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Swiss Observer

Die Schweiz strebt angesichts der veränderten Sicherheitslage engere Verteidigungsbeziehungen zur EU an

Das Schweizer Parlament unterstützt die Initiative des Bundesrats, Verhandlungen über eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft mit der Europäischen Union aufzunehmen. Dies könnte einen Wandel in der militärischen Zusammenarbeit markieren.

Die Schweiz strebt angesichts der veränderten Sicherheitslage engere Verteidigungsbeziehungen zur EU an
AISWI swissinfo.ch

In Bern zeichnet sich eine historische Wende ab. Am Montag sprach sich der Nationalrat mit deutlicher Mehrheit für die Initiative des Bundesrats aus, eine formelle Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft mit der Europäischen Union einzugehen. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine bürokratische Anpassung, sondern um einen tiefgreifenden Wandel der Schweizer Aussenpolitik, der anerkennt, dass die Fassade der alleinigen Verteidigung bröckelt. Der Nationalrat nahm die Motion dringlich an und signalisierte damit, dass die Ära einer strikt unabhängigen Sicherheitspolitik rasch zu Ende geht.

Indem das Parlament den Bundesrat ermächtigt, Verhandlungen aufzunehmen, hat es faktisch eingeräumt, dass der Status quo nicht tragbar ist. Die Motion wurde trotz lautstarker Opposition angenommen und bringt die Legislative auf Kurs mit der Ankündigung der Exekutive vom Juni, engere Beziehungen zu prüfen. Die Schweiz tritt nun aktiv aus ihrer defensiven Haltung heraus, weil die Realität sie dazu zwingt: Isolation bedeutet Verwundbarkeit. Die Botschaft aus der Hauptstadt ist klar: Um sicher zu bleiben, muss sich die Schweiz integrieren.

Das transatlantische Vakuum: Der Rückzug der USA zwingt zum Handeln

Der Sicherheitsschirm, auf den sich Europa und damit auch die Schweiz jahrzehntelang verlassen haben, klappt zusammen. Die parlamentarische Mehrheit nannte den veränderten sicherheitspolitischen Rahmen in Europa ausdrücklich als Hauptgrund für diesen Schritt. Sie verwies insbesondere auf den zunehmenden Rückzug der US-Regierung aus der gemeinsamen europäischen Sicherheitsarchitektur. Dieser strategische Rückzug Washingtons hat ein Vakuum hinterlassen, das Bern nicht länger ignorieren kann.

Die Schweiz muss sich mit einer drastisch veränderten geopolitischen Rechnung auseinandersetzen. Wenn sich die USA zurückziehen, fällt die Sicherheitslast ganz auf den Kontinent. Die Mehrheit argumentierte, dass Abwarten an der Seitenlinie keine tragfähige Strategie mehr sei, wenn sich der wichtigste Garant für die Sicherheit des Westens zurückziehe. Der Entscheid ist eine direkte Reaktion auf eine zerrüttete Weltordnung, in der die Abhängigkeit von weit entfernten Supermächten durch die Notwendigkeit regionaler Stärkung ersetzt wird. Der Schritt der Schweiz ist eine pragmatische Abwägung: In einer europäischen Sicherheitslandschaft nach den USA ist die EU die einzige realistische Option.

Kriegsökonomie: Der Vorstoss für gemeinsame Beschaffungen

Neben der Geopolitik treibt auch die Kostenfrage diese Partnerschaft voran. Eine engere Sicherheitszusammenarbeit mit der EU eröffnet neue Möglichkeiten für gemeinsame, günstigere Rüstungsbeschaffungen. Das ist ein entscheidender Faktor, da die Kosten für Militärtechnologie stark steigen. Die Mehrheit im Nationalrat betonte, dass eine Integration Möglichkeiten bietet, das Budget der Schweizer Armee dank gemeinsamer Verhandlungsmacht effizienter zu nutzen, statt sich mit den hohen Kosten isolierter Beschaffungen zu belasten.

Moderne Verteidigungssysteme sind ausserordentlich teuer. Für ein Land von der Grösse der Schweiz wird es finanziell zunehmend ineffizient, eigene Systeme zu entwickeln oder zu kaufen. Durch die Abstimmung auf die Beschaffungsinitiativen der EU erhält die Schweiz Zugang zu Skaleneffekten, die ihr bisher verwehrt waren. Es geht darum, mehr für den Franken zu bekommen. Die Strategie des Bundesrats betrifft nicht nur politische Bündnisse, sondern ist auch eine finanzielle Notwendigkeit: Die Schweizer Armee soll modern und leistungsfähig bleiben, ohne die Bundeskasse in den Ruin zu treiben.

Neutralität neu definieren: Die politischen Fronten

Der Vorstoss in Richtung Brüssel stösst jedoch im Inland auf heftigen Widerstand. Eine Minderheit der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats, die von der rechtsgerichteten Schweizerischen Volkspartei (SVP) dominiert wird, unternahm erfolglos den Versuch, die Motion abzulehnen. Sie argumentierte, der Schritt bedrohe das heilige Prinzip der Schweizer Neutralität. Die SVP ist der Ansicht, dass verbindliche militärische Vereinbarungen mit der EU die souveräne Fähigkeit der Schweiz beeinträchtigen, sich aus ausländischen Konflikten herauszuhalten.

Der Bundesrat vertritt dagegen selbstbewusst die Haltung, dass diese Partnerschaft voll und ganz mit der Neutralität vereinbar ist. Er argumentiert, Zusammenarbeit bedeute keine Unterordnung. Während die Debatte an Schärfe gewinnt, wird die Definition dessen, was es 2025 heisst, «neutral» zu sein, in Echtzeit neu geschrieben. Während die SVP an einer isolationistischen Auslegung festhält, hat die parlamentarische Mehrheit signalisiert, dass echte Neutralität eine starke Verteidigung erfordert, die sich nun nur noch durch Partnerschaften gewährleisten lässt. Die Abstimmung ist gewonnen, doch der ideologische Kampf um die Ausrichtung der Schweizer Aussenpolitik ist noch lange nicht vorbei.