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Swiss Observer

Entgleisen am Gotthard hätte verhindert werden können, Bericht macht ignorierte Warnungen verantwortlich

Ein Expertenbericht zum Entgleisen im Gotthard-Basistunnel im Jahr 2023 zeigt, dass die Betreiber eine Reihe von Warnsignalen ignorierten, bevor ein gebrochenes Rad eines Güterzugs Schäden in Höhe von 150 Millionen Franken und eine einjährige Schliessung verursachte.

Entgleisen am Gotthard hätte verhindert werden können, Bericht macht ignorierte Warnungen verantwortlich
AISWI swissinfo.ch

Der Ruf der Schweiz als Land der Präzisionstechnik hat einen schweren Schlag erlitten: Ein neuer Expertenbericht zeigt, dass das Entgleisen im Gotthard-Basistunnel im Jahr 2023 nicht bloss ein technischer Zufall, sondern eine vermeidbare Katastrophe war. Schäden in Höhe von 150 Millionen Franken und eine einjährige Schliessung hätten verhindert werden können, wenn die Betreiber eine Flut von Warnsignalen beachtet hätten. Der vom Tessiner Staatsanwalt in Auftrag gegebene Bericht legt eine beunruhigende Realität offen: Der längste Eisenbahntunnel der Welt war gefährdet, weil menschliches und systemisches Versagen einem gebrochenen Güterzugrad erlaubten, sich durch das Herz der Alpen zu fressen. Das Versagen blieb nicht unbemerkt: Das System schrie um Hilfe, doch der Zug setzte seine Kollisionsfahrt über Kilometer fort. Der Vorfall stellt die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) nun vor unangenehme Fragen zur Sicherheitskultur und zur betrieblichen Integrität. Der Tunnel ist eine lebenswichtige Verkehrsader für den europäischen Handel. Diese Erkenntnis legt jedoch nahe, dass der Ruf der Schweizer Bahn als präzises Uhrwerk auf geborgte Zeit laufen könnte.

Acht verpasste Gelegenheiten, die Katastrophe zu verhindern

Acht Warnmeldungen leuchteten in Pollegio auf den Überwachungsbildschirmen auf, bevor der Güterzug schliesslich auseinanderbrach. Während eines kritischen Zeitfensters von 2,5 Minuten erkannte das System Unregelmässigkeiten, die einen sofortigen Nothalt hätten auslösen müssen. Stattdessen fuhr der Zug weiter. Der Bericht beschreibt, wie das zerbrochene Rad des elften Wagens wichtige Kabel durchtrennte und eine «Fehlerkette» auslöste, die die Monitore im Kontrollraum leuchtend rot aufleuchten liess. Trotz dieser alarmierenden Anzeigen griff niemand ein. Der Urner Parlamentarier Josef Dittli kritisiert das Versagen scharf: Wenn ein System rot aufleuchte und niemand handle, sei das System selbst kaputt. Schliesslich überfuhr der Zug bei der Station Faido eine Weiche. Das herabhängende Rad zerstörte dort die Motoren, die die Weichenzungen bewegten, und riss den Zug damit praktisch auseinander. Es handelte sich nicht um eine plötzliche Explosion, sondern um eine Katastrophe in Zeitlupe, die die Überwachungszentrale in Echtzeit mitverfolgte, ohne die Tragweite der Situation zu erkennen.

Systemische Blindheit lähmt Sicherheitsprotokolle

Besonders alarmierend ist die Erkenntnis, dass die Fahrdienstleiter durch eine Kultur routinemässiger Störungen möglicherweise «blind» geworden waren. Hinweise deuten darauf hin, dass wegen defekter Achszähler in anderen Abschnitten während Wochen immer wieder ähnliche Fehlermeldungen angezeigt wurden. So entstand eine «Der-Wolf-kommt»-Situation, in der eine echte Gefahr mit routinemässigen Wartungsmeldungen verwechselt wurde. Die SBB-Sprecherin Sabrina Schellenberg hält zwar daran fest, dass die Betriebsleitung korrekt gehandelt habe, und argumentiert, die Systeme überwachten die Infrastruktur und nicht einzelne Züge. Die Kritiker überzeugt das jedoch nicht. Philipp Hadorn von der Gewerkschaft des Bahnpersonals sagt, ein Nothalt sei angesichts einer solchen Datenflut die einzig logische Folge gewesen. Der Gegensatz ist deutlich: Die SBB sagt, das System habe «einwandfrei» funktioniert, weil es die Fehler gemeldet habe. Sicherheitsexperten halten dagegen, eine Meldung sei nutzlos, wenn daraus keine Massnahme folge. Diese systemische Blindheit zeigt eine entscheidende Lücke zwischen automatischer Erkennung und menschlichem Eingreifen im Hochgeschwindigkeitsbahnverkehr.

Die Aufarbeitung eines Versagens mit Schäden von 150 Millionen Franken

Die Folgen des Entgleisens reichen weit über die zerstörte Weiche in Faido hinaus. Die Reparaturkosten von mehr als 150 Millionen Franken haben beispiellose wirtschaftliche Auswirkungen auf den Schweizer Transitverkehr. Der Gotthard-Basistunnel ist mehr als eine Abkürzung: Er ist ein geopolitisches Zeichen für die Vernetzung der Schweiz. Während die Tessiner Staatsanwaltschaft die Erkenntnisse dieses Berichts prüft, richtet sich der Blick auf die Zukunft. Die SBB stehen nun vor der Aufgabe, sicherzustellen, dass «technische Störungen» nie wieder als harmlos abgetan werden. Experten wie Hans-Peter Vetsch argumentieren, dass sich ein Entgleisen nicht aus einer einfachen Störung des Achszählers hätte ableiten lassen. Doch das Ausmass der Zerstörung verlangt einen grundlegenden Wandel beim Umgang mit Daten. Die Schweiz muss künftig ihre Abhängigkeit von Hightech-Automatisierung mit der Notwendigkeit einer entschlossenen menschlichen Aufsicht in Einklang bringen. Die Lehren aus dem Dunkel des Gotthards werden im kommenden Jahrzehnt die Sicherheitsstandards im weltweiten Bahnverkehr prägen.