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Swiss Observer

US-Zolldrohung stellt die Sackmesserproduktion an einen Scheideweg

Das ikonische Schweizer Sackmesser steckt in einer Identitätskrise: Die USA erheben einen Einfuhrzoll von 39 Prozent und stellen damit das traditionelle Schweizer Erbe der Fertigung infrage.

US-Zolldrohung stellt die Sackmesserproduktion an einen Scheideweg
AISWI swissinfo.ch

Ein drastischer Einfuhrzoll von 39 Prozent hat die Schweizer Hersteller getroffen, die Ruhe in Ibach-Schwyz erschüttert und Schockwellen durch die Schweizer Wirtschaft geschickt. Während die Europäische Union einen verkraftbaren Satz von 15 Prozent aushandelte und Grossbritannien mit gerade einmal 10 Prozent davonkam, wurde die Schweiz vom höchsten Zoll überrascht, der jemals gegen ein westliches Land verhängt wurde. Das ist keine Übung, sondern ein direkter wirtschaftlicher Angriff auf das Exporterbe des Alpenlandes.

Carl Elsener Jr., CEO von Victorinox, räumt ein, dass der Schritt ein totaler Schock war. Seit Jahrzehnten sind die Vereinigten Staaten der wichtigste Markt des Unternehmens. Diese Verbindung wurde gefestigt, als US-Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg die Sackmesser mit nach Hause brachten. Nun wird diese Beziehung durch eine protektionistische Barriere auf die Probe gestellt, mit der in Bern niemand gerechnet hatte. Das Ausmass dieses Zolls, der fast dreimal so hoch ist wie derjenige Grossbritanniens, läutet eine unbeständige neue Ära der Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und den USA ein. Führungskräfte versuchen fieberhaft zu verstehen, weshalb ihr neutrales Land derart aggressiv ins Visier genommen wurde.

Schwindende Gewinne: Der Albtraum von 13 Millionen Dollar

Victorinox sieht sich im kommenden Jahr mit einer drohenden Steuerrechnung von 13 Millionen Dollar (10,3 Millionen Franken) konfrontiert. Diese finanzielle Belastung droht die Preisstrategie des Unternehmens auf den Kopf zu stellen. Sollten sich die Zölle dauerhaft verfestigen, steht das Unternehmen vor einer unmöglichen Wahl: die massiven Kosten selbst tragen oder sie an die amerikanischen Konsumentinnen und Konsumenten weitergeben. Bereits jetzt werden die professionellen Küchenmesser des Unternehmens teurer als die Produkte europäischer Mitbewerber, was einen Wettbewerbsvorteil schmälert, der über ein Jahrhundert hinweg aufgebaut wurde.

Auch die logistischen Folgen sind düster. Aus einem einst reibungslosen Exportverfahren ist eine kafkaeske Prüfung mit komplizierten Zollpapieren geworden. Jan Atteslander von EconomieSuisse warnt, dass die Zölle die exportorientierte Wirtschaft hart treffen und eine dringende Lösung nötig machen. Der finanzielle Druck ist unmittelbar und schwerwiegend: Zum ohnehin starken Schweizer Franken kommt ein Zuschlag von 39 Prozent hinzu, der die Rentabilität massiv belastet. Für ein familiengeführtes Unternehmen, das auf Stabilität setzt, hat sich die Finanzlage über Nacht von berechenbar zu gefährlich verändert.

Identitätskrise: Ist «Made in America» noch schweizerisch?

Der Schock hat in den geordneten Fabriken der Zentralschweiz eine existenzielle Krise ausgelöst: Kann ein Schweizer Sackmesser in Amerika hergestellt werden und trotzdem schweizerisch bleiben? Unternehmen wie Victorinox müssen nun das Undenkbare abwägen: die Produktion in die USA zu verlagern, um die Zollmauer zu umgehen. Dieses Dilemma trifft den Kern der Marke «Made in Switzerland», einem Qualitätssiegel, das auf der Präzisionsarbeit der Beschäftigten im Alpenthal von Ibach-Schwyz beruht.

Es geht um mehr als eine Geschäftsentscheidung, es ist eine kulturelle Auseinandersetzung. Der Kultstatus des Messers wurde durch amerikanische Ikonen der Popkultur wie MacGyver gefestigt, doch seine Seele ist weiterhin mit Schweizer Edelstahl und Handwerkskunst verbunden. Elsener, der als Vertreter der vierten Generation seiner Familie das Unternehmen führt, bleibt pragmatisch, aber vorsichtig. Eine Produktionsverlagerung würde das Erbe einer Ikone verwässern, die seit über einem Jahrhundert mit Kreuz und Schild geprägt ist. Die Branche steht an einem Scheideweg und muss zwischen dem wirtschaftlichen Überleben und dem Erhalt der Reinheit ihrer nationalen Identität wählen.

Diplomatische Verzweiflung: Bern ringt um ein Abkommen

Schweizer Amtsträgerinnen und Amtsträger kämpfen gegen die Zeit, um Washington zu besänftigen und die Handelsbarriere abzubauen. Präsident Trump hat den Schweizer Handelsüberschuss von 39 Milliarden Dollar ausdrücklich ins Visier genommen und die Handelsbeziehungen als «unfair» bezeichnet. Als Reaktion darauf reiste Wirtschaftsminister Guy Parmelin diesen Monat eilig nach Washington. Im Gepäck hatte er ein «besseres Angebot», mit dem die Handelsbedingungen neu geregelt werden sollen. Die Dringlichkeit ist spürbar: Mit jedem Tag, an dem der Zoll in Kraft bleibt, schwindet die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz.

Zum diplomatischen Vorstoss gehört auch intensive persönliche Diplomatie. Jean-Frédéric Dufour, CEO von Rolex, umwarb Trump sogar direkt und lud ihn in die VIP-Loge bei den US Open in New York ein. Dieser umfassende Einsatz unterstreicht, wie ernst die Bedrohung ist. Die Schweiz bereitet sich auf das Schlimmste vor und hofft auf das Beste, doch die Machtverhältnisse haben sich verschoben. Die Unabhängigkeitsprinzipien des Landes prallen auf die rohe Kraft des amerikanischen Protektionismus. Die Schweizer Industrie wartet mit angehaltenem Atem auf ein Abkommen, das ihre bekanntesten Exporte retten kann.