Zum Inhalt springen
Swiss Observer

Schweizer Behörden untersuchen kontaminierte Säuglingsmilch nach Rückrufen

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen hat eine Untersuchung zu Rückrufen von Säuglingsmilch grosser Marken wie Nestlé und Danone eingeleitet. Anlass sind Meldungen über eine Kontamination mit dem Toxin Cereulid und fünfzehn damit zusammenhängende Krankheitsfälle in der Schweiz.

Schweizer Behörden untersuchen kontaminierte Säuglingsmilch nach Rückrufen
AISWI swissinfo.ch

Fünfzehn Säuglinge sind erkrankt und damit eine weitreichende Untersuchung des Bundes ausgelöst, die die Schweizer Lebensmittelsicherheit erschüttert hat. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hat offiziell eine Untersuchung zur Kontamination von Säuglingsmilch mit dem gefährlichen Toxin Cereulid eingeleitet. Es handelt sich nicht um eine Routinekontrolle, sondern um eine direkte Reaktion auf einen öffentlichen Gesundheitsalarm, bei dem mehr als ein Dutzend besonders gefährdete Säuglinge Symptome erlitten haben, die auf diese Produkte zurückzuführen sind.

Der stellvertretende BLV-Direktor Michael Beer bestätigte gegenüber Blick, dass «die Laboranalysen laufen». Damit beginnt eine umfassende Untersuchung, um den zeitlichen Ablauf der Ereignisse zu rekonstruieren. Die Behörden handeln rasch, um genau festzustellen, wie es zu diesem Vorfall kommen konnte und vor allem, warum. Das Vorkommen von Cereulid, einem Toxin, das bekanntermassen schwere Brechreizsymptome auslösen kann, in Lebensmitteln für die besonders verletzlichste Bevölkerungsgruppe wird als schwerwiegendes Versagen behandelt. Ziel der Untersuchung ist es, die Lieferkette Schritt für Schritt zu überprüfen und den genauen Zeitpunkt der Kontamination zu ermitteln. Damit zeigen die Schweizer Behörden, dass sie bei Verstössen gegen die Lebensmittelsicherheit eine harte Linie verfolgen.

Branchenriesen unter Beschuss

Grosse Branchenunternehmen stehen nun im Visier der Aufsichtsbehörden und der Konsumentenschutzorganisationen. Von den Rückrufen sind einige der grössten Namen der Branche betroffen, darunter Nestlé, Hochdorf sowie die französischen Unternehmen Vitagermine und Danone. Besonders im Fokus steht jedoch Danone. Die Stiftung für Konsumentenschutz erhebt schwere Vorwürfe und wirft dem Unternehmen vor, mit dem Rückruf von Chargen seiner Marke Aptamil zugewartet zu haben.

Das Ausmass des Problems ist beträchtlich: Rückrufe wurden nach und nach nicht nur in der Schweiz, sondern auch über die europäischen Landesgrenzen hinweg eingeleitet. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Die Qualitätskontrollen dieser multinationalen Konzerne haben versagt. Michael Beer vom BLV äusserte offen seine «Unzufriedenheit» mit der Reaktion der Unternehmen. Damit bringt er die Frustration von Eltern im ganzen Land zum Ausdruck. Es zeichnet sich das Bild einer schleppenden Reaktion der Unternehmen auf unmittelbare Gesundheitsgefahren ab. Das ist ein gefährliches Spiel, wenn die Gesundheit von Säuglingen auf dem Spiel steht. Dass sich die Stiftung für Konsumentenschutz eingeschaltet hat, deutet darauf hin, dass es nicht mehr nur um eine regulatorische Angelegenheit geht, sondern auch um einen Kampf um das Vertrauen der Konsumentinnen und Konsumenten.

Null Toleranz bei Verzögerungen

«Es ist inakzeptabel, dass Lebensmittel mit Toxinen kontaminiert werden können, ohne dass sofort gehandelt wird», erklärt Michael Beer und setzt damit einen klaren Massstab für die Branche. Das BLV hat deutlich gemacht, dass die Konsequenzen schwerwiegend sein werden, falls die Untersuchungen ergeben, dass Unternehmen verspätet reagiert oder ihre Sorgfaltspflichten nicht erfüllt haben. Möglich sind Bussen oder sogar die Einleitung eines Strafverfahrens. Die Botschaft aus Bern ist unmissverständlich: Wenn es um die Sicherheit von Säuglingen geht, gibt es keinen Spielraum für Fehler.

Beer vertritt die Haltung einer Aufsichtsbehörde, die keine Kompromisse eingeht. «Besteht ein potenzielles Gesundheitsrisiko, muss unverzüglich ein Rückruf in grossem Umfang erfolgen, lieber ein Rückruf zu viel als einer zu wenig», betonte er. Dies deutet auf einen Wandel hin zu einer strengeren Regulierung, bei der von den Herstellern erwartet wird, ihre Lieferanten mit äusserster Konsequenz zu kontrollieren. Die Untersuchung wird prüfen, ob diese Unternehmen den Schutz ihres Rufs über die unmittelbare Sicherheit der Bevölkerung gestellt haben. Sollte dies der Fall sein, könnten die rechtlichen Folgen beispiellos sein.

Sicherheitslage und Ausblick

Trotz der Besorgnis bemühen sich die Behörden heute, Eltern zu beruhigen. Michael Beer rief zur Ruhe auf und erklärte unmissverständlich, Eltern, die derzeit Säuglingsmilch kaufen, «haben keinen Grund zur Sorge». Das BLV rechnet nicht mit weiteren grossangelegten Rückrufen. Dies deutet darauf hin, dass die kontaminierten Chargen wahrscheinlich erfolgreich isoliert und aus der Lieferkette entfernt worden sind.

Welche langfristigen Folgen der Vorfall für die Schweizer Milch- und Babynahrungsindustrie haben wird, bleibt jedoch abzuwarten. Der Vorfall ist ein deutlicher Weckruf. Die Hersteller sind nun in der Pflicht, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um künftige Kontaminationen zu verhindern. Die unmittelbare Gefahr scheint zwar vorüber zu sein, doch das Vertrauen zwischen Schweizer Eltern und diesen globalen Marken ist erschüttert. Die kommenden Wochen werden entscheidend sein, wenn die Untersuchung abgeschlossen und das gesamte Ausmass der Haftung offengelegt wird. Vorerst sind die Regale sicher, doch die Überprüfung wird dauerhaft sein.