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Swiss Observer

Stimmberechtigte im Kanton Waadt entscheiden über vorgeschlagene Steuersenkung um 12%

Die Stimmberechtigten im Kanton Waadt entscheiden am 27. September, ob die kantonalen Einkommens- und Vermögenssteuern um 12% gesenkt werden sollen. Die Befürworter bezeichnen die Vorlage als Stärkung der Kaufkraft, während die Gegner warnen, sie könnte die öffentlichen Finanzen belasten.

Stimmberechtigte im Kanton Waadt entscheiden über vorgeschlagene Steuersenkung um 12%
AILe News

Am 27. September 2026 entscheiden die Stimmberechtigten im Kanton Waadt, ob die kantonalen Einkommens- und Vermögenssteuern um 12% gesenkt werden sollen. Die Abstimmung zählt zu den in den letzten Jahren am aufmerksamsten verfolgten Vorlagen des Kantons. Wirtschaftsverbände präsentieren sie als direkten Beitrag zur Kaufkraft der Haushalte, während die Kantonsregierung vor einem dauerhaften Loch in den öffentlichen Finanzen warnt.

Die Initiative betrifft nur die kantonalen Steuern. Die Gemeindesteuern blieben unverändert. Dadurch hinge die endgültige Wirkung auf die Steuerrechnung der Haushalte davon ab, wo die Steuerpflichtigen wohnen. Die Befürworter sagen, die Massnahme verschaffe Haushalten der Mittelschicht mehr finanziellen Spielraum und mache den Kanton Waadt im Vergleich zu anderen Schweizer Kantonen wettbewerbsfähiger.

Die Kampagne wurde von drei Wirtschaftsorganisationen lanciert: dem Waadtländer Arbeitgeberverband, der Chambre de l’immobilier und der Industrie- und Handelskammer. Sie sammelten 2023 mehr als 28'000 Unterschriften, mehr als doppelt so viele wie für eine Abstimmung nötig sind.

Die Regierung, linke Parteien und Gewerkschaften lehnen die Vorlage ab. Sie argumentieren, dass der Kanton Waadt bereits mit steigenden Kosten konfrontiert sei und die Steuersenkung die gewählten Behörden vor die schwierige Wahl stelle, entweder Leistungen zu kürzen oder neue Einnahmen zu finden. Das Ergebnis wird sowohl die Finanzen der Haushalte als auch die Ausgabendebatte des Kantons prägen.

Hohe Steuerbelastung prägt den Abstimmungskampf

Beim letzten detaillierten Vergleich des Bundes lag der Steuerbelastungsindex des Kantons Waadt bei 131, gegenüber 100 für die Schweiz insgesamt. Damit steht der Kanton im Vergleich für Einzelpersonen an der Spitze. Für die Befürworter ist dies ihr stärkstes Argument: Die Einwohnerinnen und Einwohner zahlen ungewöhnlich hohe kantonale Steuern und verdienen eine Entlastung.

Die Befürworter der Initiative sagen, der Kanton Waadt könne die Senkung auffangen, indem er die Ausgaben kontrolliere. Ihre Argumentation stützt sich auf die Entwicklung der Kantonsfinanzen. Die Steuereinnahmen sind weiter gestiegen, während die wiederkehrenden Ausgaben schneller zunahmen, insbesondere seit 2022. Die Wirtschaftsorganisationen beschreiben das Problem als mangelnde Ausgabendisziplin und nicht als ungenügende Einnahmen.

Die Zahlen haben die Steuerdebatte besonders für Haushalte relevant gemacht, die keinen Anspruch auf umfangreiche gezielte Unterstützung haben. Der Kanton Waadt gewährt anspruchsberechtigten Einwohnerinnen und Einwohnern Prämienverbilligungen, darunter auch vierköpfigen Familien mit einem Haushaltseinkommen unter 85'500 CHF. Viele Haushalte mit mittlerem Einkommen tragen zum System bei, erhalten aber wenig oder gar keine Unterstützung.

Die Befürworter stellen die Senkung um 12% als breit angelegte Korrektur und nicht als Sondervergünstigung dar. Alle Steuerpflichtigen erhielten die gleiche prozentuale Senkung der kantonalen Einkommens- und Vermögenssteuern. Die absolute Ersparnis wäre dennoch für jene grösser, die heute mehr Steuern zahlen. Diesen Punkt führen die Gegner an, um die Gerechtigkeit der Initiative infrage zu stellen.

Ausgabendruck verschärft den finanzpolitischen Streit

Die Lohnsumme des kantonalen öffentlichen Sektors ist seit 2022 um rund 500 Millionen CHF gestiegen. Die Kantonsrechnung weist zudem steigende Kosten für die Unterstützung von Flüchtlingen, Prämienverbilligungen und einen grösseren Personalbestand im öffentlichen Dienst aus. Die Gegner der Vorlage verweisen auf diese Zahlen als Beleg dafür, dass der Kanton zuerst seine Ausgaben straffen sollte. Die Regierung sieht darin Gründe, die Einnahmen zu sichern.

