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Swiss Observer

Rekordausgaben und eindringliche Warnungen in der Schweizer Debatte über eine Obergrenze von 10 Millionen

Während das Referendum «Nein zu 10 Millionen» näher rückt, verzeichnet die Schweiz auf beiden Seiten Rekordausgaben für den Abstimmungskampf. Die Gegner warnen vor einem gravierenden Arbeitskräftemangel und hohen Kosten für die Haushalte, während die Befürworter für nachhaltiges Wachstum plädieren. So entsteht eine tief spaltende politische Auseinandersetzung.

Rekordausgaben und eindringliche Warnungen in der Schweizer Debatte über eine Obergrenze von 10 Millionen
AIThe Local Switzerland

Erstaunliche 15 Millionen Franken sind in die Kassen des Abstimmungskampfs zum Referendum vom 14. Juni geflossen und haben alle bisherigen Rekorde für politische Ausgaben in der Schweiz pulverisiert. Diese beispiellose Kriegskasse, die von der Eidgenössischen Finanzkontrolle offengelegt wurde, übertrifft den bisherigen Rekord von 10 Millionen Franken um satte 50 Prozent. Die Initiative «Nein zu 10 Millionen» hat ein finanzielles Wettrüsten entfacht, bei dem die Wirtschaftselite des Landes auf konservative Schwergewichte trifft. Während die Schweizerische Volkspartei (SVP) und ihre Verbündeten mehr als 6,4 Millionen Franken gesammelt haben, darunter dank Schwergewichten wie Christoph Blocher und Thomas Matter, geben ihre Gegner mit beachtlichen 9 Millionen Franken mehr aus. Allein Economiesuisse hat unglaubliche 4,2 Millionen Franken zugesagt, um den Kampf gegen die von ihr so bezeichnete «Chaos-Initiative» anzuführen. Es geht längst nicht mehr nur um eine politische Sachdebatte, sondern um eine finanzielle Konfrontation mit hohem Einsatz, in der es um nichts weniger als die Definition des Schweizer Wohlstands geht. Während der Abstimmungstermin im Juni näher rückt, sind die Medien und Strassen von Botschaften gesättigt, was die tiefe Spaltung des Landes über seine demografische Zukunft widerspiegelt.

Die Schwelle von 9,5 Millionen: eine verfassungsrechtliche Zeitbombe

Der Schweiz steht eine starre neue Realität bevor, sollte der Artikel der SVP zur «nachhaltigen Bevölkerungsentwicklung» in die Verfassung aufgenommen werden. Der Vorschlag verlangt eine klare Obergrenze: Vor dem Jahr 2050 darf die ständige Wohnbevölkerung 10 Millionen Menschen nicht überschreiten. Die eigentliche Dringlichkeit liegt jedoch bei der Schwelle von 9,5 Millionen. Sollte die Bevölkerung diese Marke vorzeitig erreichen, wären Bundesrat und Parlament gesetzlich verpflichtet, sofort drastische Massnahmen zur Eindämmung des Wachstums zu ergreifen. Dieser «Auslösemechanismus» setzt der Politik eine drohende Frist und zwingt sie, von liberalen Arbeitsmärkten zu strengen Abschottungsmassnahmen überzugehen. Die Befürworter argumentieren, dies sei der einzige Weg, um die «Schweizer Lebensqualität» zu bewahren und zu verhindern, dass sich das Land in eine überlastete Megalopolis verwandle. Kritiker sehen darin hingegen ein demografisches Korsett, das die natürlichen Bedürfnisse einer modernen Wirtschaft ausser Acht lässt. Die Initiative schlägt nicht einfach eine Begrenzung vor, sondern schreibt einen grundlegenden Wandel im Verhältnis der Schweiz zur Welt vor und überträgt der Bundesregierung unmittelbar die Verantwortung für die Bevölkerungsbegrenzung.

