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Swiss Observer

Jodelpionierin Nadja Räss gewinnt renommierten Schweizer Grand Prix Musik

Nadja Räss aus dem Kanton Schwyz wurde mit dem Schweizer Grand Prix Musik 2026 ausgezeichnet. Damit ist sie die erste Künstlerin aus der Schweizer Volksmusikszene, die den mit 100'000 Franken dotierten Preis erhält. Die Jury würdigte sie als eine der wichtigsten Stimmen der Schweizer Jodelkultur.

Jodelpionierin Nadja Räss gewinnt renommierten Schweizer Grand Prix Musik
AISWI swissinfo.ch

Im Herzen des Schweizer Kulturbetriebs ist Geschichte geschrieben worden. Zum ersten Mal überhaupt hat eine Vertreterin der Schweizer Volksmusikszene die höchste musikalische Auszeichnung des Landes erhalten. Nadja Räss, die 47-jährige Virtuosin aus dem Kanton Schwyz, ist zur Gewinnerin des Schweizer Grand Prix Musik 2026 gekürt worden. Das ist nicht nur ein Erfolg für Räss, sondern ein grundlegender Wandel darin, wie die Schweiz ihre eigene Klangidentität wahrnimmt. Das Bundesamt für Kultur bestätigt, dass Räss «eine der wichtigsten Stimmen der Schweizer Jodelkultur» ist und damit die Kluft zwischen alten alpinen Traditionen und der Avantgarde überbrückt. Während frühere Preisträgerinnen und Preisträger oft aus der klassischen Musik, dem Jazz oder der experimentellen elektronischen Musik kamen, zeigt Räss’ Sieg, dass die rohe, ausdrucksstarke Kraft des Jodels kein Relikt der Vergangenheit mehr ist, sondern eine lebendige Kraft in der Gegenwart. Sie stellt das Klischee infrage, Volksmusik sei statisch, und beweist stattdessen, dass sie eine lebendige Weiterentwicklung der Schweizer Seele ist.

Die Stimme einer Nation, ausgezeichnet mit 100'000 Franken

Ein Preisgeld von 100'000 Franken unterstützt nun das stimmliche Können von Nadja Räss. Diese beträchtliche Summe, umgerechnet rund 126'500 US-Dollar, bringt sie an die Spitze der Schweizer Kunstszene. Die Jury unter der Leitung des Tessiner Musikers und Journalisten Gian-Andrea Costa hat nicht einfach eine Sängerin ausgewählt, sondern eine Pionierin. Räss hat Jahrzehnte damit verbracht, eine Technik zu verfeinern, die technisch ebenso anspruchsvoll ist wie eine Opernarie und dennoch in der Zentralschweiz verwurzelt bleibt. Während zehn weitere Preisträgerinnen und Preisträger ausgezeichnet wurden, darunter Flèche Love aus Genf und Louis Schild aus Neuenburg, ist der Grand Prix nach wie vor das ultimative Bekenntnis zum kulturellen Wert. Mit dieser Investition unterstreicht das Bundesamt für Kultur sein wichtiges Engagement für Künstlerinnen und Künstler, die als «Kulturvermittler» wirken. Räss tritt nicht nur auf, sie vermittelt Wissen, entwickelt Neues und sorgt dafür, dass die komplexen Mehrstimmigkeiten der Alpen mit derselben Sorgfalt erforscht werden wie eine Beethoven-Symphonie. Ihr Einfluss ist in den Musikhochschulen der Schweiz spürbar, wo sie das Jodeln vom Hobby zu einer Kunstdisziplin gemacht hat.

UNESCO-Anerkennung beflügelt kulturelle Renaissance

Der Aufwind hinter Räss’ Erfolg ist untrennbar mit einem globalen Meilenstein verbunden, der erst wenige Monate zurückliegt. Im Dezember 2025 wurde das Jodeln offiziell in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, eine Entwicklung, für die sich Räss selbst mit unermüdlichem Einsatz starkgemacht hat. Diese internationale Anerkennung hat die Schweizer Volksmusik auf die Weltbühne gebracht, die Erwartungen vor Ort übertroffen und bei jüngeren Generationen neues Interesse geweckt. Die Jury verwies ausdrücklich auf ihre Rolle bei diesem Erfolg und hielt fest, dass ihr Wirken über die Bühne hinausgeht. Sie bewahrt eine jahrhundertealte Gesangstradition und geht sie zugleich mit dem Engagement einer modernen Aktivistin an. Anders als in anderen Regionen, wo das Interesse an traditionellem Handwerk schwindet, erlebt das Schweizer Jodeln derzeit einen beispiellosen Popularitätsschub. Räss’ Einsatz hat dafür gesorgt, dass «Juuz» und Jodel nicht nur in Archiven erhalten bleiben, sondern in den renommiertesten Konzertsälen von Zürich bis Tokio erklingen. Ihr Sieg beweist eindeutig, dass das kulturelle Erbe der wirkungsvollste Export der Schweiz ist.

Lausanne stellt sich auf eine Klangrevolution ein

Nun richten sich alle Blicke auf Lausanne, wo die Swiss Music Awards am 19. September ihren Höhepunkt erreichen. Die Veranstaltung verspricht eine spannende Begegnung verschiedener musikalischer Welten, denn Räss wird gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der experimentellen Musik und Popstars auftreten. Die Zeremonie wird nicht nur ein Fest, sondern auch ein Manifest für die Zukunft der Schweizer Kreativität sein. Als erste Volksmusikerin, die den Grand Prix erhält, trägt Räss die Erwartungen einer ganzen Nation. Ihr Auftritt dürfte eine Lehrstunde in stimmlicher Bandbreite und emotionaler Tiefe werden und wohl alle Kritikerinnen und Kritiker zum Schweigen bringen, die Jodeln noch immer für blossen Kitsch halten. Dieser Erfolg dürfte künftig eine neue Welle der Förderung und des Interesses an regionalen Musikprojekten in den Kantonen auslösen. Die Folgen sind klar: Die Schweizer Musikszene wird vielfältiger, und die Echos der Berge sind lauter denn je. Wenn im September in Lausanne die Lichter ausgehen, wird die Schweiz nicht einfach einer Sängerin zuhören, sondern ihrer eigenen Geschichte, die gerade neu geschrieben wird.