Lohnerhöhungen gemäss Lohnskala, an die Inflation gekoppelte Lohnanpassungen und zusätzliches Personal haben alle zur höheren Lohnsumme beigetragen. Ausgaben im Zusammenhang mit Flüchtlingen haben den Druck verstärkt, insbesondere nach der Ankunft von Ukrainerinnen und Ukrainern infolge der umfassenden Invasion Russlands. Die Integration in den Arbeitsmarkt ist langsam vorangekommen. Gemäss den angeführten Zahlen waren Ende 2025 nur 36% der arbeitsfähigen ukrainischen Flüchtlinge, die 2022 im Kanton Waadt angekommen waren, erwerbstätig.

Auch die Prämienverbilligungen wurden ausgeweitet. Das Programm richtet sich an Haushalte mit tiefem und teilweise mittlerem Einkommen, doch ein grosser Teil der breiteren Mittelschicht fällt nicht darunter. Diese Haushalte finanzieren das System weiterhin über Steuern, erhalten aber kaum direkte Leistungen.

Für die Befürworter stärken diese Entwicklungen das Argument, Ausgabendisziplin durchzusetzen. Für die Regierung zeigen sie, weshalb eine dauerhafte Senkung der Einnahmen zum falschen Zeitpunkt käme. Die Abstimmung verbindet damit die Steuerpolitik mit Entscheidungen über Personalbestand, soziale Unterstützung und Integration.

272 Millionen CHF spalten die politische Debatte

Der Staatsrat schätzt, dass die Initiative den Kanton Waadt im Vergleich zu seinem bestehenden Steuersenkungsplan jährlich zusätzlich 272 Millionen CHF kosten würde. Der Kanton hat bereits eine schrittweise Senkung der Einkommenssteuer um 7% bis 2027 beschlossen. Bei einem Ja würde diese Massnahme durch eine Senkung um 12% ersetzt, wodurch die unmittelbare Steuersenkung grösser ausfiele.

Die Regierung sagt, die Mehrkosten würden Ausgabenkürzungen oder Leistungskürzungen erzwingen. Ihre Argumentation wird von der Sozialistischen Partei und den Grünen sowie von Gewerkschaften unterstützt. Sie warnen, dass eine prozentuale Senkung Steuerpflichtigen mit hohem Einkommen absolut am meisten nützt, weil das Steuersystem progressiv ist.

Die politische Ausgangslage ist unübersichtlich. Die SVP/UDC und die Grünliberale Partei unterstützen die Initiative. Die Mitte lehnt sie ab. Die PLR/FDP ist gespalten: Die Delegierten der Partei unterstützen die Vorlage, während eine Mehrheit ihrer Fraktion im Grossen Rat dagegen stimmte.

Die Initiative geht auch über den Steuersatz hinaus. Ein Ja würde eine Reform des Waadtländer Steuerdecks, des sogenannten «bouclier fiscal», für sehr vermögende Steuerpflichtige aus dem Jahr 2024 ungültig machen. Das Steuerdeck begrenzt die kombinierten Einkommens- und Vermögenssteuern von Kanton und Gemeinden auf 60% einer festgelegten Einkommensgrösse, vorbehaltlich bestimmter Bedingungen und Mindestschwellen. Bei einigen vermögenden Steuerpflichtigen könnte ein Teil des erwarteten Vorteils durch eine weniger günstige Behandlung beim Steuerdeck aufgehoben werden.

Die Abstimmung bestimmt die finanzpolitische Ausrichtung des Kantons Waadt

Ein Ja würde die steuerpolitische Entwicklung im Kanton Waadt für Haushalte, Unternehmen und öffentliche Behörden neu ausrichten. Unmittelbar würden die kantonalen Einkommens- und Vermögenssteuern um 12% gesenkt, während die Gemeindesteuersätze bestehen blieben. Dieser Unterschied ist wichtig, denn die gesamte Steuerrechnung der Steuerpflichtigen würde nicht um 12% sinken.

Die Befürworter erwarten eine stärkere Kaufkraft und einen attraktiveren Standort für Einwohnerinnen und Einwohner sowie wirtschaftliche Aktivitäten. Sie argumentieren, dass der Index des Kantons von 131 gegenüber dem Schweizer Richtwert von 100 Spielraum für eine Korrektur lasse. Ihre Kampagne stellt die Abstimmung zudem als Prüfung dar, ob der Kanton seine Ausgaben stärker disziplinieren und gleichzeitig einen Teil der steigenden Steuereinnahmen an die Bevölkerung zurückgeben kann.

Die Gegner konzentrieren sich auf die Dauerhaftigkeit des Einnahmenausfalls. Die Schätzung des Staatsrats von jährlich 272 Millionen CHF verleiht der Debatte eine konkrete Grössenordnung. Mit diesem Geld könnten sonst Personal, Subventionen, Integrationsprogramme und andere öffentliche Leistungen finanziert werden. Auch die Verteilung des Vorteils würde das progressive Steuersystem des Kantons Waadt widerspiegeln: Höhere Einkommen und vermögendere Haushalte hätten absolut gesehen grössere Einsparungen.

Die Abstimmung im September wird ein klares Signal zu den Prioritäten des Kantons Waadt geben: jetzt tiefere kantonale Steuern oder mehr finanzpolitischen Handlungsspielraum für Leistungen bewahren, deren Nachfrage steigt. Das Ergebnis wird auch ausserhalb des Kantons aufmerksam verfolgt werden, während die Schweizer Regionen weiterhin um Steuerpflichtige, Investitionen und öffentliche Ausgaben konkurrieren.