Wirtschaft
Krise der deutschen Autoindustrie trifft Schweizer Fertigung und zwingt Werk zur Schliessung
Der Einbruch in der deutschen Automobilbranche wirkt sich unmittelbar auf die Schweiz aus. Ein Beispiel dafür ist der Entscheid der SFS Group, ihr Werk in Flawil zu schliessen. Dadurch gehen 110 Arbeitsplätze verloren, und die Anfälligkeit der Schweizer Lieferkette wird deutlich.

Derzeit hängen sage und schreibe 32'000 Schweizer Arbeitsplätze vom Schicksal der deutschen Automobilindustrie ab, und diese Verbindung wird immer brüchiger. Wenn Volkswagen niest, holt sich die Schweizer Industrie eine schwere Erkältung. Die Krise, die Deutschlands Automobilriesen derzeit erfasst, ist keine ferne Bedrohung mehr, sondern eine unmittelbare wirtschaftliche Ansteckung, die über den Rhein hinweg greift. Während Volkswagen mit einem möglichen Abbau von 120'000 Stellen und massiven Überkapazitäten in Europa konfrontiert ist, finden die unsichtbaren Schweizer Komponenten unter den Motorhauben von Millionen Autos plötzlich keinen Abnehmer mehr. Das ist nicht bloss ein Marktrückgang, sondern ein grundlegender Wandel der europäischen Industrielandschaft. Die Schweizer Hightech-Zulieferer, einst die stillen Motoren deutscher Ingenieurskunst, sind nun anfällig für den Rückgang der Nachfrage aus China und den chaotischen Übergang zu Elektrofahrzeugen. Die Präzision, die die Schweizer Fertigung über Jahrzehnte geprägt hat, steht vor ihrer bislang grössten Bewährungsprobe, während die deutschen Grosskonzerne darum kämpfen, ihre Existenz neu zu definieren.
Werk in Flawil schliesst, 110 Arbeitsplätze verschwinden
Hundertzehn Familien in Flawil haben soeben die Nachricht erhalten, die sie am meisten gefürchtet haben: Ihre Existenzgrundlage ist das jüngste Kollateralopfer im globalen Automobilkrieg. Der Entscheid der SFS Group, ihr Werk in Flawil bis 2027 zu schliessen, löste im Kanton St. Gallen Schockwellen aus. Die Belegschaft wurde davon völlig überrascht. Das Werk, eine Bastion Schweizer Präzision, stellt die komplexen Komponenten her, die deutsche Autos für ihre Qualität bekannt machen. Doch da die Produktionslinien in Deutschland zum Stillstand kommen oder von der herkömmlichen Verbrennungstechnologie wegschwenken, ist die Nachfrage nach diesen Spezialteilen stark eingebrochen. SFS nimmt nicht bloss kleinere Anpassungen vor, sondern amputiert sich einen Arm, um einen Markt zu überleben, der die bisherige Produktion nicht mehr in den Mengen nachfragt, die nötig wären, um einen Schweizer Standort zu erhalten. Die Schliessung ist ein düsteres Vorzeichen für weitere spezialisierte Produktionsstätten im Mittelland und macht eine brutale Realität deutlich: Schweizer Qualität schützt nicht, wenn der wichtigste Kunde in eine Abwärtsspirale gerät.
Schweizer Zulieferer kämpfen mit raubtierhaften Preisen
Swissmem-Präsident Martin Hirzel hat eine schmerzhafte Wahrheit offengelegt: Schweizer Hersteller haben Volkswagen jahrelang faktisch mitfinanziert und dessen Ineffizienz ausgeglichen. Während die deutschen Autohersteller zusehen, wie ihre Gewinne schwinden, nehmen sie ihre Zulieferer ins Visier und drücken deren Margen bis an die Grenze. Es ist ein Kampf zwischen David und Goliath, in dem David seine Schleuder verliert. Schweizer Unternehmen müssen «raubtierhafte» Bedingungen akzeptieren, nur um ihre Produktionslinien am Laufen zu halten. Das führt zu einem gefährlichen Rückgang des Kapitals und des Innovationspotenzials. Anja Schulze vom Swiss Centre for Automotive Research bestätigt, dass die Belegschaft von 32'000 bereits zu schrumpfen begonnen hat, während die Zulieferer «äusserst schwierige Jahre» durchstehen. Das Machtverhältnis hat sich drastisch verschoben: Wo früher eine Partnerschaft auf höchstem Niveau bestand, herrscht nun ein verzweifelter Kampf ums Überleben. Von Schweizer Unternehmen wird verlangt, mit weniger mehr zu leisten, obwohl die Energie- und Arbeitskosten in der Schweiz weiterhin zu den höchsten der Welt gehören.
Die Zukunft neu gestalten: von der Krise zur Chance
Auch wenn die Aussichten derzeit düster sind, könnte eine radikale Umstrukturierung der deutschen Industrie der «längst überfällige» Schock sein, den die Schweizer Fertigung braucht, um sich weiterzuentwickeln. Martin Hirzel argumentiert, dass Volkswagen und seine Konkurrenten, wenn sie diese Krise erfolgreich bewältigen und wieder profitabel werden, endlich «angemessene Preise» für die hochwertigen Komponenten zahlen könnten, die die Schweiz liefert. Die Zeit, in der Schweizer Zulieferer die Ineffizienz deutscher Unternehmen finanzieren, muss vorbei sein. Vorausschauende Schweizer Unternehmen blicken bereits über die Automobilbranche hinaus und diversifizieren in die Medizintechnik, die Luft- und Raumfahrt sowie in den Bereich der grünen Energie, wo Schweizer Präzision weiterhin als unbestrittener Goldstandard gilt. Die Schliessung in Flawil ist für die 110 Betroffenen eine Tragödie, aber auch ein Weckruf für das ganze Land. Die Schweiz muss sich neu ausrichten. Die Zukunft der Schweizer Fertigung liegt nicht darin, ein untergeordneter Bestandteil der deutschen Maschinerie zu sein, sondern darin, durch Diversifizierung und technologische Unabhängigkeit die nächste industrielle Revolution anzuführen. Die Krise ist da, doch die Reaktion darauf wird die Schweizer Wirtschaft für das nächste halbe Jahrhundert prägen.