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Swiss Observer

Schweiz führt strengere Urheberrechtsregeln für Tech-Giganten ein

Neue Gesetzgebung nimmt grosse Online-Plattformen wie Google ins Visier und verpflichtet sie, für die Nutzung von Nachrichtenausschnitten zu bezahlen. Damit wird eine wegweisende Reform der digitalen Medien eingeleitet.

Schweiz führt strengere Urheberrechtsregeln für Tech-Giganten ein
AISWI swissinfo.ch

Die Ära des digitalen Trittbrettfahrens in der Schweiz steht vor einem abrupten Ende. Am 20. Juni 2025 verabschiedete der Bundesrat in einem entscheidenden Schritt eine wegweisende Botschaft zum Leistungsschutzrecht für Medien und stellte damit die Geschäftsmodelle globaler Tech-Giganten direkt infrage. Dabei handelt es sich nicht bloss um einen Vorschlag, sondern um einen Gesetzgebungsauftrag, der sich gezielt an Schwergewichte wie Google und X richtet und sie zwingt, ihren fairen Anteil für die Inhalte zu bezahlen, die das Engagement ihrer Nutzerinnen und Nutzer fördern.

Viel zu lange hat das Silicon Valley von Schweizer Journalismus profitiert, ohne auch nur einen Rappen zu dessen Entstehung beizutragen. Nun greift der Staat ein, um dieses Marktversagen zu korrigieren. Mit der Verabschiedung dieser Botschaft hat die Exekutive signalisiert, dass der Schutz der inländischen Medien eine nationale Priorität ist. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wer mit Schweizer Inhalten Gewinne erzielt, muss die Schweizer Urheberinnen und Urheber dafür bezahlen. Mit diesem Schritt schliesst sich die Schweiz einem weltweit wachsenden Trend von Staaten an, die nicht länger zulassen wollen, dass ihre Medienlandschaften verkümmern, während Aggregatoren florieren.

Die Lücke bei den «Snippets» schliessen

Im Zentrum dieser Reform steht der Streit um «Snippets», also kurze Textvorschauen und Vorschaubilder, die in unseren Feeds erscheinen. Bislang befanden sich diese kurzen journalistischen Inhalte in einer rechtlichen Grauzone und waren nicht urheberrechtlich geschützt. Tech-Plattformen haben diese Lücke ausgenutzt und mit Inhalten, deren Produktion sie nicht bezahlt haben, Millionen von Interaktionen erzielt. Der neue Rahmen des Bundesrates macht diesem Status quo ein Ende.

Nach dem Gesetzesentwurf sollen diese Snippets nicht länger kostenlos genutzt werden dürfen. Das Gesetz definiert diese kurzen Auszüge neu als geschütztes geistiges Eigentum und stellt sicher, dass Medienschaffende einen angemessenen Anteil an der Vergütung erhalten. Für Schweizer Verlage, die mitansehen mussten, wie ihre Inhalte Werbeeinnahmen für Dritte generierten, während ihre eigenen Ressourcen schwanden, ist dies eine wichtige Unterstützung. Indem die Schweiz selbst die kleinsten Bestandteile des digitalen Nachrichtenkonsums zu Geld machen will, versucht sie, den Kapitalfluss zurück in die Redaktionen zu lenken, die die Öffentlichkeit informieren.

Die 10%-Schwelle: Die Giganten im Visier

Die Regierung hat klar festgelegt, wer zur Kasse gebeten werden soll. Die Gesetzgebung richtet sich nicht gegen kleine Start-ups oder Nischenforen, sondern nimmt die ganz Grossen ins Visier. Gemäss den vorgeschlagenen Regeln unterliegen nur Online-Dienste den Gebühren, deren durchschnittliche Nutzerbasis pro Jahr mindestens 10% der Schweizer Bevölkerung ausmacht. Diese konkrete Kennzahl stellt sicher, dass die Regulierung genau dort ansetzt, wo sie soll: bei den allgegenwärtigen Plattformen, die den digitalen Alltag der Schweizer Bevölkerung dominieren.

Dieser Schwellenwert ist ein strategischer Schachzug. Er schützt die Innovation kleinerer digitaler Anbieter und zwingt zugleich etablierte Monopole, ihre Geldbeutel zu öffnen. Da die Schweizer Bevölkerung stark digitalisiert ist, bedeutet das Erreichen der 10%-Marke einen erheblichen Einfluss auf den öffentlichen Diskurs. Indem der Bundesrat die Vergütungspflicht an die Marktdurchdringung knüpft, stellt er sicher, dass jene Plattformen, die am meisten von der Aufmerksamkeit der Schweizer Bevölkerung profitieren, den Journalismus mitfinanzieren, auf den sie angewiesen sind.

Das letzte Kräftemessen im Parlament

Die Botschaft ist verabschiedet, doch der Kampf ist noch lange nicht vorbei. Nun verlagert sich die Auseinandersetzung ins Parlament, wo der endgültige Entscheid über diese umstrittenen Regeln zum Leistungsschutzrecht für Medien gefällt wird. Lobbyistinnen und Lobbyisten der grossen Tech-Konzerne dürften in Scharen nach Bern kommen, doch der Mediensektor hat eindeutig Rückenwind. Das Parlament hat nun die Macht, ein System gesetzlich zu verankern, das den Schweizer Journalismus vor finanzieller Auszehrung bewahren könnte.

Die bevorstehende Debatte wird die Zukunft der digitalen Landschaft der Schweiz prägen. Wird das Parlament dem internationalen Druck standhalten und die Vielfalt der lokalen Medien schützen? Es steht unglaublich viel auf dem Spiel. Ein Ja würde Journalistinnen und Journalisten eine nachhaltige Einnahmequelle sichern; eine Ablehnung könnte angesichts der algorithmischen Dominanz den langsamen Tod der unabhängigen Berichterstattung bedeuten. Nachdem der Bundesrat den Staffelstab weitergegeben hat, richten sich alle Augen auf die Parlamentarierinnen und Parlamentarier, die nun entscheiden müssen, ob die Inhalte das Sagen haben oder ob die Plattformen alles an sich reissen.