Zürich
Zürich reagiert auf alarmierenden Anstieg des offenen Drogenkonsums in der Innenstadt
Die Zürcher Behörden verstärken die Polizeipatrouillen und die Angebote der Sozialarbeit, um gegen den spürbaren Anstieg des offenen Drogenkonsums und -handels im öffentlichen Raum vorzugehen, unter anderem in der Nähe des Hauptbahnhofs und in Stadtparks. Dieser Trend hat zu Konflikten und Sicherheitsbedenken in der Bevölkerung geführt.

Zürich zieht eine klare Grenze, während die Stadt mit einem alarmierenden Anstieg des offenen Drogenkonsums konfrontiert ist, der das soziale Gefüge ihrer bekanntesten Quartiere bedroht. Seit über einem Monat hat die Stadtpolizei die Kreise 1 und 4 offiziell zu Schwerpunktgebieten erklärt und die Patrouillen rund um den Hauptbahnhof und den Schanzengraben deutlich verstärkt. Das ist keine geringfügige Veränderung, sondern eine umfassende Mobilisierung. Die Behörden setzen Identitätskontrollen und strikte Wegweisungen ein, um die grossen, unberechenbaren Gruppen aufzulösen, die begonnen haben, öffentliche Plätze zu beherrschen. Die Botschaft von der Limmat ist unmissverständlich: Die Zeiten des Wegschauens sind vorbei. Zürich war zwar lange eine Vorreiterin bei der fortschrittlichen Drogenpolitik, doch die derzeitige Sichtbarkeit des Drogenhandels und -konsums in der Nähe von Gleis 3 und dem Kasernenareal hat einen kritischen Punkt erreicht. Das zwingt die Stadt zu einem Kurswechsel hin zu einem konsequenten Durchgreifen, damit die öffentliche Sicherheit weiterhin oberste Priorität hat.
Die Crack-Kokain-Krise verschärft sich
Schätzungen zufolge sind inzwischen 400 Crackabhängige in der Innenstadt unterwegs, ein demografischer Wandel, der die Anwohnenden unvorbereitet getroffen hat. Verschärft wird die Krise durch einen grossen Zustrom von Personen, die nicht in der Stadt wohnen: Fast 50 % dieser Konsumierenden kommen von ausserhalb Zürichs und werden von der Anonymität der zentralen Verkehrsknotenpunkte der Stadt angezogen. Dieser «Drogentourismus» belastet die städtischen Ressourcen in bisher ungekanntem Ausmass. Die stark abhängig machende Wirkung von Crack-Kokain, das vor drei Jahren nach der Schliessung des Zentrums auf dem Kasernenareal in der Nähe der Bäckeranlage erstmals stark zunahm, hat zu einer unberechenbareren und sichtbareren Drogenszene geführt als während der Heroinwelle der 1990er-Jahre. Trotz der wiederholten Forderungen der Schweizerischen Volkspartei nach noch konsequenteren Wegweisungen und strengeren strafrechtlichen Massnahmen versucht die Stadt weiterhin, hartes polizeiliches Durchgreifen mit sozialer Unterstützung zu verbinden. Gleichzeitig droht die schiere Zahl der Konsumierenden die derzeitige Strategie zu überfordern.
Die Infrastruktur unter Druck
Zürichs weltbekannte Drogenpolitik nach dem «Vier-Säulen-Prinzip» steht vor ihrer bisher grössten Bewährungsprobe, während die Angebote der Suchthilfe an ihre Grenzen stossen. Alle drei grossen Anlaufstellen der Stadt, in Oerlikon, Selnau und im Containerdorf auf der Kasernenwiese, sind derzeit zu 100 % ausgelastet. Die Nachfrage nach geschützten Konsumräumen ist sprunghaft gestiegen, begünstigt durch den Wechsel hin zu gerauchten Substanzen. In einem pragmatischen, aber umstrittenen Schritt stellt die Stadt den Abhängigen spezielle Pfeifen für 4 CHF zur Verfügung. Damit soll der Konsum aus der Öffentlichkeit in kontrollierte Räume verlagert werden. Kleinhandel wird innerhalb dieser Räume sogar toleriert, um zu verhindern, dass die gewaltsame Konkurrenz auf dem Strassenmarkt auf die Einkaufsquartiere übergreift. Doch da die Einrichtungen aus allen Nähten platzen, lässt sich der Andrang kaum noch auffangen. Der Stadtrat muss sich mit der Realität auseinandersetzen, dass sein Sicherheitsnetz unter der Last eines neuen, aggressiveren Suchtzyklus ausfranst.
Ein Kampf um den öffentlichen Raum
Der Kampf um Zürichs Seele wird inzwischen in den Parks und auf den Promenaden ausgetragen. Um zu verhindern, dass sich eine dauerhafte Szene mit «harten» Drogen etabliert, ähnlich wie einst auf dem berüchtigten Platzspitz, setzt die Stadt auf die Belebung des öffentlichen Raums. Den ganzen Sommer über organisieren die Behörden auf der Bäckeranlage zahlreiche Veranstaltungen. Damit soll die Drogenszene «verdrängt» werden, indem Familien, Studierende und Berufstätige dazu ermuntert werden, den Ort wieder für sich zu nutzen. Reinigungsteams und Mitarbeitende des Unterhalts sind rund um die Uhr im Einsatz, um die sichtbaren Spuren der nächtlichen Aktivitäten zu beseitigen. Dabei geht es um mehr als blossen Unterhalt: Es ist ein psychologischer Kampf um die Identität der Stadt. Ob Zürich ein globales Vorbild für urbane Ordnung bleibt oder denselben Epidemien zum Opfer fällt, die derzeit andere grosse europäische Zentren heimsuchen, wird davon abhängen, wie erfolgreich diese Outreach-Programme sind und ob es gelingt, auswärtige Konsumierende an ihre jeweiligen Wohnsitzgemeinden zurückzuvermitteln.