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Swiss Observer

Ausländische Einwohnerinnen und Einwohner von Moutier bereiten sich auf neue Stimmrechte vor

Über 1'100 ausländische Einwohnerinnen und Einwohner in Moutier erhalten kommunale und kantonale Stimmrechte, während die Stadt zum Kanton Jura wechselt. Informationsveranstaltungen helfen den neuen Stimmberechtigten, ihre demokratischen Pflichten zu verstehen.

Ausländische Einwohnerinnen und Einwohner von Moutier bereiten sich auf neue Stimmrechte vor
AISWI swissinfo.ch

In Moutier ist ein tiefgreifender Wandel der demokratischen Mitbestimmung im Gang. Während sich die Stadt auf ihren historischen Wechsel vom Kanton Bern zum Kanton Jura im Jahr 2026 vorbereitet, wird die politische Landschaft grundlegend neu gestaltet. Während der Kanton Bern an einer restriktiven Haltung festhält und Nichtbürgerinnen und Nichtbürgern das Stimmrecht verweigert, verfolgt der Kanton Jura einen mutigen, inklusiven Ansatz. Dieser Wechsel führt dazu, dass ausländische Staatsangehörige unmittelbar das Stimmrecht erhalten, und macht den deutlichen Unterschied zwischen den beiden kantonalen Systemen sichtbar.

Die Folgen sind weitreichend. Ausländische Einwohnerinnen und Einwohner, die seit zehn Jahren in der Schweiz und erst seit einem Jahr im Kanton leben, können nun die Zukunft ihres Wohnorts mitgestalten. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine bürokratische Anpassung, sondern um eine grundlegende Ausweitung der politischen Mitbestimmung. Das Konkordat zwischen den beiden Kantonen stellt sicher, dass die Wohnsitzdauer in Moutier an die juranische Voraussetzung angerechnet wird und erleichtert damit die Integration erheblich. Die offizielle Karte ändert sich 2026, die demokratische Realität hingegen schon jetzt. Damit beginnt für die Region eine neue Ära der politischen Vertretung.

Das Schweigen brechen: 1'100 neue Stimmen

Eine beeindruckende Zahl von 1'100 Einwohnerinnen und Einwohnern tritt aus dem politischen Abseits. Ausländische Staatsangehörige machen fast 30 Prozent der Bevölkerung von Moutier aus, doch bis jetzt waren ihre Stimmen an der Urne systematisch ausgeschlossen. Der Stadtpräsident Marcel Winistoerfer, der während einer kürzlich abgehaltenen Informationsveranstaltung sichtlich bewegt war, unterstrich die Bedeutung dieses Moments. «Ich kenne Menschen im Raum, die seit mehr als 50 Jahren auf diesen Moment gewartet haben», sagte er und verwies auf das jahrzehntelange Schweigen, das langjährige Einwohnerinnen und Einwohner ertragen mussten.

Die portugiesische Gemeinschaft, die grösste ausländische Bevölkerungsgruppe der Stadt, wird erheblich an Einfluss gewinnen. Durch diese breite Ausweitung des Stimmrechts verändert sich die Wählerschaft praktisch über Nacht. Stadtrat Valentin Zuber begrüsste die neuen Stimmberechtigten in den acht meistgesprochenen Sprachen der Region und betonte, dass sie nun das «Recht haben, ihre Meinung zum politischen Leben ihrer Stadt zu äussern». Das ist keine symbolische Geste, sondern eine erhebliche Verschiebung der demografischen Machtverhältnisse, die neu bestimmt, wer über die Zukunft von Moutier entscheidet.

Das komplexe Schweizer Stimmverfahren verstehen

Demokratie will geübt sein, und Moutier verliert keine Zeit. An einem gut besuchten Informationsabend am Montag setzten sich rund 50 künftige Stimmberechtigte mit der berüchtigten Komplexität des Schweizer Abstimmungssystems auseinander. Coline Steullet-Scherrer von der Staatskanzlei des Kantons Jura leitete einen praxisnahen Einführungskurs und verteilte fiktive Stimmkuverts an ein lernbegieriges Publikum. Die Teilnehmenden gingen konzentriert an die grosse Menge an Unterlagen heran, die für eine gültige Stimmabgabe nötig sind.

Viele Anwesende zeigten sich überrascht über das komplizierte Verfahren, ein Kennzeichen der direkten Demokratie in der Schweiz. Die Komplexität tat der Begeisterung jedoch keinen Abbruch. Die Veranstaltung bildete eine wichtige Brücke zur Integration und machte aus abstrakten Rechten konkrete Fähigkeiten. Indem sich die neuen Stimmberechtigten bereits jetzt mit dem Ausfüllen des Stimmzettels vertraut machen, stellen sie sicher, dass ihre Stimmen bei der nächsten Abstimmung nicht wegen formaler Fehler ungültig werden. Dieser vorausschauende Ansatz zeigt, wie stark sich die ausländische Bevölkerung von Moutier für ihre staatsbürgerlichen Pflichten einsetzt.

Unmittelbare Auswirkungen an der Urne

Die Auswirkungen der Ausweitung des Stimmrechts werden unmittelbar spürbar sein. Die neuen Stimmberechtigten müssen nicht bis zum Kantonswechsel 2026 warten, um mitzuentscheiden. In einem wegweisenden Schritt dürfen sie bereits im Oktober an den kantonalen Wahlen im Jura teilnehmen. Zudem werden sie bei wichtigen kommunalen Angelegenheiten mitbestimmen, darunter beim Budget 2026, bei den Steuersätzen und bei neuen Organisationsreglementen, die an das Recht des Kantons Jura angepasst sind.

Für die erweiterte Wählerschaft ist dies eine Bewährungsprobe. Sie soll unmittelbar den finanziellen und rechtlichen Rahmen für die Zukunft ihrer Stadt mitgestalten. Die Ausweitung dieser politischen Rechte war ein wichtiges Argument im Abstimmungskampf für den Kantonswechsel, und nun wird dieses Versprechen eingelöst. Moutier richtet sich auf den Jura aus und verfügt dabei über ein repräsentativeres, inklusiveres und stärkeres demokratisches Gemeinwesen als je zuvor.