Zum Inhalt springen
Swiss Observer

Warum die Rekorderwärmung der Ozeane für die Schweiz ohne Küste wichtig ist

Rekordhohe Meerestemperaturen im Mittelmeer und weltweit sind für die Schweiz aufgrund ihrer Auswirkungen auf das Klima, die Wetterverhältnisse in den Alpen und die Süsswassersysteme relevant. Forschende warnen, dass die Erwärmung der Ozeane die Risiken weit über die Küstenregionen hinaus verstärkt.

Warum die Rekorderwärmung der Ozeane für die Schweiz ohne Küste wichtig ist
AISWI swissinfo.ch

33°C im Mittelmeer rückten die Hitze der Ozeane diesen Sommer deutlich ins Bewusstsein. Eine Messboje vor den Balearen registrierte die Temperatur im August, nur wenige Grad unter der Temperatur eines heissen Bades. Laut Thomas Frölicher, Professor für Klima- und Umweltphysik an der Universität Bern, markierte der Messwert einen aussergewöhnlichen Höchststand im Mittelmeer.

Die Hitze beschränkte sich nicht auf einen einzigen Messpunkt vor der spanischen Küste. In einigen Gebieten des Mittelmeers lagen die Temperaturen bis zu 6°C über dem saisonalen Durchschnitt, während die globale durchschnittliche Meeresoberflächentemperatur im Sommer 2026 auf 21.1°C stieg. Damit wurde der bisherige Rekord aus dem Jahr 2024 übertroffen. Laut dem europäischen Erdbeobachtungsprogramm Copernicus war 2024 zugleich das heisseste Jahr seit Beginn der Messungen.

Die Schweiz hat zwar keine Küste, doch ihre Wetter- und Wassersysteme sind Teil desselben Klimasystems. Wärmere Meere geben der Atmosphäre zusätzliche Energie und Feuchtigkeit, beeinflussen die Luftzirkulation und prägen das Wetter, das Europa erreicht. Zudem setzen sie Schweizer Ferienreisende, Lebensmittelversorgungsketten und die Küstenwirtschaft der Nachbarländer zunehmenden Risiken aus.

Frölichers Warnung ist klar: Temperaturen, die heute aussergewöhnlich erscheinen, könnten innerhalb von 10 bis 20 Jahren normal werden. Das Mittelmeer liegt nahe genug an der Schweiz, dass Veränderungen dort weit über die Strände hinaus von Bedeutung sind.

Der Wärme bis unter die Oberfläche folgen

Mehr als 90% der durch menschliche Aktivitäten verursachten überschüssigen Wärme gelangt in die Ozeane. Kohlendioxid, Methan und andere Treibhausgase halten Energie in der Atmosphäre zurück. Das Meer nimmt den grössten Teil dieser Energie auf. Dadurch wird ein Teil der Erwärmung der Atmosphäre verzögert, während sich die Bedingungen im Meer stetig verändern.

Die Wärme bleibt nicht an der Oberfläche. Sie sammelt sich in den oberen 2'000 Metern des Ozeans an. Messungen rund um die Antarktis und im Nordatlantik zeigen, dass sich auch tiefere Wasserschichten erwärmen. Diese gespeicherte Energie kann jahrelang bestehen bleiben und Wetterverhältnisse beeinflussen, nachdem die ursprünglichen Emissionen in die Atmosphäre gelangt sind.

Marine Hitzewellen treten zudem häufiger, intensiver und länger auf. In den europäischen Meeresgewässern stieg der Anteil der von solchen Ereignissen betroffenen Gebiete laut dem Bericht «European State of the Climate 2025» von durchschnittlich 40% in den 1980er-Jahren auf 98% zwischen 2023 und 2025.

Dieser Trend ist auf die Verbrennung fossiler Brennstoffe zurückzuführen, insbesondere auf das Verbrennen von Kohle und Öl. Eine Studie von World Weather Attribution kam zum Schluss, dass der Klimawandel die aussergewöhnlichen Temperaturen in den europäischen Meeren verursacht. Frölicher, Mitautor der Studie, sagte, jede zusätzliche Tonne Kohlenstoff treibe die Küstenökosysteme Bedingungen entgegen, die sie bisher nicht erlebt hätten.

Den Zusammenhang mit dem Alpenwetter erkennen

Das Wetter in den Alpen endet nicht an der Küste. Das Mittelmeer und der Nordatlantik beeinflussen die Luftmassen, die die Schweiz erreichen. Wenn wärmeres Wasser verdunstet, kann die Atmosphäre mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Wetterlagen transportieren diese Feuchtigkeit anschliessend nach Norden, wo die Berge die Luft zum Aufsteigen zwingen und Regen sowie Schneefall verstärken können.

Ein einzelnes warmes Meer bestimmt nicht, wie sich jeder Sturm über der Schweiz auswirkt. Das Wetter hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die atmosphärische Zirkulation, die lokale Topografie und die jahreszeitlichen Bedingungen. Die Erwärmung der Ozeane verändert die Rahmenbedingungen, unter denen sich diese Wetterlagen entwickeln.

