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Swiss Observer

Schweiz macht mit der E-ID einen historischen Schritt in Richtung digitaler Demokratie

Das Parlament hat die letzten Hürden für eine staatlich unterstützte elektronische Identität aus dem Weg geräumt. Der Start ist für 2026 geplant, dafür sind 100 Millionen Franken vorgesehen.

Schweiz macht mit der E-ID einen historischen Schritt in Richtung digitaler Demokratie
AIThe Local Switzerland

Die Schweiz hat offiziell den Startschuss für einen historischen digitalen Wandel gegeben. Mit einem entscheidenden Schritt hat das Parlament die letzten Hürden für ein staatlich unterstütztes elektronisches Identitätssystem aus dem Weg geräumt und damit eine beträchtliche Investition von 100 Millionen Franken freigegeben, um die Initiative voranzutreiben. Der Ständerat behob am Dienstag die letzten verbliebenen rechtlichen Unklarheiten und ebnete damit den direkten Weg für eine landesweite Einführung im Jahr 2026.

Dabei handelt es sich nicht bloss um ein Software-Update, sondern um einen grundlegenden Wandel in der Art und Weise, wie der Schweizer Staat mit seinen Bürgerinnen und Bürgern interagiert. Anders als beim ersten Versuch, der wegen der Beteiligung des Privatsektors von den Stimmberechtigten zu Fall gebracht wurde, liegt die Kontrolle bei der neuen Variante fest in den Händen des Bundes. Die verabschiedete Vorlage signalisiert ein starkes Engagement für die Modernisierung der schweizerischen Verwaltungsinfrastruktur und soll sicherstellen, dass die Schweiz im digitalen Wettlauf nicht hinter ihre europäischen Nachbarn zurückfällt. Mit dem bewilligten Kredit und dem frei gemachten Weg durch die Gesetzgebung hat der Countdown für eine papierlose Zukunft offiziell begonnen.

Das «Bundes-Wallet»: eine Festung für persönliche Daten

Der Schutz der Privatsphäre war bisher die Achillesferse digitaler Identitätsprojekte. Die Regierung hält dem jedoch eine «dezentralisierte» Festung entgegen. Die neue E-ID wird hauptsächlich in einer eigens entwickelten App, dem «Bundes-Wallet», gespeichert. So bleiben wichtige Daten auf dem Smartphone der Nutzerinnen und Nutzer, anstatt ungeschützt auf einem zentralen Server zu liegen. Diese Architektur ist eine direkte Antwort auf die Forderung der Öffentlichkeit nach Datenhoheit.

Für den Erhalt dieses digitalen Identitätsnachweises durchlaufen Bürgerinnen und Bürger ein hochmodernes Verifizierungsverfahren. Sie scannen ihre bestehende physische Identitätskarte und machen ein Selfie. Mithilfe moderner Gesichtserkennung wird ihre Identität mit den Daten des Bundesamts für Polizei abgeglichen. Anfangs wird das System auf die vom Bund entwickelte App angewiesen sein. Das Gesetz lässt jedoch künftig auch private Apps als Speicherort für die E-ID zu, sofern sie ihre ausreichende Sicherheit nachweisen können. Um das Vertrauen zu sichern, hat die Regierung häufige und gründliche Prüfungen durch externe Stellen versprochen. Diese sollen Schwachstellen aufspüren, bevor Hacker sie ausnutzen können.

Referendumsdrohungen: Der Kampf um die Privatsphäre

Trotz des grünen Lichts aus dem Parlament ist die E-ID noch nicht endgültig beschlossene Sache. Es braut sich heftiger Widerstand zusammen: Drei separate Bewegungen drohen, das Gesetz mit einem neuen Referendum zu Fall zu bringen. Die Piratenpartei und die Bürgerrechtsbewegung Mass-Voll mobilisieren und argumentieren, die derzeitigen Schutzmassnahmen reichten nicht aus und das System könne zum Missbrauch persönlicher Daten führen.

«Unter völliger Missachtung des Volkswillens will das Parlament die E-ID trotzdem einführen. Das ist inakzeptabel!», erklärte Mass-Voll und signalisierte damit eine kämpferische Haltung. Das Referendum von 2021, bei dem die Schweizer Stimmberechtigten das frühere E-ID-Gesetz klar ablehnten, wirft einen langen Schatten auf das Projekt. Gelingt es diesen Gruppen, die nötigen Unterschriften zu sammeln, liegt das Schicksal des 100-Millionen-Franken-Projekts erneut in den Händen der Schweizer Stimmbevölkerung. Damit würde aus einem technologischen Ausbau ein politischer Kampf mit hohem Einsatz um die Rechte auf Privatsphäre.

Mehr als Plastik: praktische Anwendungen und Pilotprojekte

Sobald das System in Betrieb ist, soll es den Alltag grundlegend verändern. Die E-ID wird als gültiger Altersnachweis beim Kauf von Alkohol dienen und eine einfache Authentifizierung für Behördendienstleistungen ermöglichen, etwa bei der Bestellung eines Passes oder der Anmeldung für Unterstützungsleistungen. Wichtig ist: Der Dienst wird kostenlos und vollständig freiwillig sein. Er ersetzt den physischen Pass oder die Identitätskarte nicht, sondern ergänzt sie.

Erste Einblicke in diese digitale Zukunft gibt es bereits. Mehrere Kantone testen die Technologie intensiv. Appenzell Ausserrhoden geht mit einem Pilotprojekt voran, bei dem Lernfahrausweise digital gespeichert werden. Die Einführung ist für 2026 vorgesehen, doch diese regionalen Tests sind wichtig, um Fehler und Schwachstellen zu beheben. Wenn sich die E-ID bewährt, könnte sie zum zentralen Schlüssel für das Leben als Bürgerin oder Bürger in der Schweiz werden und die Plastikkarte zum Relikt der Vergangenheit machen, vorausgesetzt, sie übersteht den möglichen politischen Sturm, der noch bevorsteht.