Umwelt
Giftige Reifenrückstände in Schweizer Gemüse nachgewiesen
Eine Bundesstudie weist bedenkliche Mengen reifenbedingter Chemikalien in lokal angebautem Gemüse nach und wirft Fragen zur Lebensmittelsicherheit und Umwelt auf.

Jedes dritte in der Schweiz verkaufte Gemüse ist mit giftigen Reifenrückständen belastet. Diese erschreckende Erkenntnis stammt aus einer noch nicht veröffentlichten Studie des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), die in der Schweizer Lebensmittelsicherheitsgemeinschaft für Aufsehen gesorgt hat. Forschende der EPFL in Lausanne analysierten rund hundert Proben alltäglicher Lebensmittel und deckten dabei auf, wie unbemerkt Industriechemikalien in die Ernährung der Bevölkerung gelangen.
Die Belastung beschränkt sich nicht auf seltene Kulturen. Die Studie wies Zusatzstoffe aus der Reifenproduktion in Grundnahrungsmitteln nach, die in fast jeder Schweizer Küche zu finden sind: Salat, Spinat, Kartoffeln, Karotten und Tomaten. Dass diese Gemüse so weit verbreitet sind, macht die Ergebnisse besonders bedeutsam. Unabhängig davon, ob die Produkte in der Schweiz oder in Nachbarländern wie Italien, Spanien und Frankreich angebaut wurden, zeichnen die Ergebnisse ein besorgniserregendes Bild einer weitreichenden Umweltbelastung. Wir atmen nicht länger nur die Abgase des Verkehrs ein, wir essen sie auch.
Das unsichtbare Transportnetz
Wie gelangen Zusatzstoffe, die für eine lange Lebensdauer auf Asphalt entwickelt wurden, in einen Kürbis auf einem Schweizer Bauernhof? Der Mechanismus ist ebenso allgegenwärtig wie unsichtbar. Der genaue Weg wird zwar noch untersucht, doch die Hinweise deuten auf einen unaufhörlichen Kreislauf des Transports durch die Umwelt. Diese Schadstoffe, die täglich von Millionen Fahrzeugen abgegeben werden, verschwinden nicht einfach. Sie werden von den Strassen gespült, dringen in den Boden ein und gelangen in grosser Menge in die Wassersysteme, wo sie schliesslich von den Wurzeln der Pflanzen aufgenommen werden, die wir essen.
Die Studie zeigt, dass Hersteller diese Verbindungen gezielt einsetzen, um die Leistungsfähigkeit und Lebensdauer von Reifen zu verbessern. Diese technische Widerstandsfähigkeit wird nun jedoch zu einer Belastung für die Umwelt. Die Chemikalien überwinden die Grenze zwischen industrieller Infrastruktur und biologischen Systemen. Da die Proben von Grosshändlern und Detailhändlern im ganzen Land stammen, verteilt die Lieferkette diese Schadstoffe unbewusst vom Strassenrand bis in den Kühlschrank.
Reifen: der grösste Schadstoffverursacher
Wir müssen uns dem gewaltigen Ausmass des Problems stellen: Reifen sind für erschreckende 90 % der Mikroplastikverschmutzung verantwortlich. Eine wichtige Studie der EMPA, der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt, widerlegt die Vorstellung, Kunststoffverpackungen seien der einzige Übeltäter. Tatsächlich erzeugt die Reibung zwischen Gummi und Strasse den überwiegenden Teil des Mikroplastiks, das in unsere Umwelt gelangt.
Dabei handelt es sich nicht um eine geringfügige Freisetzung, sondern um eine Flut von Schadstoffen. Jeder gefahrene Kilometer trägt dazu bei, dass sich diese Partikel in unserem Ökosystem ansammeln. Der Fokus auf Abgasemissionen hat den physischen Abrieb der Reifen selbst lange in den Hintergrund gedrängt. Nun, da diese Partikel in unseren Lebensmitteln nachgewiesen werden, lässt sich der ökologische Preis der Mobilität kaum mehr ignorieren. Die Schweiz ist mit ihrem dichten Strassennetz und dem hohen Verkehrsaufkommen unmittelbar mit dieser materiellen Realität konfrontiert.
Das toxische Unbekannte
Die möglichen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit sind alarmierend und weitgehend unerforscht. Die Forschung zum Verzehr durch Menschen steckt noch in den Anfängen, doch Tierstudien geben Anlass zu grosser Sorge. Eine US-Studie aus dem Jahr 2020 brachte die Reifensubstanz 6PPD mit dem plötzlichen Tod von 40 bis 90 % der Coho-Lachspopulationen in städtischen Gewässern in Verbindung. Die Substanz war für die Fische so giftig, dass sie allein durch den Kontakt mit Abflusswasser ganze Populationen dezimierte.
Wenn diese Chemikalien massenhaftes Sterben von Wasserlebewesen verursachen können, muss ihr Vorkommen in einem Drittel unseres Gemüses umgehend untersucht werden. Wir stehen vor einem toxischen Rätsel. Zwischen den nachgewiesenen Umweltschäden und den unbekannten Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit klafft eine Lücke, die die Aufsichtsbehörden dringend schliessen müssen. Während wir auf weitere Analysen des BLV warten, bleibt die Frage: Erleben wir die ersten Warnzeichen einer neuen Krise für die öffentliche Gesundheit?