Demografie
Schweizer Geburtenziffer sinkt laut BFS auf Rekordtief
Die Geburtenziffer der Schweiz sank 2024 laut Bundesamt für Statistik auf den historischen Tiefststand von 1,29 Kindern pro Frau. Die neuen Daten deuten auf einen bedeutenden demografischen Wandel hin: Die Menschen bekommen weniger Kinder und gründen später im Leben eine Familie.

Die Schweiz erlebt derzeit einen demografischen Einbruch, der die Grundlagen ihrer Zukunft infrage stellt. Die Geburtenziffer ist auf 1,29 Kinder pro Frau gesunken, den tiefsten Wert, der je vom Bundesamt für Statistik verzeichnet wurde. Das ist keine geringfügige Schwankung, sondern ein tiefgreifender Wandel. Mit nur 78 000 Lebendgeburten im Jahr 2024 verzeichnete das Land seit 2019 einen Rückgang von 9,2 Prozent. Einen derart breiten Rückgang gab es zuletzt während der gesellschaftlichen Umbrüche der 1970er-Jahre. Der Ersatzwert von 2,07, also die Zahl, die nötig wäre, um die Bevölkerungszahl ohne Migration stabil zu halten, ist inzwischen weit entfernt. Die Schweiz schrumpft von innen heraus und muss sich mit einer Realität auseinandersetzen, in der die Wiegen zunehmend leer bleiben, während die Erwerbsbevölkerung immer schneller altert.
Die biologische Uhr trifft auf moderne Berufslaufbahnen
Die durchschnittliche Schweizer Mutter ist inzwischen 32,4 Jahre alt. Berufliche Ambitionen und finanzielle Sicherheit haben Vorrang, während die biologischen Grenzen näher rücken. Bei der Geburt des ersten Kindes sind Mütter heute im Durchschnitt 31,3 Jahre alt, Väter 35,3. Dieser Aufschub ist eine überlegte Reaktion auf eine Berufswelt, die viele als elternfeindlich wahrnehmen. Ganze 50 Prozent der jungen Erwachsenen glauben, ein Kind werde ihre beruflichen Aussichten beeinträchtigen. Frauen sind besonders pessimistisch, was die «Mutterschaftsstrafe» betrifft. Da sich das Alter bei der Familiengründung immer weiter in die Dreissigerjahre verschiebt, schliesst sich das Zeitfenster für weitere Kinder. Auch der Anstieg der IVF-Behandlungen, auf die 2023 3,1 Prozent der Geburten zurückgingen, kann die biologischen Folgen des Aufschubs nicht vollständig ausgleichen.
Das Ende der grossen Schweizer Familie
Der Traum von der Drei-Kinder-Familie verblasst in der ganzen Eidgenossenschaft. Die Zahl der Drittgeburten ist seit 2019 um 13,6 Prozent eingebrochen, der stärkste Rückgang aller Kategorien. Die Zwei-Kinder-Familie gilt zwar weiterhin als Schweizer Norm, verliert aber rasch an Boden. Die Statistiken zeigen eine zunehmende Abkehr von der Elternschaft: Die Zahl der Zwanzig- bis 29-Jährigen, die gar keine Kinder möchten, hat sich beinahe verdreifacht und stieg von 6 Prozent im Jahr 2013 auf 17 Prozent im Jahr 2023. Dieser kulturelle Wandel betrifft alle Landesteile und macht weder vor dem Röstigraben noch vor Stadt und Land halt. Ob in Zürich oder im Wallis: Der Wunsch nach grossen Familien schwindet. An seine Stelle tritt die Präferenz für kleinere, leichter zu bewältigende Haushalte oder ein Leben ganz ohne Kinder.
Wirtschaftliche Sorgen und die Zukunft der Eidgenossenschaft
Die Qualität der Beziehung und die finanzielle Sicherheit bestimmen heute, ob in der Schweiz Kinder geboren werden. 2023 nannten 56 Prozent der Befragten die Arbeitsbedingungen und die Verfügbarkeit von Kinderbetreuung als ausschlaggebende Faktoren für ihre Familienplanung. Auch der wahrgenommene «Glücksgewinn» durch Kinder nimmt ab: Nur 41 Prozent der jungen Erwachsenen glauben, ein Kind würde ihre Lebenszufriedenheit steigern. Das ist deutlich weniger als noch vor zehn Jahren. Dieser Wandel zwingt die Schweiz zu einer grundlegenden Debatte über ihren Gesellschaftsvertrag. Hält die aktuelle Entwicklung an, drohen der Schweiz ein Arbeitskräftemangel und ein belastetes Rentensystem. Die Daten des BFS sind ein deutlicher Weckruf: Ohne tiefgreifende Veränderungen bei der Kinderbetreuung und der Aufteilung der Hausarbeit werden die Schweizer Wiegen weiter verstummen. Das Land muss sich dann mit einer alternden Bevölkerung auseinandersetzen, auf die es noch nicht vorbereitet ist.