Wirtschaft
Schweizerische Nationalbank senkt Leitzins historisch um 0,5 Prozentpunkte
In einem überraschenden Schritt hat die Schweizerische Nationalbank ihren Leitzins um 0,5 Prozentpunkte gesenkt. Dies ist die grösste einzelne Senkung seit Jahren und signalisiert einen bedeutenden Kurswechsel in der Geldpolitik.

Bern hat an den Finanzmärkten weltweit Schockwellen ausgelöst. Entgegen den Erwartungen der meisten Ökonominnen und Ökonomen hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihren Leitzins drastisch um 0,5 Prozentpunkte auf nur noch 0,5 Prozent gesenkt. Das ist keine vorsichtige Anpassung, sondern ein entschlossener, mutiger Schritt. Es ist die vierte Senkung in Folge seit März und die grösste einzelne Reduktion seit Jahren.
Während der Konsens von einer moderaten Senkung um 25 Basispunkte ausging, legte die SNB doppelt so stark nach und signalisierte damit, dass die Zeit des Abwartens vorbei ist. Diese «überraschend kräftige» Senkung unterstreicht einen entscheidenden Kurswechsel in der Schweizer Geldpolitik. Die Zentralbank tritt nicht mehr nur auf die Bremse, um die restriktive Geldpolitik zu lockern, sondern drückt kräftig aufs Gas, um eine wirtschaftliche Stagnation zu verhindern. Das Wachstum im dritten Quartal wurde als lediglich «moderat» beschrieben und dürfte 2024 nur 1,0 Prozent erreichen. Die SNB geht kein Risiko ein. Dieser entschlossene Schritt zeigt, dass die Schweizer Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger bereit sind, einen eigenen Weg einzuschlagen, um die Volkswirtschaft angesichts der Abkühlung der Weltwirtschaft zu schützen.
Inflation eingedämmt: Die Zahlen hinter dem Rückgang
Die Inflation in der Schweiz hat sich nicht einfach verlangsamt, sie wurde praktisch eingedämmt. Die Zahlen zeigen deutlich, dass sich die Preise viel schneller abgekühlt haben als erwartet. Die Konsumentenpreise stiegen im November im Jahresvergleich nur um 0,7 Prozent. Das steht in starkem Gegensatz zur Eurozone, die weiterhin mit einer hartnäckigen Inflationsrate von 2,3 Prozent zu kämpfen hat. Die SNB hat auf diese Daten mit grosser Konsequenz reagiert.
«Seitdem ist die Inflation wieder gesunken», erklärte SNB-Präsident Martin Schlegel und begründete damit die entschlossene Haltung der Bank zur Preisstabilität. Die Zentralbank ist von diesem Abwärtstrend überzeugt, wie ihre deutlich gesenkten Inflationsprognosen zeigen. Nun rechnet sie für 2025 mit einem Rückgang der Inflation auf nahezu unsichtbare 0,3 Prozent, deutlich weniger als zuvor prognostiziert. Das liegt weit unter der Obergrenze von 2 Prozent und verschafft der SNB erheblichen Handlungsspielraum. Während die Nachbarländer Mühe haben, die steigenden Preise einzudämmen, steht die Schweiz vor der umgekehrten Herausforderung: zu verhindern, dass die Inflation ganz verschwindet. Da die Strompreise im Januar weiter sinken dürften, lässt der Druck auf die Lebenshaltungskosten nach. Damit ist der Weg frei für diese historische geldpolitische Lockerung.
Globale Turbulenzen: Trump, Zölle und politische Unruhe
Die Schweiz ist eine offene Volkswirtschaft, die sich in einer turbulenten Welt zurechtfinden muss. Der Entscheid der SNB fiel nicht im luftleeren Raum, sondern vor dem Hintergrund zunehmender geopolitischer Spannungen und lähmender Unsicherheit. Die bevorstehende Rückkehr von Donald Trump ins Weisse Haus im Januar wirft einen langen Schatten auf den Welthandel. Seine Ankündigung, hohe Zölle auf Importe zu erheben, weckt die Gefahr eines Handelskriegs, der exportabhängige Länder wie die Schweiz schwer treffen könnte.
