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Swiss Observer

Giftige Chemikalien aus Autoreifen in Schweizer Früchten und Gemüsen entdeckt

Eine Studie der EPFL zeigt, dass Reifenadditive in Schweizer Früchten und Gemüsen weit verbreitet sind. Dies wirft Fragen zur Lebensmittelsicherheit und zur Umweltverschmutzung auf.

Giftige Chemikalien aus Autoreifen in Schweizer Früchten und Gemüsen entdeckt
AISWI swissinfo.ch

Erstaunliche 31 % der Früchte und Gemüse in der Schweiz sind mit giftigen Gummizusätzen belastet. Damit zerbricht die Illusion einer unberührten Schweizer Landwirtschaft. Eine bahnbrechende Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) und des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hat eine weit verbreitete Umweltgefahr aufgedeckt, die unbemerkt in die Lebensmittelversorgung gelangt ist. Die in der renommierten Journal of Hazardous Materials veröffentlichte Forschungsarbeit zeigt, dass fast ein Drittel aller untersuchten Proben Spuren chemischer Zusatzstoffe enthielt, wie sie typischerweise in Autoreifen vorkommen.

Dies ist keine vereinzelte Anomalie, sondern eine systemische Verunreinigung. Die Studie untersuchte rund 100 Proben von neun grossen Anbietern im ganzen Land, von riesigen Supermarktketten bis hin zu lokalen Quartierläden. Die Ergebnisse bestätigen, dass Reifenabriebpartikel, die bei jedem Bremsen und Beschleunigen eines Fahrzeugs freigesetzt werden, nicht nur unsere Strassen verschmutzen, sondern sich auch auf unseren Nutzpflanzen ablagern und in unseren Körper gelangen. Die langfristigen Folgen werden noch untersucht, doch die schiere Verbreitung dieser Schadstoffe erfordert die umgehende Aufmerksamkeit von Konsumentinnen und Konsumenten sowie von politischen Entscheidungsträgern.

Kein Schutzraum: Bio-Produkte bieten keinen Schutz

Konsumentinnen und Konsumenten, die für Bio-Kennzeichnungen einen Aufpreis bezahlen, um den Kontakt mit Chemikalien zu vermeiden, müssen sich einer ernüchternden Realität stellen: Das Bio-Siegel schützt nicht vor dieser industriellen Luftverschmutzung. Die EPFL-Studie versetzt dem gesundheitsbewussten Markt einen Dämpfer und bestätigt, dass die Belastung unabhängig von der Anbaumethode auftritt. Ob die Produkte auf einem konventionellen Industriebetrieb oder auf einem sorgfältig bewirtschafteten Biohof angebaut wurden, die Belastung durch Reifenadditive ist statistisch signifikant.

«Wir haben diese Studie gemeinsam entwickelt und rund 100 der am häufigsten konsumierten Früchte und Gemüse beprobt», erklärt Florian Breider, Direktor des Zentralen Umweltlabors der EPFL. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Verunreinigungsmechanismus, nämlich die Ablagerung aus der Atmosphäre und der Abfluss, die landwirtschaftlichen Praktiken vollständig umgeht. Diese Erkenntnis folgt auf ähnlich alarmierende Daten aus Österreich und deutet auf eine weit verbreitete europäische Krise hin. Wie Breider festhält: «Da die Ernährung in ganz Westeuropa weitgehend gleich ist, können wir davon ausgehen, dass diese Zahlen die Belastung durch diese Partikel in den Nachbarländern repräsentieren.» Die allgegenwärtige Verunreinigung bedeutet, dass die Wahl von «Bio» allein kein ausreichender Schutz vor industriellen Schadstoffen mehr ist.

Chemische Folgen: Die neurotoxische Gefahr

Die in unserer Lebensmittelversorgung nachgewiesenen Chemikalien, darunter 6PPD und 6PPD-Chinon, zeichnen ein beunruhigendes Bild möglicher gesundheitlicher Folgen. Während Grenzwerte für Menschen noch nicht endgültig festgelegt wurden, sind die biologischen Auswirkungen auf Säugetiere bereits dokumentiert und geben ernsthaften Anlass zur Sorge. Studien an Nagetieren bringen diese Reifenadditive mit schwerwiegenden physiologischen Störungen in Verbindung, darunter verminderte Fruchtbarkeit bei Männchen sowie deutliche neurotoxische und neuroinflammatorische Wirkungen.

Es handelt sich nicht um harmlose Verbindungen, sondern um industrielle Vulkanisationsmittel und Antioxidantien für besonders belastbares Gummi, die nun in den menschlichen Verdauungstrakt gelangen. Besonders alarmierend ist das Vorkommen von 6PPD-Chinon, da dessen Toxizität für Wasserlebewesen und Säugetiere bekannt ist. Die Wissenschaft steht nun vor einer entscheidenden Wissenslücke: Wir wissen, dass diese Chemikalien die Biologie von Säugetieren schädigen, kennen aber noch nicht den Schwellenwert, ab dem sie für Menschen giftig werden. Die Ergebnisse der EPFL deuten darauf hin, dass wir unwissentlich an einem gross angelegten Expositionsexperiment teilnehmen, dessen Resultate unser Verständnis umweltbedingter Gesundheitsrisiken neu definieren könnten.

Der weitere Weg: Dringender Bedarf an Daten zu Auswirkungen auf Menschen

Wir steuern blind auf eine mögliche Krise der öffentlichen Gesundheit zu. «Wir wissen nicht, wie diese Moleküle vom menschlichen Körper verstoffwechselt werden. Deshalb müssen wir uns dafür interessieren», warnt Breider. Die Dringlichkeit ist spürbar. Da nun sowohl das Einatmen von Strassenstaub als auch der Verzehr alltäglicher Lebensmittel als Expositionswege bestätigt sind, ist die Schweizer Bevölkerung, und wahrscheinlich ganz Westeuropa, diesen mikroskopisch kleinen Gummipartikeln ständig ausgesetzt.

Während die Schweizer Behörden weitere Untersuchungen einleiten, werden die internationalen Bemühungen verstärkt. Chinesische Labors treiben derzeit vertiefte Forschungsarbeiten voran und untersuchen Blut- und Urinproben, um die Anreicherung dieser Stoffe im menschlichen Körper zu verfolgen. Die EPFL hat angekündigt, ihre eigene Forschung in den kommenden Monaten zu vertiefen. Das wissenschaftliche Rennen um die Bestimmung kritischer Toxizitätsschwellen läuft, bevor langfristige Schäden unumkehrbar werden. Bis dahin hat selbst der einfache Akt, einen Apfel zu essen, eine unsichtbare industrielle Belastung.