Für die Alpen ist das in mehrfacher Hinsicht relevant. Stärkere Niederschläge können Flüsse, Hänge und die Entwässerungssysteme von Städten stärker belasten. In wärmeren Wintern kann der Niederschlag in tieferen und mittleren Lagen häufiger als Regen statt als Schnee fallen. Eine veränderte Schneedecke wirkt sich auf den Tourismus, die Wasserkraft und die Wasserverfügbarkeit im Sommer aus. Aus denselben alpinen Einzugsgebieten speisen sich auch Flüsse, die Landesgrenzen überschreiten.

Die Schweiz ist somit nicht nur direkt von Auswirkungen an den Küsten betroffen. Kantone wie das Wallis, das Tessin und Graubünden sind unterschiedlichen Kombinationen von Hochwasser-, Dürre-, Gletscher- und Erdrutschrisiken ausgesetzt. Die Bedingungen in den Ozeanen prägen das Grossklima, mit dem diese Kantone umgehen müssen, obwohl die nächste Küste weit jenseits der Schweizer Grenze liegt.

Die Verbindung zum Süsswasser schützen

Süsswasser verbindet die Schweiz mit einer wärmer werdenden Welt. Die Seen, Flüsse und Gletscher des Landes reagieren auf atmosphärische Bedingungen, die teilweise von der Wärme der Ozeane geprägt werden. Steigende Temperaturen verändern die Verdunstung, die Niederschläge, die Schneeansammlung und den Zeitpunkt, zu dem Schmelzwasser in die alpinen Einzugsgebiete gelangt.

Diese Veränderungen wirken sich auf den Alltag aus. Die Betreiber von Wasserkraftwerken müssen sich auf veränderte Zuflüsse einstellen. Für die Landwirtschaft wird die Versorgung mit Wasser im Sommer unsicherer. Gemeinden müssen sich sowohl auf intensive Niederschläge als auch auf längere Trockenperioden vorbereiten. Die Temperatur der Seen beeinflusst zudem aquatische Ökosysteme, die Trinkwasserbewirtschaftung und die Freizeitnutzung.

Die Auswirkungen sind unterschiedlich. Ein Sturm, der im Tessin schädliche Niederschläge bringt, kann im Engadin oder im Berner Oberland ganz andere Bedingungen verursachen. Die Anpassung an den Klimawandel in der Schweiz hängt deshalb von lokaler Überwachung, verlässlichen Prognosen und der Zusammenarbeit zwischen kantonalen Behörden, Flussgebietsverantwortlichen und Nachbarländern ab.

Meeresökosysteme stehen ihrerseits unter unmittelbarem Druck. Langanhaltende Hitze kann dazu führen, dass Arten ihre Anpassungsfähigkeit überschreiten. Das hat Folgen für die Biodiversität, die Fischerei, die Ernährungssicherheit und die Küstengemeinden. Die Schweiz kann einige dieser Auswirkungen über importierte Meeresfrüchte, den Tourismus und den europäischen Handel zu spüren bekommen, während ihre Süsswassersysteme über einen anderen Weg auf dasselbe wärmer werdende Klima reagieren.

Geografisch ist der Ozean weit entfernt. Seine Wärme gelangt jedoch über die Atmosphäre und die Wirtschaft bis in Schweizer Haushalte, auf Bauernhöfe und zu den Stauseen.

Die Schweiz auf die Folgen vorbereiten

Die kommenden 10 bis 20 Jahre werden die Vorbereitung der Schweiz auf die Probe stellen. Thomas Frölicher geht davon aus, dass die heute aussergewöhnlichen Meerestemperaturen innerhalb dieses Zeitraums alltäglich werden, falls sich die Erwärmung fortsetzt. Diese Prognose hat konkrete Folgen für die Schweizer Klimaplanung, auch wenn die nationale Politik die Temperaturen im Mittelmeer nicht allein kontrollieren kann.

Die Schweizer Behörden bewältigen bereits Risiken im Zusammenhang mit Hitze, Hochwasser, Dürre und instabilen Hängen. Die Erwärmung der Ozeane spricht dafür, diese Gefahren als miteinander verbunden und nicht als isolierte Ereignisse zu behandeln. Prognosesysteme müssen Meeresbeobachtungen, Atmosphärenmodelle, alpine Messungen und die lokale Notfallplanung zusammenführen.

Die Senkung der Treibhausgasemissionen bleibt die Massnahme, mit der sich die weitere Erwärmung begrenzen lässt. Auch Anpassungen werden nötig sein, denn die Ozeane haben enorme Wärmemengen aufgenommen und reagieren langsam. Für die Schweiz bedeutet das, die Wasserinfrastruktur zu schützen, Hochwasserkarten zu aktualisieren, die Planung der Wasserkraft anzupassen und Tourismusregionen auf unzuverlässigere Schneeverhältnisse vorzubereiten.

Die Schweiz hat auch ein Interesse an der Zusammenarbeit in Europa. Ökosysteme im Mittelmeerraum, Häfen, Lebensmittelmärkte und Verkehrsnetze sind für Schweizer Haushalte und Unternehmen wichtig. Schäden an der Küste können sich über Preise, Unterbrechungen der Versorgung und Migrationsdruck ins Landesinnere auswirken.

Die jüngsten Rekorde liefern einen klaren Massstab. Ein Messwert von 33°C im Mittelmeer, eine globale durchschnittliche Meeresoberflächentemperatur von 21.1°C und marine Hitzewellen in 98% der europäischen Meeresgewässer beschreiben ein sich erwärmendes System, dessen Folgen weit über die Küste hinausreichen.