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Swiss Observer

Schweiz kürzt internationale Hilfe für Organisationen mit Sitz in Genf

Kürzungen bei UNAIDS und der UNESCO schaffen angesichts der Aussetzung der US-Auslandshilfe Unsicherheit für das Internationale Genf.

Schweiz kürzt internationale Hilfe für Organisationen mit Sitz in Genf
AISWI swissinfo.ch

Das Internationale Genf steht vor einer beispiellosen existenziellen Bedrohung. In einem Schritt, der Schockwellen durch die diplomatischen Korridore geschickt hat, hat die Schweiz bestätigt, dass sie die Finanzierung von UNAIDS ab 2025 vollständig einstellen wird. Damit entgehen der Organisation jährlich 3 Millionen CHF. Diese innenpolitische Sparmassnahme trifft frontal auf eine globale Krise: die Aussetzung der US-Auslandshilfe durch die Trump-Regierung. Der Zeitpunkt könnte kaum katastrophaler sein.

Die Stimmung in der Stadt ist angespannt. Organisationen, die sich lange auf die Stabilität der Schweiz verlassen haben, sehen sich nun mit einer unberechenbaren Realität konfrontiert. Christine Stegling, stellvertretende Exekutivdirektorin von UNAIDS, findet deutliche Worte: «Das ist ein harter Schlag, und der Zeitpunkt ist besonders ungünstig.» Dabei handelt es sich nicht einfach um eine Budgetanpassung, sondern um einen systemischen Schock. Da die USA ihre Beiträge bis zum Abschluss einer Überprüfung eingefroren haben, bricht das Sicherheitsnetz für die in Genf ansässigen Institutionen auseinander. Der Schweizer Entscheid, sich in diesem kritischen Moment zurückzuziehen, signalisiert einen drastischen Wandel in der aussenpolitischen Haltung des Landes und lässt die «humanitäre Hauptstadt der Welt» auf unsicherem Boden zurück.

Kahlschlag: Das Ausmass der Kürzungen

Die Zahlen sind erschreckend. Das Schweizer Parlament hat mit brutaler Effizienz den Rotstift angesetzt und allein im Budget 2025 110 Millionen CHF gestrichen. Doch damit ist es nicht getan. Für den Zeitraum 2026 bis 2028 werden weitere gewaltige 321 Millionen CHF von der Finanzierung der Entwicklungszusammenarbeit abgezogen. Dies ist ein gezielter Abbau langjähriger finanzieller Verpflichtungen.

UNAIDS ist nur der erste Dominostein, der fällt. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) kappt auch die finanzielle Unterstützung für die UNESCO und die Globale Partnerschaft für Bildung. Die Zukunftsaussichten zeichnen ein noch düstereres Bild: UNICEF muss mit einer drastischen Kürzung der Schweizer Beiträge um 25 Prozent rechnen, während dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) und UN Women jeweils Kürzungen von 20 Prozent bevorstehen. Das sind keine geringfügigen Einsparungen, sondern tiefe Einschnitte in den operativen Kern von Organisationen, die mit globaler Stabilität betraut sind. Die Botschaft aus Bern ist unmissverständlich: Die Ära der garantierten Schweizer Grosszügigkeit ist vorbei.

Der Trump-Faktor: Eine transatlantische Schockwelle

Während Bern den Gürtel enger schnallt, hat Washington den Geldhahn ganz zugedreht. Die Unsicherheit in Genf wird durch die dreimonatige Aussetzung der Auslandshilfe von US-Präsident Donald Trump zusätzlich verstärkt. Für Organisationen wie UNAIDS könnte dies das Ende bedeuten. Die Organisation ist für 40 Prozent ihres Gesamtbudgets auf die USA angewiesen.

Die Abhängigkeit von amerikanischer Finanzierung legt eine kritische Schwachstelle im internationalen System offen. Solange die Überprüfung durch die USA aussteht, sind die Organisationen gelähmt und können kaum über das unmittelbar bevorstehende Quartal hinaus planen. Stegling warnt, sie müssten sich nun auf «drastische Sparmassnahmen» einstellen. Dieser transatlantische Druck schafft einen perfekten Sturm: Die Schweiz zieht sich zurück, während sich gleichzeitig der wichtigste Garant für die weltweite Hilfe zurücknimmt. Das Ergebnis ist eine Finanzkrise historischen Ausmasses, die HIV-Kliniken zur Schliessung und die Einstellung wichtiger Dienstleistungen weltweit zwingen könnte, noch bevor das Geschäftsjahr zur Hälfte vorbei ist.

Waffen statt Entwicklungshilfe: Der strategische Kurswechsel

Warum wendet sich die Schweiz, ein Land, das als Inbegriff des Humanitarismus gilt, von der Entwicklungshilfe ab? Die Antwort liegt in einer radikalen Neuausrichtung der nationalen Prioritäten. Die Bundesregierung leitet Mittel zur Stärkung der Schweizer Streitkräfte um und signalisiert damit einen Wechsel von Soft Power zu harter Sicherheit. Das Sparprogramm soll ausdrücklich Mittel für Militärausgaben freisetzen.

Die Rechnung ist jedoch nicht vollständig leer, sie wird lediglich neu geschrieben. Während die traditionelle Entwicklungshilfe versiegt, sagt die Schweiz 1,5 Milliarden CHF für den Wiederaufbau der Ukraine und 1,6 Milliarden CHF für die internationale Klimafinanzierung zu. Dieser Kurswechsel spiegelt eine neue geopolitische Realität wider, in der die Sicherheit Europas und die Klimakrise Vorrang vor der Entwicklung im Globalen Süden haben. Für die Genfer Organisationen, die sich Gesundheit, Bildung und Gleichstellung der Geschlechter widmen, fühlt sich dieser strategische Kurswechsel jedoch wie ein Verrat an der humanitären Tradition der Schweiz an.

Globale Folgen: Die Schutzbedürftigen im Stich lassen

Die Folgen dieser Entscheide werden in Menschenleben zu messen sein. Bis Ende 2028 wird sich die Schweiz vollständig aus ihren Entwicklungsprogrammen in Albanien, Bangladesch und Sambia zurückgezogen haben. Dieser Rückzug ist vollständig. In Sambia werden Hilfsprojekte bereits abgewickelt und hinterlassen Lücken, die von den lokalen Regierungen kaum geschlossen werden können.

«Den höchsten Preis werden die besonders schutzbedürftigen Menschen zahlen», betont Stegling. Das ist die düstere Realität hinter der Bilanz. Wenn HIV-Kliniken mangels Rücklagen schliessen, bleiben Patientinnen und Patienten ohne lebensrettende Behandlung. Wenn Bildungspartnerschaften aufgelöst werden, verlieren Kinder ihre Chance auf eine Zukunft. Der Rückzug der Schweiz von der internationalen Bühne mag die Bücher in Bern ins Gleichgewicht bringen, hinterlässt im Ausland aber ein Erbe der Instabilität. Während das Internationale Genf mit dieser neuen Sparpolitik ringt, müssen sich die am stärksten marginalisierten Bevölkerungsgruppen der Welt fragen, wer, wenn überhaupt jemand, die Lücke füllen wird.