Klimawandel
Schweiz verzeichnet viertheissesten Mai, während Warnungen vor einer neuen Klimarealität zunehmen
Mit Temperaturen, die 1,8 °C über dem Durchschnitt lagen, erlebte die Schweiz einen ihrer heissesten Monate Mai seit 1864. Das für die Jahreszeit ungewöhnliche Wetter fällt in eine Zeit, in der Klimatologinnen und Klimatologen warnen, dass sich die Hitzewellensaison in Europa ausdehnt und damit auf wachsende Klimarisiken hindeutet.

Die Schweiz sieht sich mit einer glühend heissen neuen Realität konfrontiert: Der Mai 2026 geht als viertheissester Monat Mai seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1864 in die Geschichtsbücher ein. Die Temperaturen stiegen auf erstaunliche 1,8 °C über dem langjährigen Durchschnitt und verwandelten einen normalerweise milden Frühlingsmonat in eine sommerliche Gluthitze. In der Walliser Kantonshauptstadt Sitten kletterte das Thermometer auf beispiellose 34,2 °C, während die Temperaturen in den Regionen nördlich der Alpen und im Tessin regelmässig die 30-Grad-Marke überschritten. Das ist nicht bloss eine Warmwetterphase, sondern ein systemischer Wandel. Klimatologinnen und Klimatologen warnen, dass die «Hitzewellensaison» nicht mehr auf Juli und August beschränkt ist. Stattdessen breitet sie sich rasch aus und nimmt nun auch den Mai in ihr Gebiet auf. Der Wandel vollzieht sich in atemberaubendem Tempo und zwingt die Schweizer Bevölkerung, sich an Bedingungen anzupassen, die früher dem Hochsommer vorbehalten waren.
Die grosse Trockenheit: Der Frühlingsregen bleibt aus
Eine historische Dürre lähmt die Schweizer Landschaft. In mehreren Regionen sanken die Niederschlagsmengen auf gerade einmal 40 Prozent des jahreszeitlichen Durchschnitts. Dieser Frühling dürfte einer der trockensten seit 1901 werden. Der Boden ist ausgedörrt, und die Regierung ist in höchster Alarmbereitschaft. Schweizweit hat das Niederschlagsdefizit kritische 150 Millimeter erreicht, einen Rückstand, den auch die Regenfälle zu Monatsbeginn nicht ausgleichen konnten. Die Schweizer Regierung sah sich gezwungen, für die Alpen und das östliche Mittelland eine Dürrewarnung der Stufe 2 auszugeben. Sie signalisiert eine «leichte Dürre», deren Ende nicht absehbar ist. Besonders prekär ist die Lage im Kanton Graubünden und im Engadin, wo weniger als die Hälfte der üblichen Regenmenge gefallen ist. Der Feuchtigkeitsmangel erinnert an die verheerenden Trockenjahre 1944 und 1976 und bedroht die Landwirtschaft sowie die Wasserkraftreserven, während das Land in die heissesten Monate des Jahres geht.
Die Alpen kämpfen mit tropischen Veränderungen
Die Hitze steigt höher als je zuvor, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes. Am Pfingstmontag schnellte die Nullgradgrenze, also die Höhe, ab der die Temperaturen unter den Gefrierpunkt sinken, auf schwindelerregende 4328 Meter. Das ist der dritthöchste Wert, der je im Mai gemessen wurde, und bedeutet, dass die «Wintergrenze» über fast alle Gipfel der Schweizer Alpen gestiegen ist. Für die Gletscher und Hochgebirgsökosysteme des Landes ist das ein Todesstoss. Sonia Seneviratne, Wissenschaftlerin an der ETH Zürich, weist darauf hin, dass die Hitze früher einsetzt, länger anhält und mit beängstigender Intensität auch höhere Lagen erreicht. Die Folgen sind klar: weniger Schnee im Winter und extremere Temperaturen im Sommer. Die traditionelle Schweizer Landschaft mit schneebedeckten Gipfeln wird von einer rauen, grauen Realität abgelöst. Bis zum Ende des Jahrhunderts dürfte die Nullgradgrenze um weitere 550 Meter steigen. Die Schweiz beobachtet den Klimawandel nicht mehr nur, sie erlebt ihn mit der doppelten Geschwindigkeit des globalen Durchschnitts.
Ein Kontinent im Fadenkreuz des Klimawandels
Der glutheisse Mai in der Schweiz ist Teil eines umfassenderen und bedrohlicheren europäischen Trends. Während die globale Durchschnittstemperatur um 1,5 °C gestiegen ist, hat sich die Schweiz um erstaunliche 3 °C erwärmt. Europa erwärmt sich derzeit schneller als fast jeder andere Kontinent der Erde. «Ein Ereignis, das früher einmal alle zehn Jahre auftrat, kommt heute drei- oder viermal pro Jahrzehnt vor», warnt Sonia Seneviratne, Vizepräsidentin des IPCC. Von den 35,1 °C in den Londoner Kew Gardens bis zur «Hitzeglocke», die den Südwesten Frankreichs bei 36 °C erstickt, kämpft der Kontinent mit einem Klima, das zunehmend kaum wiederzuerkennen ist. Für die Schweiz bedeutet das eine unberechenbare Zukunft: häufigere Dürren, heftige Stürme und die ständige Gefahr von Überschwemmungen infolge extremer Niederschläge. Der rekordverdächtige Mai 2026 ist keine Anomalie, sondern eine laute und deutliche Warnung vor der neuen Klimarealität, die vor der Haustür der Schweiz angekommen ist.