Umwelt
Giftige Reifenchemikalien in Schweizer Landwirtschaftsprodukten nachgewiesen
Eine EPFL-Studie weist auf das besorgniserregende Vorkommen von Reifenadditiven in Schweizer Früchten und Gemüsen hin und wirft Fragen zur Lebensmittelsicherheit und zu den Auswirkungen auf die Umwelt auf.

Erstaunliche 31 % der Schweizer Landwirtschaftsprodukte sind mittlerweile mit giftigen Reifenadditiven belastet. Das zerstört die Illusion einer unberührten alpinen Landwirtschaft. Eine bahnbrechende Studie der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) und des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hat eine allgegenwärtige, unsichtbare Gefahr aufgedeckt: Chemische Verbindungen aus Autoreifen umgehen äussere Schutzbarrieren und landen direkt auf unseren Tellern. Die im Mai 2025 im Journal of Hazardous Materials veröffentlichte Studie untersuchte rund 100 Proben der meistkonsumierten Früchte und Gemüse in der Schweiz.
Die Ergebnisse sind eindeutig und alarmierend. In jeder untersuchten Kategorie von Landwirtschaftsprodukten wurden Spuren industrieller Kautschukadditive nachgewiesen. Es handelt sich nicht um einen Einzelfall auf einigen wenigen Bauernhöfen am Strassenrand. Die Studie entnahm Proben bei neun repräsentativen Händlern, von grossen Supermarktketten bis zu kleinen Quartierläden. Die Allgegenwart dieser Stoffe deutet darauf hin, dass die Schweizer Lebensmittelversorgung mit einem systemischen Kontaminationsproblem konfrontiert ist, das geografische und einzelhändlerische Grenzen überschreitet. Wenn wir täglich Früchte essen, nehmen wir unwissentlich Nebenprodukte unserer Verkehrsinfrastruktur zu uns.
Der Mythos vom Schutz durch Bio
Konsumentinnen und Konsumenten, die für Bio-Produkte mehr bezahlen, um Schadstoffe zu vermeiden, sehen sich mit einer ernüchternden Realität konfrontiert: Das Label «Bio» schützt nicht vor dieser spezifischen industriellen Belastung. Die EPFL-Studie zeigt, dass die Kontaminationswerte statistisch signifikant bleiben, unabhängig davon, ob das Obst oder Gemüse konventionell oder biologisch angebaut wurde. Dieser Befund widerlegt die Annahme, dass umweltfreundliche Anbaumethoden Pflanzen vor Luftverschmutzung abschirmen können.
Die allgegenwärtigen Chemikalien, insbesondere 6PPD und 6PPD-Chinon, werden durch Wind und Regen verbreitet und lagern sich auf den Pflanzen ab, unabhängig davon, ob die Bäuerinnen und Bauern Pestizide oder Dünger einsetzen. «Dies trat unabhängig davon auf, woher die Früchte und das Gemüse stammten», hält die Studie fest und weist damit auf eine kritische Schwachstelle unserer Ernährungssicherheit hin. Florian Breider, Direktor des Zentralen Umweltlabors der EPFL, betont, dass es sich wahrscheinlich um eine gesamteuropäische Krise handelt. «Da die Ernährung in ganz Westeuropa weitgehend gleich ist, können wir davon ausgehen, dass diese Zahlen auch für die Belastung durch diese Partikel in den Nachbarländern repräsentativ sind», warnt Breider. Die Daten legen nahe, dass wir einen Punkt der Umweltbelastung erreicht haben, an dem die Wahl der Konsumentinnen und Konsumenten im Supermarkt angesichts des enormen Ausmasses der Infrastrukturverschmutzung bedeutungslos geworden ist.
Unerforschte Gesundheitsrisiken
Das Vorkommen dieser Chemikalien ist zwar bestätigt, doch die Auswirkungen auf den Menschen bleiben eine beunruhigende Unbekannte. Wir befinden uns derzeit in einem toxikologischen blinden Fleck. Studien an Nagetieren haben die starke Giftigkeit von Reifenadditiven wie DPG, 6PPD und 6PPD-Chinon bereits nachgewiesen und sie mit verminderter männlicher Fruchtbarkeit sowie besorgniserregenden neurotoxischen und neuroinflammatorischen Auswirkungen in Verbindung gebracht. Die entscheidende Schwelle für die Giftigkeit beim Menschen ist jedoch nach wie vor gefährlich unklar.
«Wir wissen nicht, wie diese Moleküle vom menschlichen Körper verstoffwechselt werden. Deshalb müssen wir uns dafür interessieren, denn wir sind ihnen alle ausgesetzt», betont Breider. Diese Ungewissheit stellt ein erhebliches Dilemma für die öffentliche Gesundheit dar. Wir kennen den Schadensmechanismus bei Säugetieren, verfügen aber nicht über die konkreten Daten, um das Risiko für die Schweizer Bevölkerung zu beziffern. Die Wissenschaft versucht, den Rückstand aufzuholen: Chinesische Labors führen derzeit eingehende Analysen dieser Stoffe in menschlichem Blut und Urin durch. Bis diese Ergebnisse mit den theoretischen täglichen Expositionswerten abgeglichen werden, die die EPFL anhand der Konsumstatistiken des BLV ermittelt hat, führen wir faktisch ein riesiges, unkontrolliertes Experiment an der Bevölkerung durch.
Vom Asphalt auf den Acker
Der Kontaminationsmechanismus ist so unerbittlich wie der Verkehr selbst. Jedes Mal, wenn ein Fahrzeug auf einer Schweizer Autobahn bremst, beschleunigt oder einfach weiterfährt, setzt es Mikropartikel frei, die Antioxidantien und Vulkanisationsmittel enthalten. Diese giftigen Partikel bleiben nicht einfach auf dem Asphalt liegen. Sie werden in die Atmosphäre geschleudert oder vom abfliessenden Wasser fortgespült und lagern sich schliesslich auf dem Boden und auf den Pflanzen ab, die die Bevölkerung ernähren. Dieser Kreislauf macht unsere Verkehrsinfrastruktur zu einem kontinuierlichen Sprühgerät für Schadstoffe.
Diese Forschung folgt auf alarmierende Befunde aus österreichischen Studien von 2023, die ähnliche Additive auf Blattgemüse nachwiesen. Die Schweizer Untersuchung bestätigt, dass das Problem nicht lokal begrenzt, sondern systemisch ist. Da die EPFL in den kommenden Monaten weitere Untersuchungen plant, muss der Schwerpunkt von der Nachweisführung auf die Eindämmung verlagert werden. Die Frage ist nicht mehr, ob wir Autoreifen essen, sondern wie viel davon und was das mit uns macht. Die Schweiz ist stolz auf ihre Umweltqualität. Diese Erkenntnis erinnert jedoch eindringlich daran: In einem vernetzten Ökosystem kennt die Verschmutzung keine Grenzen.