Wirtschaft
Vera Weber: Wenn Umwelterbe auf neue Gastlichkeit trifft
Die Tochter renommierter Schweizer Umweltschützer übernimmt die Leitung des historischen Grandhotels Giessbach und setzt zugleich die Naturschutzmission ihrer Familie fort. So verbindet sie Luxustourismus mit Umweltaktivismus.

Vera Weber tritt nicht einfach ein Erbe an, sie gestaltet aktiv ein neues. Mit 50 Jahren leitet die Tochter der wohl entschlossensten Umweltschützer der Schweiz das historische Grandhotel Giessbach und schlägt eine Brücke zwischen den oft getrennten Welten von Luxus der Spitzenklasse und konsequentem Naturschutz. Ihre Position ist keine reine Repräsentationsaufgabe. Weber ist interimistische Direktorin des ikonischen Hauses hoch über dem Brienzersee, eines Anwesens, das ihre Eltern vor über vier Jahrzehnten vor dem Abriss bewahrten.
Das Hotel bietet seinen Gästen einen Einblick in die Belle Époque. Für Weber ist es jedoch ein «Zuhause», erfüllt von Kindheitserinnerungen. Gleichzeitig stellt sie klar: Ihre Amtszeit ist vorübergehend. Sie sorgt als Verwalterin dafür, dass die Leitung an eine Nachfolgeperson übergeht, und will nicht dauerhaft als Hotelière tätig sein. Ihre Präsenz an der Spitze vereint auf eindrückliche Weise unternehmerisches Geschick und moralische Pflicht. Sie zeigt, dass wirtschaftliche Tragfähigkeit nicht auf Kosten des Umweltschutzes gehen muss. An der Schnittstelle von Tourismus und Aktivismus führt sie ein Team und betreut ein historisches Haus, während ihr Blick weiterhin auf die umfassenderen Herausforderungen des weltweiten Naturschutzes gerichtet ist.
Angetrieben von Wut und Überzeugung
Wut ist ein starker Antrieb und für Vera Weber eine unerschöpfliche, erneuerbare Ressource. «Wut über Ungerechtigkeit ist auch eine Kraftquelle», erklärt sie. Dieser Leitsatz begleitet sie seit über 20 Jahren in ihrem unermüdlichen Aktivismus. Als Präsidentin der Franz Weber Stiftung scheut sie Konflikte nicht, sondern betrachtet sie als notwendiges Mittel, um Veränderungen zu bewirken. Ihre Erfolgsbilanz ist eindrücklich. An erster Stelle steht der wegweisende Erfolg der Zweitwohnungsinitiative, die das Schweizer Immobilienrecht grundlegend veränderte, um Landschaften vor der Zersiedelung zu schützen.
Ihre Kämpfe sind hart und dauern oft Jahrzehnte. Zehn kräftezehrende Jahre lang setzte sie sich mit dem Vorhaben für das «Ozeanium» des Basler Zoos auseinander, ein riesiges Aquarienprojekt, das nach ihrer erfolgreichen Argumentation unnötiges Tierleid verursacht hätte. Die Öffentlichkeit stellte sich schliesslich auf ihre Seite und lehnte das Projekt in einer klaren Abstimmung ab. Dieses Engagement hat jedoch einen hohen Preis. Weber erzählt, dass sie von kanadischen Robbenjägern körperlich bedroht wurde und täglich Anfeindungen politischer Gegner erlebt. Dennoch bleibt sie unbeirrbar, geschützt von dem, was sie ihre «Rüstung» nennt, und vom unverbrüchlichen Rückhalt ihres Teams. Für Weber ist Aktivismus keine Wahl, sondern ein biologischer Imperativ.
Die Einsamkeit an der Spitze der Bewegung
Führungsaufgaben bringen oft Einsamkeit mit sich, eine Realität, die Vera Weber bestens kennt. 2024 stellte sie sich praktisch allein gegen das politische Establishment der Schweiz und grosse Umweltverbände, als sie sich gegen das neue Stromgesetz aussprach. Das Gesetz wurde zwar angenommen und soll den Ausbau der erneuerbaren Energien fördern, doch Webers einsame Haltung machte deutlich, dass sie bei Landschaftsschutz keine Kompromisse eingeht, selbst wenn dies politisch opportun wäre.
