Wirtschaft
US-Preissystem für Medikamente löst Folgen für Schweizer Pharmariesen aus
US-amerikanische Massnahmen zur Senkung der Preise für verschreibungspflichtige Medikamente zwingen Schweizer Pharmaunternehmen wie Novartis und Roche, ihre Strategien in Europa neu zu beurteilen. Die Unternehmen schliessen Vereinbarungen nach dem Prinzip der «Meistbegünstigten Nation», um Preise anzugleichen. Das könnte Investitionen und Innovationen in der für die Schweiz wichtigen Pharmabranche verändern.

Die protektionistische Bedrohung, die einst nur auf dem Papier bestand, ist mit der Wucht eines Erdbebens in der Schweizer Wirtschaft eingeschlagen. Mit dem ersten Jahrestag der präsidialen Verordnung von Präsident Trump zur «Meistbegünstigten Nation» (MFN) im März 2026 ist die Ära diplomatischer Verhandlungen vorbei. Die US-Regierung hat ihre Marktdominanz faktisch als Waffe eingesetzt und Pharmariesen vor die Wahl gestellt: Passt eure Preise an oder verliert den Zugang zum lukrativsten Verbrauchermarkt der Welt.
Die Schweizer Branchenriesen Novartis und Roche, über ihre US-Tochter Genentech, gehören zu den 16 Grossunternehmen, die nachgegeben und vertrauliche Vereinbarungen unterzeichnet haben, um eine dreijährige Befreiung von existenzbedrohenden Zöllen zu sichern. Das sind keine Gentlemen’s Agreements, sondern Überlebensstrategien. Mit dem Start der Plattform TrumpRx.gov im Februar sind die Einsätze nochmals gestiegen. Sie schafft einen öffentlichen Pranger, an dem Unternehmen ausgeschlossen werden, wenn sie nicht die niedrigsten weltweiten Referenzpreise anbieten. Für die Schweizer Pharmaindustrie ist die Botschaft aus Washington unmissverständlich: Spielt nach amerikanischen Regeln oder gar nicht.
Milliardenwetten
Geld spricht, und derzeit hallt seine Stimme laut über den Atlantik. In einer erstaunlichen Kapitalabwanderung haben sich Pharmaunternehmen verpflichtet, im vergangenen Jahr mehr als 320 Milliarden US-Dollar (250 Milliarden Franken) direkt in Forschung und Produktion in den USA zu investieren. Dies ist eine direkte Reaktion auf die MFN-Vereinbarungen, die höhere US-Investitionen als Bedingung für den Marktzugang vorschreiben.
Dies sichert zwar eine Präsenz in den USA, wirft für die industrielle Basis der Schweiz aber eine existenzielle Frage auf. Der US-Markt macht bereits mindestens 50 Prozent des Umsatzes der meisten grossen Pharmaunternehmen aus. Indem die Unternehmen künftige Investitionen an den Standort USA binden, richten sie ihre globalen Lieferketten faktisch neu aus, um Washington zufriedenzustellen. Das Label «Swiss Made», ein Gütesiegel für Qualität und Innovation, droht in den Hintergrund zu geraten, während sich der Schwerpunkt entschieden nach Westen verlagert.
Europas Innovationsabfluss
Europa stellt sich auf einen harten pharmazeutischen Winter ein. Fachleute warnen, der Kontinent werde zum Kollateralschaden in Amerikas Preiskrieg. «Die US-Politik bestimmt inzwischen die Gesundheitspolitik in anderen Ländern», sagt James Whitehouse von Lightning Health. Die Folgen sind gravierend: Statt die US-Preise auf das europäische Niveau zu senken, drohen Unternehmen, die Einführung von Medikamenten in Europa ganz zu verschieben oder abzusagen.
Die Logik ist brutal, aber schlüssig. Warum sollte ein Medikament in einem europäischen Markt mit niedrigeren Preisen eingeführt werden, wenn dieser niedrige Preis zur weltweiten Referenz wird und dadurch die Einnahmen in den USA empfindlich schmälert? Die Unternehmen nehmen Einbussen bei den europäischen Marktanteilen in Kauf, um ihre amerikanischen Margen zu schützen. Dadurch entsteht ein gefährliches Szenario, in dem Schweizer und europäische Patientinnen und Patienten möglicherweise verzögert Zugang zu lebensrettenden Innovationen erhalten, weil Forschungs- und Entwicklungsbudgets sowie Produkteinführungen für die zahlungskräftige amerikanische Kundschaft priorisiert werden.
Gewinne unter Beschuss
Die finanziellen Aussichten für die Schweizer Pharmaindustrie verdüstern sich. Analysten der UBS schlagen Alarm und prognostizieren, dass die Nettogewinne grosser Unternehmen bis 2028 möglicherweise um 8 Prozent sinken. Diese Prognose stützt sich auf den Preisdruck, der im Rahmen der neuen Medicare-Modelle auf umsatzstarke Medikamente ausgeübt wird. Da die US-Preise historisch viermal so hoch waren wie in anderen Industrieländern, wirkt sich jede erzwungene Verringerung dieser Marge stark aus.
Dabei handelt es sich nicht bloss um einen Rückgang in einem Quartalsbericht, sondern um einen strukturellen Schock für das Geschäftsmodell, das den Schweizer Wohlstand jahrzehntelang getragen hat. Sollte es der US-Regierung gelingen, die Preise dauerhaft an niedrigeren internationalen Referenzwerten auszurichten, sind die Tage übermässig hoher Margen bei Markenprodukten gezählt. Novartis und Roche sind finanziell robust, doch navigieren sie nun durch ein Minenfeld, in dem sich ihr profitabelster Markt aktiv gegen ihre traditionellen Preisstrategien richtet.
Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Trotz des Siegesjubels im Weissen Haus erzählen die Zahlen eine komplexere Geschichte. Präsident Trump behauptet, er habe die «niedrigsten Preise der ganzen Welt» erreicht. Eine gründliche Untersuchung der New York Times und deutscher Medien zeigt jedoch erhebliche Risse in dieser Darstellung. Zwar wirbt die Website TrumpRx mit Angeboten für ausgewählte Medikamente, doch patentgeschützte Arzneimittel sind in Deutschland weiterhin durchgehend günstiger.
Bei Kassenschlagern zur Gewichtsreduktion wie Wegovy und Zepbound zahlen Amerikanerinnen und Amerikaner immer noch fast doppelt so viel wie Patientinnen und Patienten in anderen wohlhabenden Ländern. Die Regierung hat den Abstand verkleinert, aber nicht beseitigt. Diese Diskrepanz zeigt, dass der politische Druck real, die wirtschaftliche Realität jedoch hartnäckig ist. Für die Schweizer Pharmaindustrie zählt allerdings die politische Richtung mehr als die «Wahrheit». Ob die Preise tatsächlich die niedrigsten oder lediglich niedriger sind: Der Druck auf die Gewinne bleibt unerbittlich.