Zum Inhalt springen
Swiss Observer

Neues biometrisches EU-System sorgt am Flughafen Genf für «endlos lange Warteschlangen»

Die Einführung des neuen Einreise-/Ausreisesystems (EES) der Europäischen Union führt am Flughafen Genf bei Touristinnen und Touristen aus Nicht-EU-Staaten zu erheblichen Verspätungen und langen Warteschlangen. Dies beeinträchtigt die Hochsaison für den Skitourismus und wirft Fragen zur Effizienz der Grenzkontrollen auf.

Neues biometrisches EU-System sorgt am Flughafen Genf für «endlos lange Warteschlangen»
AIThe Local Switzerland

Der Flughafen Genf ächzt unter der bürokratischen Last. Tausende Touristinnen und Touristen reisen zur Hauptsaison für den Skitourismus in die Schweiz und treffen statt auf Schweizer Effizienz auf endlos lange Warteschlangen und beispiellose Verspätungen. Schuld daran ist das neue Einreise-/Ausreisesystem (EES) der Europäischen Union, ein biometrisches Raster, das aus der einfachen Ankunft eine Geduldsprobe gemacht hat. Berichten zufolge sind die Wartezeiten für Personen aus Nicht-EU-Staaten auf beachtliche 2,5 Stunden gestiegen. Für einen Flughafen, der für eine reibungslose Anbindung an die Alpen bekannt ist, ist das ein schwerwiegendes Versagen.

Während in den Wintermonaten mit einem erhöhten Reiseaufkommen zu rechnen ist, bezeichnet der öffentlich-rechtliche Sender RTS die aktuellen Wartezeiten ausdrücklich als «aussergewöhnlich». Das ist kein gewöhnlicher Ferienverkehr, sondern ein systemischer Engpass. Besonders betroffen sind Reisende aus Grossbritannien und anderen Drittstaaten, die nun in Warteschlangen feststecken, welche den Beginn ihrer Ferien gefährden. Der Flughafen kämpft mit einer Krise, die seine Infrastruktur sichtbar belastet und die Zollbeamten unter enormen Druck setzt, während sie gegen die Uhr einen aussichtslosen Kampf führen.

Digitale Grenzen, analoge Verspätungen: Das EES-Debakel

Das Versprechen einer digitalen Vereinfachung ist mit der Realität hart kollidiert. Das EES, das im Oktober und November 2025 in der ganzen Schweiz eingeführt wurde, wurde als Modernisierung der Grenzsicherheit angepriesen. Stattdessen ist es zu einem logistischen Albtraum geworden. Das System schreibt die digitale Registrierung von Reisenden aus Ländern ausserhalb der EU und der EFTA vor, Norwegen, Island und Liechtenstein ausgenommen. Dafür sind individuelle biometrische Kontrollen nötig, die sich in der Praxis als quälend langsam erweisen.

Im Zentrum des Problems stehen technische Hindernisse. Das neue Verfahren verlangt bei der Einreise die Erfassung von Gesichtsbildern und Fingerabdrücken. Dieser Vorgang ist deutlich zeitaufwendiger als das bisherige Abstempeln von Pässen. Entsprechend stehen zahlreiche britische Touristinnen und Touristen sowie andere Besucherinnen und Besucher aus Ländern ausserhalb Europas in Warteschlangen, die sich durch das Terminal schlängeln. Dieses technische Hindernis ist nicht nur lästig, sondern gefährdet auch den Ruf des Schweizer Tourismus. Während das System bei der winterlichen Hochsaison erstmals einer grossen Belastungsprobe ausgesetzt ist, fällt das Urteil vernichtend aus: Die technische Ausrüstung ist vorhanden, die Effizienz hingegen fehlt.

Die Suche nach Lösungen: Gepäckberge und mehr Personal

Die Auswirkungen der Grenzkrise lähmen den Betrieb auch jenseits der Passkontrollen. In einer surrealen Szene geben die Gepäckbänder Koffer aus, die niemand abholen kann. Dadurch entstehen in den Gepäckausgabehallen massive Gepäckberge. Weil die Besitzerinnen und Besitzer stundenlang bei der Einreisekontrolle feststecken, werden ihre Ausrüstungsgegenstände und Koffer zu zusätzlichen logistischen Hindernissen. Die Flughafenbehörden mussten ein eigenes Team einsetzen, das sich ausschliesslich um die Ansammlung herrenlosen Gepäcks kümmert.

Um das Desaster einzudämmen, haben die Verantwortlichen des Flughafens Genf die Zahl der Mitarbeitenden in der Ankunftshalle verdoppelt. Diese Verstärkung soll die aufgebrachten Menschenmengen betreuen und Informationen bereitstellen, doch damit wird im Grunde nur eine klaffende Wunde notdürftig verbunden. Die Verantwortlichen beteuern zwar, sie würden «an einer Lösung des Problems arbeiten», doch angesichts des enormen Passagieraufkommens und der langsamen Abfertigung durch das EES dürften zusätzliche Mitarbeitende allein die systemischen Mängel des neuen Grenzkontrollverfahrens nicht ausgleichen können.

Eine Warnung für ganz Europa: Branchenriesen schlagen Alarm

Genf ist mit den Problemen nicht allein, sondern ein Vorbote für die europäische Luftfahrt. Das hier beobachtete Chaos ist symptomatisch für ein Versagen auf dem ganzen Kontinent. Drei Schwergewichte der Luftfahrtbranche, Airports Council International (ACI) Europe, Airlines for Europe (A4E) und IATA, haben die Europäische Kommission scharf kritisiert. Sie verweisen auf «anhaltend übermässig lange Wartezeiten von bis zu 2 Stunden» an verschiedenen Grenzübergängen und führen den Stillstand auf «chronischen Personalmangel bei den Grenzkontrollen» sowie «ungelöste Technologieprobleme» zurück.

Die Warnung der Branche ist deutlich und dringlich. Als kritischen Schwachpunkt nennen die Verbände die «sehr geringe Nutzung der Frontex-App zur Vorregistrierung», die verhindere, dass die Automatisierung wie vorgesehen funktioniere. Werden diese Probleme nicht sofort behoben, sind die aktuellen winterlichen Unannehmlichkeiten nur ein Vorgeschmack auf ein völliges Reisechaos im Sommer. Für die Schweiz, deren Ruf auf Zuverlässigkeit und Gastfreundschaft beruht, ist der anhaltende Ausfall des EES eine erhebliche Bedrohung für die Tourismuswirtschaft.