Diese Isolation ist nicht neu, sondern eine Narbe aus ihrer Vergangenheit. Weber erinnert sich an eine schmerzliche Kindheitserfahrung: Zu ihrem neunten Geburtstag kam kein einziger Freund. Der Name «Weber» sei schlicht zu belastet, ihre Eltern seien zu umstritten gewesen. «Heute lache ich darüber, aber damals tat es weh», sagt sie. Die frühe Ausgrenzung verlieh ihr ein Rückgrat aus Stahl. Von ihrer Mutter erbte sie den Perfektionismus, von ihrem Vater die schöpferische Leidenschaft. Daraus entstand eine eindrückliche Persönlichkeit, die öffentlicher Verachtung standhalten kann. Heute weiss sie, dass eine klare Haltung zwangsläufig Feinde schafft. Die Integrität ihrer Überzeugung wiegt für sie jedoch schwerer als die Geborgenheit der Beliebtheit.
Hüterin des Giessbachs
Das Grandhotel Giessbach ist mehr als ein Hotel, es ist ein Denkmal für die Beharrlichkeit der Familie Weber. Das architektonische Schmuckstück wurde zwischen 1873 und 1875 erbaut und sollte 1981 abgerissen werden, um einer modernen Betonbebauung Platz zu machen. Veras Eltern Franz und Judith griffen ein und mobilisierten eine grosse Naturschutzaktion, die das historische Anwesen für künftige Generationen rettete.
Heute ist das Hotel ein greifbarer Sieg des kulturellen Erbes über den Profit. Webers gegenwärtige Aufgabe als interimistische Direktorin führt diese Rettungsmission weiter. Als Kind verbrachte sie ihre Wochenenden in den Räumen des Hauses und sah zu, wie ihre Mutter die Renovationen leitete, die dem Gebäude seine Seele zurückgaben. «Ich fühle mich hier zu Hause», sagt sie und spricht damit die tiefen emotionalen Wurzeln an, die sie mit dem Anwesen verbinden. Zugleich bleibt sie pragmatisch. Das Hotel braucht eine Leitung, die sich ganz der Gastfreundschaft widmet, während Webers Bestimmung in den Schützengräben des Umweltkampfs liegt. Sie hält die Schlüssel nur so lange, bis sie diese einer Nachfolgeperson übergeben kann, die dem Erbe gerecht wird.
Unermüdlich in Bewegung
Erholung ist für Vera Weber ein Fremdwort. Sie scherzt, ihr Terminkalender verlange einen «25-Stunden-Tag» und eine «Acht-Tage-Woche». Das zeigt, wie umfangreich ihre Aufgaben sind. Zwischen der Leitung eines historischen Hotels und der Führung einer internationalen Stiftung ist ihr Leben geprägt von Entscheidungen mit weitreichenden Folgen. Offen sagt sie, dass sie nie Kinder haben wollte. So konnte sie ihre ganze Energie ihrer Sache widmen.
«Wenn jemand akzeptieren kann, dass ich nicht viel Zeit habe, gebe ich ihm dafür sehr viel zurück», sagt sie über ihre Freundschaften. Hinter ihrem unermüdlichen Antrieb verbirgt sich jedoch die Sehnsucht nach Ruhe. Sie stellt sich eine Zukunft vor, in der sie sich in den Dschungel Mexikos zurückziehen und in die unberührte Natur eintauchen kann, die sie so entschlossen zu schützen versucht. Doch so weit ist es noch nicht. Vorerst bleibt sie in Bewegung, kämpft ihre Kämpfe, bewahrt Vermächtnisse und taucht nur kurz in die Seiten von Fantasyromanen ein, in Welten, die sie als «ein bisschen besser» als unsere bezeichnet.