Medien
Das Ende einer Ära: Die Pendlerzeitung «20 Minuten» erscheint zum letzten Mal gedruckt
Ein bedeutender Wandel in der Schweizer Medienlandschaft: Die letzte grosse Gratis-Pendlerzeitung des Landes, «20 Minuten», hat ihre 26-jährige Printgeschichte beendet. Der Verlag TX Group wird sich künftig auf die digitale Präsenz der Zeitung konzentrieren.

Die Strassen der Schweiz verlieren ein Wahrzeichen. Nach einer prägenden 26-jährigen Geschichte ist an diesem Dienstag die letzte gedruckte Ausgabe von «20 Minuten» erschienen. Damit endet der Gratis-Tageszeitungsdruck im Land endgültig. Die legendären blauen Verteilboxen, einst allgegenwärtige Wächter an jedem grösseren Bahnhof und jeder Tramhaltestelle von Genf bis Zürich, werden abgebaut. Nur wenige werden in Museumssammlungen eine neue Heimat finden, die meisten verschwinden in der Geschichte. Sie sind Opfer einer Medienlandschaft, die sich unwiderruflich verändert hat.
Der Verlag TX Group hat einen Entscheid umgesetzt, den er erstmals diesen Sommer angekündigt hatte: Er stellt ein Format ein, das für Millionen Menschen zum morgendlichen Ritual gehörte. Das ist nicht bloss eine Änderung der Geschäftsstrategie, sondern auch ein kultureller Verlust. Das haptische Erlebnis, auf dem Weg zur Arbeit eine frische Zeitung aufzuschlagen, ist endgültig dem stillen Scrollen auf dem Smartphone gewichen. Die Abschiedsausgabe, die in den deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Regionen verteilt wurde, war ein letzter Grabstein für die Printära und blickte auf eine Geschichte zurück, die kurz vor der Jahrtausendwende begann.
Ein Gigant der Pendlerkultur
Auf ihrem Höhepunkt war «20 Minuten» ein Schwergewicht und verteilte täglich beeindruckende 600'000 Exemplare. Die Zeitung erschien erstmals im Dezember 1999 und berichtete nicht nur über das Tagesgeschehen, sondern prägte auch den Rhythmus des Schweizer Alltags. Lange bevor 5G-Netze und Social-Media-Feeds unsere Aufmerksamkeit beherrschten, machte diese Publikation Informationen für alle zugänglich und brachte sie Pendlerinnen und Pendlern kostenlos direkt in die Hände. Die Logistik war beeindruckend: Junge Verteilerinnen und Verteiler in gebrandeten Jacken strömten auf die Perrons und reichten einem interessierten Publikum Zeitungsstapel.
Die Zeitung war unangefochten führend und verdrängte die Konkurrenz mit unerbittlicher Effizienz. Mitbewerber wie Metropol, .CH, Blick am Abend und News versuchten, sich im Markt für Gratiszeitungen zu behaupten, gingen aber schliesslich ein. «20 Minuten» überdauerte sie alle und blieb als einzige in einem hart umkämpften Markt bestehen. Ihr Einfluss ging über die blosse Berichterstattung hinaus: Sie schuf eine gemeinsame nationale Erzählung, einen roten Faden, der den Banker in Zürich mit der Studentin in Lausanne verband. Heute ist dieser Faden gerissen. In der physischen Welt bleibt eine Lücke, die keine App vollständig schliessen kann.
Das wirtschaftliche Aus
Die wirtschaftlichen Probleme des Printgeschäfts haben den Riesen nun eingeholt. Trotz ihres grossen kulturellen Einflusses konnte «20 Minuten» den drastischen Rückgang der Printwerbeeinnahmen nicht aufhalten. Das Geschäftsmodell, das den Gratisjournalismus ein Vierteljahrhundert lang getragen hatte, ist unter dem Druck der digitalen Revolution zusammengebrochen. Der Druck und die Verteilung von Papier sind kostspielig. Werbetreibende sind immer weniger bereit, dafür aufzukommen, wenn digitale Werbung eine viel präzisere Zielgruppenansprache ermöglicht.
TX Group hat eine nüchterne, harte Rechnung gemacht. Das Printmodell war nicht mehr nachhaltig. «20 Minuten» ist mit dieser Entwicklung nicht allein, sondern lediglich der letzte Dominostein, der fällt. Andere Verlage erkannten schon vor Jahren, was auf sie zukam. Le News zum Beispiel gab seine Druckauflage von 30'000 Exemplaren bereits vor mehr als einem Jahrzehnt auf, weil die Kosten den Nutzen bei Weitem überstiegen. Die Einstellung von «20 Minuten» bestätigt endgültig, dass die Ära des werbefinanzierten Printjournalismus vorbei ist. Der Markt hat entschieden und lässt keinen Platz für Nostalgie.
Digitale Dominanz
Die Zeitung verschwindet, die Marke bleibt bestehen, steht aber vor völlig neuen Herausforderungen. «20 Minuten» gibt es nur noch als Website und App. Der Schritt wurde dadurch erleichtert, dass die Marke digitale Plattformen früh und konsequent nutzte. Pietro Supino, Chef der TX Medien, und sein Team setzen voll und ganz auf diese digitale Zukunft. Für den Verlag verläuft der Übergang nahtlos, für das Publikum ist er einschneidend. Die Inhalte bleiben, doch das Medium ist nun vollständig auf die leuchtenden Bildschirme in unseren Taschen beschränkt.
Dieser Wandel bedeutet im Bereich der Gratisnachrichten den vollständigen Sieg des Internets über die Druckerpresse. Die Unmittelbarkeit der digitalen Verbreitung hat den nächtlichen Druckzyklus überflüssig gemacht. Während die Schweiz den Verlust ihrer letzten gedruckten Gratis-Tageszeitung verarbeitet, ist die Botschaft klar: anpassen oder verschwinden. «20 Minuten» hat sich für die Anpassung entschieden und sichert so sein Überleben in der Cloud, während sein materielles Erbe Schraube für blaue Schraube von den Schweizer Strassen verschwindet.