durchschnitt der letzten zwei Jahrzehnte. Dabei handelt es sich nicht einfach um einen saisonalen Rückgang, sondern um einen systemischen Versorgungsausfall nach dem trockensten Frühling seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1864. Der Bund hält zwar daran fest, dass die unmittelbare Stromversorgung gesichert ist, doch das Bild vor Ort ist erschreckend. Im Lago Maggiore ist der Wasserstand seit Mitte Juni um mehr als einen Meter gesunken. Anlegestellen liegen trocken und die Ökosysteme leiden. Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) warnt, dass die Dürre besonders akut vom Jura bis in die Region Basel ist. Dort ist der Regen ausgeblieben, und das Niederschlagsdefizit beträgt gegenüber den Normalwerten 70 Prozent. Während der Boden austrocknet und die Flüsse weniger Wasser führen, muss sich das Land damit auseinandersetzen, dass seine reichlichste Ressource plötzlich und alarmierend knapp ist.
Landwirtschaft kämpft mit Futtermangel
Das landwirtschaftliche Kerngebiet der Schweiz verlangt dringend nach Entlastung, denn das Gras wächst buchstäblich nicht mehr. Für die 1,5 Millionen Kühe des Landes hat sich die Lage von schwierig zu verzweifelt entwickelt. Im Baselbiet mussten die Landwirte Sandra und Philippe Rosset eine Crowdfunding-Kampagne starten, um ihre 30 Milchkühe vor dem Schlachthof zu retten. Sie sammelten über 12'700 Franken, um Heu zu importieren. Damit sind sie nicht allein: Der Solothurnische Bauernverband berichtet, dass das Graswachstum vollständig zum Stillstand gekommen ist. Viele Betriebe müssen deshalb schon Monate früher als geplant auf ihre Wintervorräte zurückgreifen. Agroscope, die Forschungsanstalt des Bundes, hat eine beunruhigende Prognose abgegeben: Hält diese Trockenperiode bis August an, wird die Krise die verheerenden Dürren von 2003 und 2018 übertreffen. Trinkwasser ist vorerst weiterhin verfügbar, doch der Konflikt zwischen menschlichem Verbrauch und den Bedürfnissen der Landwirtschaft verschärft sich. Da die Flüsse kritische Tiefstände erreichen, ist auch die Wiederauffüllung wichtiger Grundwasserleiter gefährdet. Aus einem regionalen Engpass könnte so ein nationaler Notfall werden.
Schweizer Feuerwehrleute helfen an der europäischen Brandfront
Während die Schweiz im eigenen Land mit der Trockenheit kämpft, hilft sie zugleich ihren Nachbarn im Kampf gegen verheerende Waldbrände. Am Samstag rückte ein Konvoi mit 34 Feuerwehrleuten und 11 Spezialfahrzeugen aus Genf, der Waadt und Neuenburg in Richtung Bordeaux aus, um die französischen Einsatzkräfte bei der Bekämpfung der Brände im Département Gironde zu unterstützen. Dieser Einsatz ist ein bedeutendes Zeichen internationaler Solidarität, geht jedoch mit grosser Vorsicht im Inland einher. In Bern prüft das Eidgenössische Departement für Verteidigung dringend, ob es vier von Paris angeforderte leichte Helikopter entbehren kann. Die Zurückhaltung ist wohlüberlegt: Angesichts des so hohen Waldbrandrisikos wie nie zuvor befürchten die Behörden, im Fall eines Brandes in den Alpentälern ohne ausreichende Mittel dazustehen. Der Genfer Feuerwehr- und Rettungsdienst (GSIS) hatte sich seit Juni auf diese Situation vorbereitet und einen Sommer vorausgesehen, in dem der ganze Kontinent zum Pulverfass werden könnte. Die Schweiz bewegt sich nun auf einem schmalen Grat: Sie muss ihrer regionalen Verantwortung nachkommen und zugleich ihre eigenen ausgedörrten Landschaften schützen.
Vorbereitung auf die vierte Hitzewelle
Die «Hundstage» des Sommers machen ihrem Namen mit brutaler Konsequenz alle Ehre. MeteoSchweiz warnt, dass ab Mitte Woche eine vierte Hitzewelle über die Schweiz zieht, möglicherweise die heftigste des Sommers. Bis Donnerstag dürften die Temperaturen in Genf auf glühende 37 °C und in Zürich auf 35 °C steigen. Subtropische Warmluft hält das Land in einer Folge von «Tropennächten» gefangen, in denen die Temperaturen nicht unter 20 °C sinken. Für ältere Menschen und die Umwelt gibt es dadurch keine Erholung. Das Bundesamt für Umwelt bestätigt, dass bis Ende August kein verbreiteter Regen in Sicht ist. Stattdessen steht das Land unter dem Einfluss eines anhaltenden Hochdruckgebiets, das den Boden weiter austrocknet und das wenige Wasser in den Seen verdunsten lässt. Dies ist kein vorübergehendes Wetterereignis mehr, sondern ein Vorgeschmack auf eine heissere und trockenere Zukunft der Alpen. Mit den steigenden Temperaturen wird die Bevölkerung aufgefordert, den Wasserverbrauch einzuschränken und sich auf einen langen, heissen August vorzubereiten, der die Widerstandsfähigkeit des Landes gegenüber dem Klimawandel für eine ganze Generation prägen könnte.