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Swiss Observer

Offene Drogenszene kehrt nach Zürich zurück und stellt die hochgelobte Politik der Stadt auf die Probe

In Zürich erlebt der öffentliche Drogenkonsum und -handel im Stadtzentrum einen besorgniserregenden Aufschwung. Die Stadt reagiert mit verstärkten Polizeipatrouillen und sozialer Arbeit. Dieser Artikel untersucht die Gründe für diesen Trend und seine Bedeutung für die langjährige Schweizer Vier-Säulen-Drogenpolitik.

Offene Drogenszene kehrt nach Zürich zurück und stellt die hochgelobte Politik der Stadt auf die Probe
AISWI swissinfo.ch

Zürichs tadelloser Ruf steht einer rauen neuen Realität gegenüber: Der offene Drogenkonsum nimmt in fünf grösseren Stadtgebieten zu. Seit einem Monat hat die Stadtpolizei die Kreise 1 und 4 zu Brennpunkten erklärt und die Strassen mit verstärkten Patrouillen und Identitätskontrollen überzogen. Der Wandel ist unübersehbar: Drogenkonsumierende verstecken sich nicht länger im Verborgenen, sondern versammeln sich an stark frequentierten Orten wie Gleis 3 des Hauptbahnhofs, dem Schanzengraben und dem historischen Kasernenareal. Es handelt sich nicht um eine allmähliche Entwicklung, sondern um eine aggressive Rückeroberung des öffentlichen Raums, durch die sich Anwohnerinnen und Anwohner sowie Pendlerinnen und Pendler an den Rand gedrängt fühlen. Die Stadt reagiert zweigleisig mit Repression und sozialen Massnahmen. Die grosse Sichtbarkeit des Handels und Konsums zeigt jedoch, dass die Vier-Säulen-Strategie vor ihrer grössten Belastungsprobe seit Jahrzehnten steht. Die Behörden erteilen in beispiellosem Ausmass Wegweisungen, um zu verhindern, dass sich eine dauerhafte, feste Drogenszene wie in den 1990er-Jahren etabliert. Während sich grosse Gruppen versammeln und Konflikte aufflammen, versucht die Stadt, diese Orte mit Sommerveranstaltungen und laufendem Unterhalt wiederzubeleben. Sie bemüht sich, die fragile soziale Durchmischung zu bewahren, die das städtische Leben in Zürich prägt.

Crack-Kokain bringt die öffentliche Ordnung ins Wanken

Schätzungsweise 400 Crack-Abhängige prägen inzwischen das Bild im Zürcher Stadtzentrum und markieren einen dramatischen Wandel in der lokalen Drogenszene. Die stark abhängig machende Substanz trat vor drei Jahren erstmals massiert auf der Bäckeranlage in Erscheinung, nachdem eine wichtige Anlaufstelle geschlossen worden war. Heute beschränkt sich die Krise nicht mehr auf einzelne Orte, sondern betrifft die ganze Stadt. Anders als während der Heroinära ist die Crack-Szene von raschem Konsum und hoher Unberechenbarkeit geprägt, was häufig zu öffentlichen Störungen führt. Besonders alarmierend ist der Wandel bei der Herkunft: Fast 50 Prozent dieser Konsumierenden wohnen gar nicht in Zürich. Sie sind aus den umliegenden Regionen zugezogen, um das konzentrierte Angebot an Dienstleistungen und die Versorgungsnetze der Stadt zu nutzen. Dieser Zustrom von «Drogentouristen» belastet die lokalen Steuerzahlenden und die Infrastruktur enorm. Die Stadt gibt spezielle Pfeifen zum Preis von je 4 Franken ab, um den Konsum in geschützte Einrichtungen zu verlagern. Doch die grosse Zahl Abhängiger überfordert die Strassen. Die Präsenz dieser Gruppen ist nicht nur eine Frage der Gesundheit, sondern stellt auch die Sicherheit und Zugänglichkeit der beliebtesten öffentlichen Parks und Uferbereiche Zürichs unmittelbar infrage.

Unterstützungsangebote stossen an ihre Grenzen

Das hochgelobte soziale Auffangnetz Zürichs ist derzeit zu 100 Prozent ausgelastet und hat Mühe, den Ansturm infolge der Crack-Kokain-Welle aufzufangen. Die drei wichtigsten Anlaufstellen in Oerlikon, Selnau und im Containerdorf auf der Kasernenwiese sind ständig voll. Diese Einrichtungen bilden die vorderste Linie der städtischen Schadensminderung: Konsumierende können dort unter Aufsicht rauchen, um Überdosierungen und Belästigungen im öffentlichen Raum zu verhindern. Um den Frieden auf den Strassen zu wahren, dulden die Behörden in diesen Einrichtungen sogar den Kleinhandel mit Drogen. Das ist pragmatisch, aber umstritten und soll das Chaos eindämmen. Der Druck nimmt jedoch zu. An der Bederstrasse wurde eigens eine Einrichtung geschaffen, die sich um die mehr als 200 Abhängigen kümmert, die von ausserhalb der Stadt kommen. Sie sollen an die Behörden ihres Wohnorts zurückverwiesen werden. Trotz dieser Bemühungen sind die auf junge Erwachsene ausgerichteten Beratungsangebote stark ausgelastet, während der Mischkonsum zunimmt. Die Stadt führt im Grunde eine Triage unter hohem Druck durch: Sie versucht, medizinische und psychologische Unterstützung anzubieten, während die grosse Zahl Hilfsbedürftiger das ganze System zu überlasten droht. Wird die Kapazität nicht bald ausgebaut, wird sich der Andrang unweigerlich wieder auf die öffentlichen Plätze verlagern.

Der politische Kampf um die Strassen

Das Wiederaufflammen des offenen Drogenkonsums hat im Zürcher Gemeinderat einen heftigen politischen Streit entfacht. Dabei prallen der traditionelle Schweizer Pragmatismus und die Forderungen nach einem härteren Durchgreifen für «Recht und Ordnung» aufeinander. Die Anwohnenden verlangen strengere Kontrollen und sind des Lärms, des Abfalls und der vermeintlichen Gefahr in ihren Quartieren überdrüssig. Im Parlament herrscht dagegen weiterhin eine Pattsituation. Mehrere Vorstösse der Schweizerischen Volkspartei (SVP), die strenge Kontrollen und den systematischen Ausschluss von Konsumierenden aus dem öffentlichen Raum forderten, fanden kürzlich keine Mehrheit. Der Gemeinderat hält an der Vier-Säulen-Strategie fest: Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression. Doch das Gleichgewicht verschiebt sich. Die Stadt betont zwar, dass «Drogenkonsum und Drogenhandel nicht toleriert werden», doch die Lage vor Ort deutet auf eine schwierige Pattsituation hin. Wie erfolgreich das Zürcher Modell künftig sein wird, hängt davon ab, ob es sich weiterentwickeln kann. Die Stadt setzt derzeit auf «Belebung»: Mit Sommerveranstaltungen und sozialer Durchmischung soll die Bäckeranlage zurückgewonnen werden. Wächst die sichtbare Drogenszene jedoch weiter, könnte der Druck für radikalere, strafende Massnahmen kaum mehr aufzuhalten sein. Zürich steht an einem Scheideweg: Die Stadt muss entweder ihre sozialen Säulen stärken oder sich auf eine deutlich härtere Ära der städtischen Polizeiarbeit einstellen.