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Swiss Observer

Kampagne für sechs Monate Mutterschaftsurlaub erreicht die Bundeskanzlei

Eine Petition mit über 110’000 Unterschriften ist bei den Bundesbehörden eingereicht worden. Sie fordert, den gesetzlichen Mutterschaftsurlaub in der Schweiz von derzeit 14 Wochen auf volle sechs Monate zu verlängern.

Kampagne für sechs Monate Mutterschaftsurlaub erreicht die Bundeskanzlei
AILe News

110’000 Bürgerinnen und Bürger haben Bern soeben einen unüberhörbaren Weckruf gesendet. Am Montag reichten die Organisatorinnen und Organisatoren bei der Bundeskanzlei offiziell eine Petition ein. Sie fordern, den Mutterschaftsurlaub von gerade einmal 14 Wochen auf volle sechs Monate zu verlängern. Diese massive Welle öffentlicher Unterstützung macht deutlich, dass die Kluft zwischen der geltenden Gesetzgebung und dem Alltag Schweizer Familien wächst. Die Bewegung argumentiert, dass die derzeitigen 98 Tage für die entscheidenden ersten Lebensmonate eines Säuglings grundsätzlich nicht ausreichen. Die Befürworterinnen und Befürworter betonen, dass Stillen, die Nähe zur Mutter und emotionale Geborgenheit kein Luxus seien, sondern biologische Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung. Während die Regierung bei Sozialreformen in der Vergangenheit vorsichtig vorgegangen ist, zwingt diese Zahl von Unterschriften sie zu einer unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem Status quo. Die Botschaft ist klar: Die Zeit für schrittweise Veränderungen ist vorbei, und die Forderung nach einem umfassenden sechsmonatigen Schutz ist nun unumgänglich.

Die Schweiz hinkt europäischen Standards hinterher

Die Schweiz sieht sich derzeit mit einer ernüchternden Realität konfrontiert: Bei der Unterstützung von Eltern hinkt sie im europäischen Vergleich hinterher. Während Schweizer Mütter nur 14 Wochen Urlaub erhalten, haben Mütter in Spanien Anspruch auf 19 Wochen. Noch alarmierender ist der Unterschied bei den Vätern, denen derzeit lediglich zwei Wochen gesetzlicher Urlaub zustehen. Diese Lücke führt von Anfang an zu einem erheblichen Ungleichgewicht bei der Aufteilung der Familienaufgaben. Die Befürworterinnen und Befürworter der Petition argumentieren, dass Frauen deutlich mehr Zeit brauchen, um sich körperlich und psychisch von den Belastungen der Geburt zu erholen. Wenn die Schweiz am Modell mit 14 Wochen festhält, riskiert sie, berufstätige Mütter zu benachteiligen und ihre Rückkehr ins Erwerbsleben zu erschweren. Ein Zeitraum von sechs Monaten würde nicht nur dem Kind zugutekommen, heisst es in der Petition, sondern auch die berufliche Situation der Eltern stabilisieren und so einen widerstandsfähigeren und gerechteren Arbeitsmarkt schaffen.

Politische Lager entfachen Streit um die Familienpolitik

Die Fronten sind bezogen: Politische Schwergewichte legen konkurrierende Vorstellungen zur Zukunft der Schweizer Elternschaft vor. Während die Petition eine pauschale Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs auf sechs Monate fordert, setzen sich Allianz F und die Grünen für ein anderes, flexibleres Modell ein. Ihre Volksinitiative schlägt für jeden Elternteil 18 Wochen Urlaub vor, insgesamt also 36 Wochen pro Haushalt. Dieser Ansatz soll den traditionellen Fokus auf die «Mutter allein» aufbrechen und eine gerechtere Aufteilung der Hausarbeit fördern. Bereits 2019 hielt die Eidgenössische Kommission für Familienfragen fest, ein gemeinsam genutztes Elternurlaubssystem würde die Erwerbstätigkeit von Müttern stärker fördern als getrennte, kurze Ansprüche. Das Modell stellt sich der politischen Abwehr jener entgegen, die eine staatliche Bevormundung befürchten, und überlässt den Familien die Entscheidung, wer zu Hause bleibt. Während diese beiden unterschiedlichen Ansätze, ein längerer Mutterschaftsurlaub und ein geteilter Elternurlaub, in den politischen Gremien aufeinandertreffen, verschärft sich die Debatte darüber, welches System der Schweizer Wirtschaft am besten dient.

Der Schweizer Gesellschaftsvertrag wird neu verhandelt

Die Einreichung von 110’000 Unterschriften markiert einen entscheidenden Wendepunkt im Schweizer Gesellschaftsvertrag. Es geht längst nicht mehr nur um Wochen und Monate, sondern um die grundlegende Frage, welchen Stellenwert die Familie in einer modernen Wirtschaft hat. Sollte die Petition Erfolg haben, wäre dies eine der bedeutendsten Ausweitungen des Schweizer Sozialstaats in den vergangenen Jahrzehnten. Kritikerinnen und Kritiker werden zweifellos auf die Kosten verweisen. Die Befürworterinnen und Befürworter argumentieren jedoch, die langfristigen Vorteile, gesündere Kinder, stärker engagierte Väter und eine höhere Erwerbsbeteiligung von Müttern, überwögen die anfänglichen Investitionen bei weitem. Während die Bundeskanzlei die Unterschriften prüft, wächst der Druck auf das Parlament, auf eine Öffentlichkeit zu reagieren, deren Anliegen über die geltenden Gesetze hinausgehen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Schweiz an ihrem vorsichtigen, konservativen Ansatz in der Familienpolitik festhält oder endlich in eine neue Ära sozialer Gerechtigkeit aufbricht, die den Forderungen der Bevölkerung entspricht.