Wirtschaftliche Folgen: Milliarden für Schweizer Renten auf dem Spiel

Fast jeder Schweizer Haushalt könnte die Folgen eines Ja zu spüren bekommen, wie neue Untersuchungen auf eine Milliardenlücke im Staatshaushalt hinweisen. Eine wichtige Studie von Demgrafik warnt: Eine Obergrenze könnte zwar den Druck auf den Wohnungsmarkt und die Infrastruktur lindern, der finanzielle Preis dafür wäre jedoch verheerend. Für das umlagefinanzierte staatliche Rentensystem (AHV/AVS) wird über Jahrzehnte hinweg eine jährliche Verschlechterung um mehrere Milliarden Franken prognostiziert. Wenn die Erwerbsbevölkerung schrumpft und die Bevölkerung altert, wird das Verhältnis zwischen Beitragszahlenden und Rentnerinnen und Rentnern drastisch sinken und damit die Stabilität des sozialen Sicherheitsnetzes gefährden. Zudem dürften die Steuereinnahmen schneller zurückgehen, als die Regierung ihre Ausgaben senken kann. Dadurch entsteht ein strukturelles Defizit, das zu höheren Steuern oder einem Abbau von Leistungen führen könnte. Die Befürworter verweisen auf Einsparungen bei der Sozialhilfe und merken an, dass die Ausgaben für die staatliche Altersvorsorge derzeit zehnmal höher sind als die Sozialhilfekosten. Die Studie legt jedoch nahe, dass diese Einsparungen angesichts der drohenden Rentenkrise kaum ins Gewicht fallen. Die Schweiz steht vor einer klaren Wahl: Sie kann ihr heutiges Sozialversicherungsmodell beibehalten oder eine kleinere, aber möglicherweise ärmere Zukunft in Kauf nehmen.

Arbeitskräftemangel: die drohende Krise im Gesundheits- und Bauwesen

Die Schweiz ist so stark auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen, dass eine Bevölkerungsobergrenze wichtige Wirtschaftsbereiche lahmlegen könnte. Von den sterilen Gängen der Spitäler bis zu den staubigen Gerüsten grosser Infrastrukturprojekte stehen die Warnsignale auf Rot. Untersuchungen zeigen, dass der Gesundheitssektor, der bereits mit einem Mangel an qualifizierten Fachkräften kämpft, besonders stark betroffen wäre. Ohne einen stetigen Zustrom von Arbeitskräften aus der EU könnte die Qualität der Versorgung der älter werdenden Schweizer Bevölkerung rasch abnehmen. Auch die Bauwirtschaft steht vor einer ähnlichen Herausforderung: Gerade jene Infrastruktur, die laut den Befürwortern vor einer «Überlastung» geschützt werden soll, könnte ohne ausländische Arbeitskräfte nicht mehr instand gehalten oder ausgebaut werden. Gegner wie der Schweizerische Gewerkschaftsbund und Unia argumentieren, dass eine Einschränkung der Zuwanderung das Wachstum nicht bloss stoppen, sondern zu einem Rückgang wichtiger Dienstleistungen führen würde. Die Regierung räumt zwar ein, dass eine Obergrenze den Druck auf die Umwelt verringern könnte. Für die Unternehmen bedeutet die unmittelbare Realität jedoch eine verzweifelte Suche nach Fachkräften, die auf dem inländischen Arbeitsmarkt schlicht nicht verfügbar sind. Bei der Abstimmung über «Nein zu 10 Millionen» geht es in vielerlei Hinsicht darum, wer die Schweiz von morgen aufbauen und sich um sie kümmern wird.

Der Entscheid: Am 14. Juni fällt das Urteil über die Zukunft des Wachstums

Am 14. Juni haben die Schweizer Stimmberechtigten es in der Hand, die demografische und wirtschaftliche Entwicklung des Landes neu auszurichten. Es geht um mehr als eine kleine Anpassung der Politik: Im Zentrum steht die Grundsatzdebatte darüber, wie die Schweiz im Jahr 2050 aussehen soll. Der Schweizerischen Volkspartei ist es gelungen, die Frage unter den Gesichtspunkten «Nachhaltigkeit» und «Lebensqualität» zu rahmen und damit Ängste vor steigenden Mieten und überfüllten Zügen aufzugreifen. Das breite Spektrum der Gegner, von der Sozialistischen Partei bis zu den Wirtschaftsschwergewichten bei Economiesuisse, deutet jedoch auf die grosse Sorge hin, ein Ja könnte wirtschaftlicher Selbstschädigung gleichkommen. Der Entscheid des Bundesrates, die Demgrafik-Studie vorzeitig zu veröffentlichen, unterstreicht die Tragweite der Situation. Damit erhalten die Stimmberechtigten vor dem Urnengang einen nüchternen Blick auf die Kosten. Während der rekordverdächtige Abstimmungskampf in seine letzte und aggressivste Phase geht, richtet sich der Blick der Welt darauf, ob die Schweiz angesichts des Wachstums die Notbremse ziehen oder ihren Weg als integrierter, wachsender europäischer Knotenpunkt fortsetzen wird. Das Ergebnis wird weit über die Alpen hinaus nachhallen und zeigen, ob ein moderner, wohlhabender Staat seine eigene Grösse rechtlich begrenzen kann oder soll.