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Swiss Observer

Zürich eröffnet wegweisende Drogenkonsum-Einrichtung für Personen ohne Wohnsitz in der Stadt

Die Stadt eröffnet ein temporäres Drogenkonsumzentrum, um dem zunehmenden öffentlichen Drogenkonsum entgegenzuwirken. Erstmals bietet sie ihre Dienstleistungen auch drogenabhängigen Personen ohne Wohnsitz in der Stadt an.

Zürich eröffnet wegweisende Drogenkonsum-Einrichtung für Personen ohne Wohnsitz in der Stadt
AISWI swissinfo.ch

Mit einem beispiellosen Schritt im Kampf gegen die eskalierende Drogenkrise baut die Stadt Zürich ihre bürokratischen Hürden ab. Am 1. Oktober öffnet an der Bederstrasse ein wegweisender «Raum für Konsum und Triage» seine Türen. Damit bietet die Stadt erstmals offiziell auch drogenabhängigen Personen ohne Wohnsitz in Zürich wichtige Angebote zur Schadensminderung. Dies ist ein entscheidender Bruch mit der bisherigen Praxis, wonach Anlaufstellen traditionell ausschliesslich registrierten Einwohnerinnen und Einwohnern offenstanden.

Die Stadt sieht sich mit einer deutlichen Realität konfrontiert: Polizeiliche Wegweisungen zeigen keine Wirkung. Ohne Zugang zu sicheren Einrichtungen sind drogenabhängige Personen von ausserhalb Zürichs gezwungen, in einem Kreislauf aus öffentlichem Konsum und polizeilicher Wegweisung zu verharren, der nichts löst. Mit der Eröffnung dieser temporären Einrichtung räumt Zürich ein, dass der administrative Status einer drogenabhängigen Person das von ihr ausgehende Risiko für die öffentliche Gesundheit auf der Strasse nicht mindert. Diese wichtige Massnahme soll den Konsum sofort aus dem öffentlichen Blickfeld in ein kontrolliertes, klinisches Umfeld verlagern.

Krise im Kreis 4: Ein Sommer mit zunehmendem Druck

Der Kreis 4 gerät angesichts des unablässigen Anstiegs des öffentlichen Drogenkonsums zunehmend unter Druck. Im Laufe des Sommers hat sich die Situation deutlich verschlechtert: Der bekannte Brennpunkt bei der Bäckeranlage ist überlaufen, und der Drogenkonsum breitet sich weit in die umliegenden Wohnquartiere aus. Es handelt sich nicht um ein örtlich begrenztes Problem, sondern um eine sich ausweitende Krise, die die Stadtbehörden zum dringenden Handeln zwingt.

Die Krise ist inzwischen unübersehbar. Anwohnende und lokale Geschäfte haben mit den Folgen des offenen Drogenkonsums zu kämpfen. Weil es für Personen ohne Wohnsitz in der Stadt keine Alternativen gibt, sind öffentliche Parks faktisch zu Orten des Drogenkonsums geworden. Die Stadt räumt es unverblümt ein: Für Menschen ohne Zürcher Adresse gibt es schlicht «keine Alternative» zum Konsum im öffentlichen Raum. Die neue Einrichtung ist eine direkte Reaktion auf einen Sommer, in dem sich das Problem von einer lokalen Belästigung zu einem Notfall im ganzen Kreis ausgeweitet hat.

Die Strategie «Triage und Unterstützung»

Es handelt sich nicht einfach um eine Unterkunft, sondern um eine gezielte Triage-Einrichtung. Die Anlage an der Bederstrasse ist ausdrücklich als «Raum für Konsum und Triage» bezeichnet. Der Name unterstreicht die beiden Aufgaben der Einrichtung. Das Ziel ist klar und entschlossen: einen sofortigen, sicheren Rückzugsort für den Konsum bereitzustellen, um die Strassen zu entlasten, und die Betroffenen anschliessend rasch in ihre Herkunftsgemeinden zurückzuweisen.

Die Stadt bietet drogenabhängigen Personen von ausserhalb keine dauerhafte Unterkunft. Stattdessen dient die Einrichtung als logistische Anlaufstelle, in der die Betroffenen stabilisiert werden, bevor sie an ihre Herkunftsgemeinden zurückverwiesen werden. Dieses Modell nach dem Prinzip «behandeln und weitervermitteln» ist ein pragmatischer sozialpolitischer Ansatz. Es bietet kurzfristig Würde und Sicherheit und hält zugleich an der Erwartung fest, dass andere Gemeinden letztlich die Verantwortung für ihre eigenen Einwohnerinnen und Einwohner übernehmen müssen. Die befristete Massnahme soll die akute Krise eindämmen, während längerfristige Pläne zur Rückführung umgesetzt werden.

Politisches Wagnis für eine Entlastung der Bevölkerung

Für die Verantwortlichen der Zürcher Sozialpolitik steht viel auf dem Spiel. Raphael Golta, SP-Vorsteher des Sozialdepartements, setzt auf die Hoffnung auf eine «nachhaltige Entlastung», nicht nur für die drogenabhängigen Personen, sondern auch für den stark beanspruchten öffentlichen Raum und die Zürcher Bevölkerung. Die Initiative ist ein Balanceakt zwischen Mitgefühl und öffentlicher Ordnung. Sie soll die Parks der Stadt zurückgewinnen, ohne die besonders verletzlichen Menschen zu kriminalisieren.

Je näher der 1. Oktober rückt, desto stärker richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Experiment an der Bederstrasse. Bei Erfolg könnte es als Vorbild dafür dienen, wie grössere Schweizer Städte mit der vorübergehend anwesenden Drogenpopulation umgehen. Scheitert es, droht sich die offene Drogenszene im Kreis 4 weiter zu verfestigen. Die Stadt hat sich festgelegt: eine befristete, gezielte Einrichtung soll den Kreislauf aus Wegweisung und Rückkehr durchbrechen. Nun müssen die Ergebnisse folgen.