Beschäftigung
Arbeitskultur wichtiger als Lohn bei der Stellenwahl in der Schweiz
Eine neue Studie zeigt, dass Schweizer Arbeitnehmende ein gutes Arbeitsklima höher gewichten als die Entlöhnung. Zudem bestehen deutliche Unterschiede zwischen den Generationen bei der Wahl des Arbeitsplatzes.

Die Zeiten, in denen der Lohn an erster Stelle stand, sind offiziell vorbei. Eine neue Studie von Swissstaffing und dem Forschungsinstitut JRC Zurich stellt herkömmliche Rekrutierungsstrategien auf den Kopf: Für Schweizer Arbeitnehmende ist das Arbeitsklima mehr wert als der Franken. Beeindruckende 68 % der 1204 befragten Arbeitnehmenden bezeichneten ein gutes Arbeitsklima als ihre mit Abstand höchste Priorität bei der Stellenwahl. Damit liegt es klar vor dem Lohn, der auf 63 % kommt.
Das ist keine kleine statistische Abweichung, sondern ein grundlegender Wandel auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Zwar bleibt die finanzielle Entlöhnung ein entscheidender Pfeiler, doch steht sie nicht mehr allein an der Spitze der Erwartungen von Arbeitnehmenden. Zudem betrachtet inzwischen fast die Hälfte der Erwerbstätigen Flexibilität, sowohl bei der Arbeitszeit als auch beim Arbeitsort, als unverzichtbar. Die Botschaft an die Arbeitgebenden ist unüberhörbar: Eine toxische Bürokultur lässt sich nicht mit einem höheren Lohn aufwiegen. In der modernen Schweizer Wirtschaft sind die immateriellen Werte von Zusammenhalt und Arbeitsumfeld so gefragt wie nie.
Generationenkonflikt: Sicherheit versus Selbstbestimmung
Während die Gesamtdaten auf die Bedeutung der Unternehmenskultur hinweisen, zeigt ein genauerer Blick eine nach Alter gespaltene Situation. Die Generation Z hat mit besonderen Sorgen zu kämpfen, die ältere Arbeitnehmende nicht teilen. Geprägt von einem «volatilen Arbeitsumfeld» und wiederkehrenden globalen Krisen, verlangt die Generation Z eine paradoxe Mischung: Sie wünscht sich ein gutes Arbeitsklima, legt aber gleichzeitig grossen Wert auf Lohn und Arbeitsplatzsicherheit. In einer unberechenbaren Welt sucht sie nach einem Sicherheitsnetz.
Im deutlichen Gegensatz dazu befindet sich die Generation 50+ in einer historisch privilegierten Lage. Sie wurde in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs und der gesellschaftlichen Stabilität erwachsen und war im Allgemeinen besser bezahlt als jüngere Arbeitnehmende heute. Entsprechend haben sich ihre Prioritäten in der Bedürfnishierarchie nach oben verschoben. Es geht ihr nicht ums Überleben, sondern um Selbstbestimmung, Flexibilität und Sinnhaftigkeit. Diese unterschiedlichen Erwartungen stellen Personalabteilungen vor eine komplexe Aufgabe: Sie müssen Vergütungspakete gestalten, die sowohl sicherheitsorientierte jüngere Menschen ansprechen als auch die von erfahrenen Arbeitnehmenden geforderte Selbstständigkeit bieten.
Die Selbsttäuschung der Unternehmen: Am Ziel vorbei
Zwischen den Erwartungen der Schweizer Fachkräfte und dem Angebot in den Schweizer Führungsetagen klafft eine grosse Lücke. Eine ergänzende Befragung von 509 Unternehmen zeigt eine erhebliche Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Während Arbeitnehmende ein gutes Arbeitsklima und faire Löhne fordern, loben sich Unternehmen für die falschen Dinge. Viele Firmen werben mit «flachen Hierarchien», einem strukturellen Merkmal, das laut der Umfrage für durchschnittliche Arbeitnehmende weit weniger wichtig ist, als Arbeitgebende glauben.
Noch besorgniserregender ist die mangelnde Selbsteinschätzung der Arbeitgebenden. Nur etwa die Hälfte der befragten Unternehmen konnte ein gutes Arbeitsklima oder faire Löhne selbstbewusst als eine ihrer zentralen Stärken nennen. Das deutet darauf hin, dass ein grosser Teil des Marktes die beiden Dinge, die Arbeitnehmenden am wichtigsten sind, nicht bietet. Unternehmen verkaufen Organigramme, während Stellensuchende Gemeinschaft und Entlöhnung suchen. Diese Diskrepanz ist nicht bloss ein Versäumnis der Personalabteilungen, sondern ein strategisches Scheitern, das im ohnehin angespannten Arbeitsmarkt dazu führen könnte, dass Spitzenkräfte abwandern.
Anpassen oder untergehen: Die Krise bei der Fachkräftebindung
Viel steht auf dem Spiel. Da sich der Fachkräftemangel in der Schweizer Wirtschaft weiter verschärft, schwindet der Spielraum für Fehler. Swissstaffing richtet eine deutliche Warnung an die Unternehmen: «Wer diese Faktoren vernachlässigt, riskiert eine höhere Fluktuation und unbesetzte Stellen.» Der Weg nach vorn verlangt eine radikale Anpassungsfähigkeit, die vielen traditionellen Unternehmen fehlt.
Personaldienstleister sind aufgerufen, als Architekten dieser neuen Realität mitzuwirken und Unternehmen dabei zu helfen, die unterschiedlichen Bedürfnisse einer Belegschaft mit mehreren Generationen zu bewältigen. Die Lösung beruht auf drei Ansätzen: stark in ein positives Arbeitsumfeld investieren, eine wettbewerbsfähige Entlöhnung sicherstellen und flexible Arbeitsmodelle einführen, die tatsächlich funktionieren. Die Zeiten starrer Beschäftigungsmodelle nach dem Einheitsprinzip sind vorbei. Unternehmen, die nicht auf diese flexiblen, auf den Menschen ausgerichteten Lösungen setzen, werden ihre Stellen schlicht nicht besetzen können.