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Swiss Observer

UNICEF-Bericht zeigt erhebliche Bildungsunterschiede aufgrund der sozialen Herkunft in der Schweiz

Laut einer neuen Analyse von UNICEF hängen die Bildungschancen von Kindern in der Schweiz stark vom sozioökonomischen Status ihrer Familie ab. Der Bericht zeigt erhebliche Unterschiede beim Erwerb grundlegender Kompetenzen zwischen privilegierten und benachteiligten Jugendlichen.

UNICEF-Bericht zeigt erhebliche Bildungsunterschiede aufgrund der sozialen Herkunft in der Schweiz
AISWI swissinfo.ch

Der Ruf der Schweiz als Land der Chancengleichheit wird von einer brutalen Realität eingeholt. Eine neue, vernichtende Analyse von UNICEF zeigt, dass Bildungserfolg im Alpenland keine Frage der Leistung, sondern eine Geburtslotterie ist. Während der Schweizer Sozialstaat unermüdlich daran arbeitet, die absolute Armut zu lindern, gelingt es ihm nicht, die Kluft zu überbrücken, die sich schon ganz am Anfang des Lebens auftut. In einem internationalen Vergleich, der alle politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger in Bern alarmieren sollte, gehört die Schweiz inzwischen zu den Ländern mit den extremsten Unterschieden zwischen privilegierten und benachteiligten Jugendlichen. Es handelt sich nicht länger um eine kaum beachtete Sorge, sondern um eine systemische Krise. Der Bericht unterstreicht, dass das Schicksal eines Kindes von den Bankkonten und dem Bildungsniveau seiner Eltern bestimmt wird, lange bevor es die ersten Prüfungen ablegt. Während sich das Land mit diesen Erkenntnissen auseinandersetzt, verflüchtigt sich der Mythos der «gleichen Ausgangslage». An seine Stelle tritt die ernüchternde Realität einer Zweiklassengesellschaft, die bereits im Klassenzimmer beginnt.

Bildungspolitisches Versagen: die Kompetenzkluft von 45 Prozentpunkten

Die Zahlen sind schlicht erschütternd: 91 % der Jugendlichen aus privilegierten Schweizer Haushalten beherrschen grundlegende Kompetenzen, während gerade einmal 46 % der benachteiligten Jugendlichen diesen Meilenstein erreichen. Die gewaltige Kluft von 45 Prozentpunkten gefährdet die Zukunft der Schweizer Erwerbsbevölkerung. Finanzielle Mittel, die Bildung der Eltern und die Möglichkeit, im Alltag beim Lernen zu unterstützen, sind die entscheidenden Faktoren, die diese Kluft verursachen. Während sich Wohlhabende private Nachhilfe und ein anregendes Umfeld leisten können, müssen sich Kinder aus einkommensschwachen Familien mit immer weniger Ressourcen in einem komplexen System zurechtfinden. Diese Ungleichheit wirkt sich nicht nur auf die Noten aus. Sie bestimmt auch, wer Zugang zu gefragten Lehrstellen und Universitäten erhält, und hält so der Schweizer Mittelschicht faktisch die Tür offen oder verschliesst sie. Die Daten deuten darauf hin, dass beinahe die Hälfte des benachteiligten Potenzials des Landes vergeudet wird, noch bevor diese Jugendlichen erwachsen sind. Dies ist ein gravierendes Versagen der Bildungsinfrastruktur und erfordert sofortige, entschlossene Massnahmen, damit sich in einem der reichsten Länder der Welt keine dauerhafte Unterschicht bildet.

Armut vergiftet die Grundlagen des Wohlbefindens

Die Ungleichheit in der Schweiz beschränkt sich nicht auf das Klassenzimmer. Sie dringt bis an den Esstisch vor und beeinträchtigt die psychische Gesundheit der nächsten Generation. Benachteiligte Jugendliche berichten von einer deutlich geringeren Lebenszufriedenheit. Dieser Trend deutet darauf hin, dass die psychische Belastung durch Armut zunimmt. Die Unterschiede zeigen sich auch bei der Ernährung: Während 52 % der privilegierten Jugendlichen täglich Gemüse essen, sind es in den unteren sozioökonomischen Schichten nur 43 %. Das ist nicht bloss eine Frage des Lebensstils, sondern ein Zeichen dafür, dass sich «Ernährungsunsicherheit» auch in wohlhabenden Schweizer Kantonen ausbreitet. Wenn Kinder weniger zufrieden mit ihrem Leben sind und sich nicht ausgewogen ernähren, werden ihre Chancen im schulischen und sozialen Wettbewerb zusätzlich beeinträchtigt. Der UNICEF-Bericht zeichnet ein düsteres Bild einer Kindheit, die von Mangel geprägt ist: mangelnde Unterstützung, mangelnde Gesundheit und mangelnde Hoffnung. Dieser umfassende Rückgang des Wohlbefindens unter armen Menschen ist eine Zeitbombe für das Schweizer Gesundheits- und Sozialsystem, denn Benachteiligungen in jungen Jahren summieren sich zu chronischen Problemen im Erwachsenenalter.

Ein Jahrzehnt des wirtschaftlichen Niedergangs aufarbeiten

Die Schweiz erlebt derzeit eine beispiellose Zunahme der Ungleichheit: Kinderarmut und Einkommensunterschiede sind im letzten Jahrzehnt um mehr als 10 % gestiegen. UNICEF warnt, dass die Schweiz inzwischen zu den OECD-Ländern gehört, in denen diese Bereiche am stärksten zunehmen. Für ein Land, das stolz auf seine Stabilität und seinen gesellschaftlichen Zusammenhalt ist, ist dies eine schockierende Kehrtwende. Der Trend verlangsamt sich nicht, sondern beschleunigt sich. Während die Lebenshaltungskosten in Zentren wie Zürich und Genf neue Höchststände erreichen, verlieren die verletzlichsten Familien zunehmend den Boden unter den Füssen. Die Folgen liegen auf der Hand: Ohne einen grundlegenden Kurswechsel bei der Unterstützung einkommensschwacher Haushalte und ihrer Einbindung in den Bildungserfolg wird das soziale Gefüge des Landes weiter brüchig. Die Zeit für schrittweise Veränderungen ist vorbei. Die Schweiz muss nun entscheiden, ob sie eine Bastion des gemeinsamen Wohlstands bleiben will oder weiter auf eine gespaltene Gesellschaft zusteuert, in der nur noch der Wohnort und das Diplom der Eltern zählen.