«Die Unsicherheit über die Wirtschaftsaussichten hat zugenommen», warnte die SNB und verwies ausdrücklich auf die unklare Zukunft der US-Wirtschaftspolitik. Die Bedrohungen beschränken sich jedoch nicht auf den Atlantik. Auch Europa ist von politischer Instabilität geprägt. In Deutschland stehen nach dem Bruch der Regierungskoalition im Februar vorgezogene Wahlen an, und die französische Regierung wurde kürzlich von Abgeordneten gestürzt. In Paris entstand dadurch ein Machtvakuum. In diesem chaotischen Umfeld stärkt die SNB die Schweizer Wirtschaft. Mit der Zinssenkung schirmt sie das inländische Wachstum vorsorglich gegen mögliche Folgen einer zersplitterten Weltordnung ab, in der «geopolitische Spannungen zu einer schwächeren Entwicklung der globalen Wirtschaftsaktivität führen könnten».
Währungskämpfe: Der Franken verliert an Wert
Der Schweizer Franken, der als «sicherer Hafen» oft den Preis für seinen eigenen Erfolg zahlt, verlor nach der Ankündigung unmittelbar an Wert. Gegenüber dem Dollar und dem Euro gab die Währung um 0,3 Prozent nach. Die SNB dürfte diese Reaktion begrüssen. Ein übermässig starker Franken hat Schweizer Exporteure lange belastet und ihre Waren im Ausland verteuert. Die Zinssenkung wirkt diesem Druck gezielt entgegen.
Die SNB bleibt jedoch wachsam. Die Zentralbank erklärte ausdrücklich, sie sei bei Bedarf «bereit, am Devisenmarkt aktiv zu bleiben». Das ist eine klare Warnung an Währungsspekulanten: Sie sollten Berns Entschlossenheit nicht auf die Probe stellen. Die SNB lockert den Druck derzeit, behält aber die Mittel, um einzugreifen, falls die Währungsschwankungen zu stark werden. Ziel ist ein heikles Gleichgewicht: den Franken so weit abzuschwächen, dass Exporte und Tourismus unterstützt werden, ohne importierte Inflation heraufzubeschwören. In diesem anspruchsvollen Währungsspiel war die Senkung um 0,5 Prozentpunkte ein kraftvoller erster Zug, um die Kontrolle über den Franken zurückzugewinnen.
Ausblick: Ist der Zinssenkungszyklus vorbei?
Ist der Tiefpunkt erreicht, oder folgen weitere Senkungen? Die Signale sind uneinheitlich und machen die Konjunkturprognosen zum umkämpften Terrain. In ihrer überarbeiteten geldpolitischen Lagebeurteilung erwähnte die SNB weitere Senkungen nicht mehr ausdrücklich. Deshalb gehen manche Analysten davon aus, dass die Senkung um 0,5 Prozentpunkte der krönende Abschluss war. Adrian Prettejohn von Capital Economics meint, der Schritt deute darauf hin, dass die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger dies als «letzte Zinssenkung des Zyklus» betrachteten.
Es könnte jedoch verfrüht sein, gegen weitere Lockerungen zu wetten. Prettejohn selbst rechnet im nächsten Jahr mit mindestens einer weiteren Senkung. Er argumentiert, die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger würden erneut «gezwungen sein, ihre Inflationserwartungen nach unten zu korrigieren». Da die Inflationsprognose für 2025 bereits bei winzigen 0,3 Prozent liegt, gibt es keinen Spielraum für Fehler. Sollte die Weltwirtschaft weiter ins Straucheln geraten oder die Politik der Trump-Regierung eine globale Rezession auslösen, bleibt der SNB möglicherweise nichts anderes übrig, als die Zinsen erneut zu senken. Vorerst können Schweizer Kreditnehmende aufatmen. Die SNB bleibt jedoch in höchster Alarmbereitschaft und ist bereit, ihre Mittel einzusetzen, falls sich der wirtschaftliche Wind erneut dreht.