Wirtschaft
Von Krawatten bis Temu: Ein Einblick in den Wandel der Schweizer Wirtschaft
Ein Blick auf die sich wandelnde Schweizer Wirtschaft: Der letzte Krawattenhersteller des Landes schliesst nach 70 Jahren seine Türen, der Wäschehersteller Calida verkauft eine US-Marke und der chinesische E-Commerce-Riese Temu geht eine Partnerschaft mit lokalen KMU ein, um deren digitale Präsenz auszubauen.

Ein 70-jähriges Erbe ist im Nu zerfallen. Die Bachmann Krawatten AG, die letzte Bastion der Schweizer Krawattenherstellung, schliesst ihren Betrieb in Zürich. Damit verlieren 11 Mitarbeitende ihre Arbeit und das Land seine einzige inländische Quelle für formelle Halsbekleidung. Das ist nicht bloss ein Geschäftsausfall, sondern eine kulturelle Kapitulation. Sieben Jahrzehnte lang prägte Bachmann die Schweizer Berufskleidung, doch der Aufstieg des «Casual Friday» und die durch die Pandemie ausgelöste Revolution der Telearbeit haben sich als fatal erwiesen. Direktor Peter Bachmann bestätigt, dass die Nachfrage stark eingebrochen ist, während die Krawatte sich von einer täglichen Notwendigkeit zu einem gefährdeten Relikt wandelt. Gleichzeitig üben kostengünstige asiatische Konkurrenten einen erdrückenden Preisdruck aus, dem die Schweizer Handwerkskunst mit ihren hohen Löhnen schlicht nicht standhalten kann. Selbst feste institutionelle Abnehmer wie die Schweizer Armee und die Polizeikorps reichen nicht mehr aus, um die Webstühle am Laufen zu halten. Der Knoten hat sich endgültig gelöst.
Calidas strategischer Rückzug
Effizienz ist die neue Währung in der Schweizer Textilbranche. Der Luzerner Konzern Calida hat soeben die Abspaltung seiner US-Marke Cosabella bekannt gegeben und sie für eine nicht genannte Summe an die New Yorker Crown Brands Group verkauft. Dieser Schritt erfolgt nur vier Jahre, nachdem Calida die Marke für stattliche 80 Millionen US-Dollar übernommen hatte. Die Zahlen erzählen eine drastische Geschichte: Der Umsatz von Cosabella brach im ersten Halbjahr 2026 um 36,6 Prozent ein und zog die Geschäftsentwicklung der Gruppe nach unten. Calida richtet sich nun mit kompromissloser Präzision neu aus und gibt seine amerikanischen Expansionspläne auf, um seine Flaggschiffmarken Calida und Aubade zu schützen. Während der Konzern einen Rückgang des Gesamtumsatzes um 7,9 Prozent auf 93,7 Millionen Franken meldete, soll dieser Verkauf der Bilanz wieder «operative und finanzielle Flexibilität» verschaffen. In einem Markt, in dem Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten weltweit am zweithäufigsten Fast Fashion kaufen, müssen Luxusmarkenhersteller entweder auf ihr hochpreisiges Nischensegment setzen oder mit dem Aussterben rechnen.
Temus Vormarsch
Wenn man sie nicht schlagen kann, schliesst man sich ihnen an. In einem Schritt, der in der Detailhandelsbranche für Aufsehen gesorgt hat, unterzeichnete der Schweizerische Gewerbeverband ein Memorandum of Understanding mit dem chinesischen E-Commerce-Riesen Temu. Die Partnerschaft, die von 2026 bis 2027 läuft, soll für 9000 Schweizer Unternehmen die digitale Kluft überbrücken. Schweizer Politikerinnen und Politiker hatten zuvor Einschränkungen für chinesische Händler gefordert, doch die Realität vor Ort entwickelt sich zunehmend in Richtung Zusammenarbeit. Temu, das seinen Marktplatz im September 2025 für lokale Schweizer Verkäufer geöffnet hat, positioniert sich nun als Tor für lokale KMU zu neuen, digital versierten Kundengruppen. Das Programm verspricht Schulungen und «Digitalisierung» für Unternehmen, denen es schwergefallen ist, eine eigene Online-Infrastruktur aufzubauen. Die Allianz ist jedoch spannungsgeladen. Lokale Detailhändler kritisieren weiterhin den «unfairen» Wettbewerbsdruck durch Direktimporte aus China, während ihr eigener Branchenverband Vereinbarungen mit dem Herausforderer schliesst.
Eine Nation im wirtschaftlichen Wandel
Die Schweiz steht an einem Scheideweg. Der gleichzeitige Niedergang der traditionellen Fertigung und die Annäherung an aggressive globale E-Commerce-Plattformen signalisieren einen tiefgreifenden Strukturwandel. Wir erleben die «Amazonisierung» der Alpen, in der Traditionsmarken wie Bachmann zu Randnotizen werden und Agilität zur einzigen Überlebensstrategie wird. Der Rückgang bei Krawatten und der Verkauf ausländischer Vermögenswerte mit schwacher Leistung wie Cosabella spiegeln eine Schweizer Wirtschaft wider, die sich häutet. Während der Schweizerische Gewerbeverband darauf setzt, dass Temu die Arbeitsplätze seiner 40 000 Beschäftigten sichert, bleibt die Frage: Kann Schweizer Qualität in der schnelllebigen, margenschwachen Welt des globalen digitalen Handels bestehen? Der Wandel ist chaotisch, dringend und unvermeidlich. Die Schweiz ist nicht mehr nur ein Land der Uhren und Schokolade, sondern ein Versuchslabor dafür, wie eine Hochkostenwirtschaft in einer grenzenlosen, digital geprägten Welt überlebt.