Gesellschaft
Zürichs grösste Zunft stimmt für die Aufnahme von Frauen
Historischer Entscheid der Zunft zur Meisen beendet eine jahrhundertealte Männertradition und ermöglicht Frauen die uneingeschränkte Teilnahme am Sechseläuten

Ein tiefgreifender kultureller Wandel hat Zürichs mittelalterliche Grundfesten endlich erreicht. Mit einem wegweisenden Entscheid, der jahrhundertealte patriarchalische Traditionen auf den Kopf stellt, hat die Zunft zur Meisen, die Zunft der Zürcher Weinleute und Maler, dafür gestimmt, ihre Geschlechtergrenzen aufzuheben. Der Entscheid war nicht bloss knapp, sondern fiel mit überwältigender Mehrheit: 88% der Mitglieder stimmten für die uneingeschränkte Aufnahme von Frauen.
Dies ist ein Wendepunkt für die Schweizer Gesellschaft. Hunderte Jahre lang blieben die Zünfte hermetisch abgeschlossene Gemeinschaften, die ausschliesslich Männern vorbehalten waren. Nachdem 2022 als kleine Zugeständnis erlaubt worden war, dass Töchter von Mitgliedern als Gäste teilnehmen dürfen, gewährt die neue Abstimmung Frauen nun eine vollwertige, dauerhafte Mitgliedschaft. Die Zunft zur Meisen öffnet nicht einfach eine Tür, sondern sprengt die Angeln einer Geschichte des Ausschlusses. Damit signalisiert sie, dass die Ära der «Männerclubs» angesichts der modernen Gleichstellung rasch zu Ende geht.
Die Zürcher Zünfte im Wandel
Es handelt sich keineswegs um eine kleine Zunft, die still und leise eine Änderung vornimmt. Die Zunft zur Meisen ist ein Schwergewicht unter den Zürcher Zünften. Mit über 200 Mitgliedern ist sie die grösste und historisch einflussreichste Zunft der Stadt. François Guex, Kunsthistoriker und Mitglied der Zunft zu den Schneidern, bestätigt, dass die Meisen im Spätmittelalter die reichste Zunft war und über grosse politische Macht verfügte, deren Ausübung ein persönliches Vermögen voraussetzte.
Der Ausschluss war historisch systembedingt. «Bis ins 19. Jahrhundert waren Männer die politischen Vertreter der Familie, und Frauen waren von der Öffentlichkeit ausgeschlossen», hält Guex fest. Während Frauen in Werkstätten und Läden arbeiteten, blieben ihnen die Machtzentren, also die Zünfte, strikt verschlossen. Indem die Zunft zur Meisen Frauen nun aufnimmt, schreibt sie die Machtverhältnisse in der Zürcher Oberschicht praktisch neu und zeigt, dass selbst die angesehensten Institutionen sich weiterentwickeln müssen, um nicht bedeutungslos zu werden.
Umbruch am Sechseläuten
Das Bild des bekanntesten Zürcher Volksfests wird sich für immer verändern. Am Sechseläuten, das jeweils am dritten Montag im April stattfindet, ziehen 26 Zünfte in einem Umzug voller Tradition und Prunk durch die Strassen der Stadt. Bis vor Kurzem war die Vorstellung undenkbar, dass eine Frau als dauerhaftes Mitglied mitmarschiert. In diesem Jahr fällt diese Schranke.
Frauen der Zunft zur Meisen werden nun am Frühlingsfest vollwertig und aktiv teilnehmen und nicht länger bloss am Rand oder auf befristeten Gästelisten stehen. Ein deutlicher Gegensatz dazu ist die Zunft zum Fraumünster, eine 1989 gegründete reine Frauenzunft. Sie musste jahrzehntelang dafür kämpfen, überhaupt als Gast am Umzug teilnehmen zu dürfen. Dieses Privileg ist derzeit auf ein Zeitfenster von 25 Jahren beschränkt, das 2014 begonnen hat. Der Entscheid der Meisen beschleunigt die Integration: Frauen werden direkt in die etablierte Ordnung aufgenommen, statt einer separaten Vereinigung zugewiesen zu werden.
Eine Entwicklung mit Dominoeffekt
Die Zunft zur Meisen hat eine Entwicklung in Gang gesetzt, die in der Stadt bereits Veränderungen auslöst. Zürichs Zünfte sind unabhängige Vereinigungen, die jeweils selbst über ihre Zukunft bestimmen. Der Druck, sich zu modernisieren, wächst jedoch. Nach dem Vorbild der Meisen hat die Zunft Höngg bereits einen Übergangsplan angekündigt, der ihre Mitgliedschaft innerhalb der nächsten fünf Jahre für Frauen öffnen soll. Auch die Zunft zu den Drei Königen hat Schritte unternommen, um Frauen eine aktive Teilnahme am Umzug zu ermöglichen.
Diese Dynamik deutet auf einen entscheidenden Wendepunkt hin. Wenn der grösste und mächtigste Akteur die Regeln ändert, müssen die übrigen reagieren. Wir erleben, wie sich der Status quo rasch auflöst. Die verbliebenen Männerbastionen dürften zunehmend wie Relikte einer vergangenen Zeit wirken und nicht mehr wie Hüterinnen der Tradition.
Widerstand in der Zukunft begegnen
Trotz der Feierlaune warnen Fachleute davor, den Sieg zu früh zu feiern. François Guex mahnt zur Nüchternheit: «Das ist nicht das Ende einer Männerbastion.» Der weitere Weg birgt erhebliches Konfliktpotenzial. Jede Zunft entwickelt sich in ihrem eigenen Tempo, und tief verwurzelter Konservatismus verschwindet nicht über Nacht.
Es besteht ein konkretes Risiko für Gegenreaktionen. Guex vermutet, dass sich manche Traditionalisten lieber aus ihren Institutionen zurückziehen könnten, als Frauen als Gleichgestellte zu akzeptieren. Andere wiederum könnten darin eine wichtige Erneuerung sehen. Die kommenden Jahre werden zu einer Belastungsprobe für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Zürich, während diese alten Institutionen mit dem Spannungsfeld zwischen dem Erhalt ihres Erbes und der unbestreitbaren Realität des 21. Jahrhunderts ringen. Die Abstimmung ist erfolgt, doch die eigentliche Integrationsarbeit hat gerade erst begonnen.