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Swiss Observer

Ermittlungen zum Brand in Crans-Montana: Sicherheitsmängel waren vor der Tragödie bekannt

Eine Untersuchung zum tödlichen Brand in einer Bar in Crans-Montana hat Dokumente zutage gefördert, die zeigen, dass die Gemeinde Monate vor dem Unglück, bei dem 41 Menschen ums Leben kamen, über Mängel bei den Brandschutzkontrollen informiert war. Der örtliche Feuerwehrkommandant wurde inzwischen von der Staatsanwaltschaft befragt.

Ermittlungen zum Brand in Crans-Montana: Sicherheitsmängel waren vor der Tragödie bekannt
AIThe Local Switzerland

Der verheerende Brand in der Bar Le Constellation war kein unvorhersehbarer Unfall, sondern eine Katastrophe, die sich nach jahrelang ignorierten Warnzeichen abgezeichnet hatte. Untersuchungen haben inzwischen bestätigt, dass Schweizer Sicherheitsinspektoren bereits im Januar 2018 kritische Gefahren in dem Lokal festgestellt hatten. Unglaubliche acht Jahre bevor das Feuer 40 Menschenleben forderte, verlangten die Behörden bereits von der Barleitung, fehlende Evakuierungspläne nachzureichen und den Standort der Feuerlöscher anzugeben.

Dabei handelte es sich nicht um geringfügige administrative Versäumnisse, sondern um grundlegende Verstösse gegen die öffentliche Sicherheit. 2018 wies der kommunale Sicherheitsbeauftragte den Geschäftsführer Jacques Moretti ausdrücklich an, die Kapazität auf 100 Personen pro Stockwerk zu begrenzen. Diese Anordnung scheint in der verhängnisvollen Silvesternacht tragischerweise missachtet worden zu sein. Der zeitliche Ablauf zeigt ein Muster der Nachlässigkeit, das ebenso empörend wie erschütternd ist. Während die Warnzeichen deutlich zu erkennen waren, liess die Umsetzung durch die Behörden auf sich warten. So feierten die Gäste in einem Lokal, das praktisch eine tickende Zeitbombe war.

Fünf Jahre ohne Brandschutzkontrollen

Eine schockierende Enthüllung über ein systemisches Versagen: Wie sich herausgestellt hat, wurde Le Constellation in den fünf Jahren vor der Tragödie kein einziges Mal einer Brandschutzkontrolle unterzogen. Von 2019 bis zur Brandnacht im Jahr 2026 verschwand das Lokal vom Radar der Aufsichtsbehörden. Diese Lücke klafft, obwohl die Gemeinde allein 2025 die enorme Zahl von 1400 Kontrollen durchführte. Ausgerechnet die Bar mit einer bekannten Vorgeschichte von Verstössen fiel durchs Raster.

Die Gemeinde hat eingeräumt, dass dieses Versäumnis ein «schwerwiegendes Versagen» darstellt. Den Familien der Opfer dürfte dieses Eingeständnis kaum Trost spenden. Im Mai 2019 erhielt Moretti eine Frist von drei Monaten, um die Sicherheitsvorschriften einzuhalten. Als diese Frist ablief, folgte Schweigen. Kein Inspektor kehrte zurück, um die Einhaltung zu überprüfen. Es wurden keine Betriebsschliessungen angeordnet. Dieses administrative Vakuum liess eine Kultur des «leichtfertigen Umgangs mit Risiken» ungehindert wachsen und trug direkt zu einem der tödlichsten Brände der jüngeren Schweizer Geschichte bei.

Eine tödliche Falle: Schaumstoff und verengte Ausgänge

Die Verhältnisse im Innern der Bar verwandelten eine Feier innert Sekunden in einen Albtraum. Forensische Berichte deuten darauf hin, dass es zu einem «Flashover» kam, als Wunderkerzen den leicht entflammbaren Akustikschaumstoff an der niedrigen Kellerdecke entzündeten. Augenzeugen berichteten von einem «Feuerball» und einem beängstigenden «Rauschen», als die Flammen den Sauerstoff verbrauchten. Doch der Grundriss des Gebäudes besiegelte das Schicksal der Opfer.

Am Fuss der Treppe, dem wichtigsten Fluchtweg, wurden erdrückende 34 Leichen übereinandergestapelt gefunden. Die Ermittlungen zeigen, dass Renovierungsarbeiten nach 2015 diesen entscheidenden Ausgang verengt und so einen tödlichen Engpass geschaffen hatten. Der Anwalt der Besitzer besteht zwar darauf, dass ein Notausgang «die ganze Zeit offen» gewesen sei, doch die düstere Realität der Opferzahl spricht dagegen. Die Kombination aus Schaumstoff aus dem Baumarkt, den Moretti nach eigenen Angaben getestet hatte, und beeinträchtigten Fluchtwegen schuf eine tödliche Falle, aus der Dutzende Jugendliche nicht entkommen konnten.

Vorstrafen und Lücken bei der Bewilligung

Wie kann eine Person mit einer Vorstrafe wegen Anstiftung zur Prostitution eine Bewilligung erhalten, um in einem Schweizer Ferienort ein bekanntes Lokal zu führen? Diese Frage erschüttert die Walliser Verwaltung. Jacques Moretti, der Miteigentümer, der sich nun in Haft befindet, wurde 2008 in Frankreich verurteilt. Dennoch erhielt er eine Bewilligung für den Betrieb von Le Constellation, obwohl der rechtliche Rahmen angeblich einen «einwandfreien Leumund» verlangt.

Die Gemeinde schweigt dazu, ob sie jemals Strafregisterauszüge aus Frankreich angefordert hat. Dieses Versäumnis deutet auf ein gravierendes Versagen bei der Überprüfung hin. Zwar wurde das Gesetz seither verschärft, doch bleibt die Tatsache bestehen, dass ein verurteilter Straftäter die Verantwortung für die Sicherheit von Hunderten Gästen übernehmen durfte. Die Kluft zwischen den gesetzlichen Anforderungen und ihrer praktischen Durchsetzung offenbart eine Nachlässigkeit, die Kritiker als symptomatisch für ein umfassenderes regulatorisches Malaise in der Region bezeichnen.

Wallis trauert und fordert Gerechtigkeit

Während sich die Morettis wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Brandstiftung verantworten müssen, steckt der Kanton Wallis in einer Vertrauenskrise. Rechtsexperten und Vertreter der italienischen Regierung kritisieren das Tempo und die Transparenz der Ermittlungen scharf. Sie verweisen auf Verzögerungen bei der Festnahme der Verdächtigen und der Sicherung von Beweismitteln. Alain Macaluso von der Universität Lausanne warnt, es brauche «unbedingt Transparenz», um das Vertrauen in die Justiz wiederherzustellen.

Die Tragödie von Crans-Montana muss zum Wendepunkt für die öffentliche Sicherheit in der Schweiz werden. Die Zeit der gleichgültigen Aufsicht ist vorbei. 66 Brandverletzte kämpfen in Spitälern in ganz Europa noch immer um ihre Genesung. Die schmerzvollen Folgen der Nachlässigkeit sind damit unmissverständlich deutlich geworden. Die Schweiz schaut nun hin und wartet, und sie verlangt nicht nur Antworten, sondern auch Rechenschaft für eine Katastrophe, die niemals hätte geschehen dürfen.