Wissenschaft
Schweiz steigt aus EU-Kampagne zur Anwerbung amerikanischer Forschender aus
Während die EU eine Initiative über 500 Millionen Euro lanciert, um US-Forschende angesichts von Finanzierungskürzungen anzulocken, verfolgt die Schweiz bei der Rekrutierung von Forschenden weiterhin einen unabhängigen Kurs.

Während die Europäische Union einen spektakulären roten Teppich im Umfang von 500 Millionen Euro (466 Millionen Franken) ausrollt, um amerikanische Forschende aufzunehmen, hält die Schweiz ihr Portemonnaie fest geschlossen. Präsident Emmanuel Macron und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen präsentierten diesen Frühling an der Sorbonne die Initiative «Choose Europe for Science». Sie soll ausdrücklich Talente anwerben, die vor den Sparmassnahmen in den USA fliehen. Bern lässt sich davon jedoch demonstrativ nicht beeindrucken.
Die Schweiz, ein Nicht-EU-Mitglied und zugleich eine globale Forschungsgrösse, hat es rundweg abgelehnt, sich der Initiative anzuschliessen oder ein vergleichbares Programm aufzulegen. Während Brüssel die Finanzierungskrise in den USA als hervorragende Gelegenheit zur Rekrutierung betrachtet, halten Schweizer Verantwortliche gezielte Abwerbung für unnötig. Das Schweizerische Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) vertritt eine klare Haltung und bezeichnet das EU-Programm als «Widerspruch zum Prinzip des Wettbewerbs und der Exzellenz». Diese deutliche Absage zeugt vom unerschütterlichen Vertrauen der Schweiz, dass ihre bestehende Infrastruktur gut genug ist, um Spitzenkräfte ohne ausserordentliche Anreize anzuziehen.
US-Wissenschaft verliert unter Druck massiv an Fördergeldern
Auslöser dieser transatlantischen Verschiebung ist der massive Abbau des amerikanischen Wissenschaftsapparats. Seit ihrem Amtsantritt im Januar 2025 hat die Trump-Regierung den Forschungssektor finanziell unter Druck gesetzt. Bis 2026 sollen die Bundesmittel für die Wissenschaft um gewaltige 43 Milliarden Dollar gekürzt werden. Dabei handelt es sich nicht bloss um Sparmassnahmen, sondern um eine Aushöhlung der National Institutes of Health und der National Science Foundation.
Die Kürzungen sind ebenso ideologisch wie finanziell motiviert. Fördergelder werden in grossem Umfang gestrichen, und Universitäten droht der Entzug von Mitteln, falls sie weiterhin zu Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion (DEI), Impfstoffen oder dem Klimawandel forschen. Die Association of American Universities hat den Schritt als «gefährlichen und kontraproduktiven Präzedenzfall» kritisiert. Claudia Brühwiler, Politikwissenschaftlerin an der Universität St. Gallen, beschreibt die Lage als beispiellosen Angriff, bei dem die Regierung «die Meinungsfreiheit, die Freiheit der Ideen und die Forschungsfreiheit beschneidet». Die USA, einst die unbestrittene Supermacht, die jährlich 200 Milliarden Dollar für staatliche Forschung und Entwicklung ausgab, bauen nun aktiv ihr eigenes intellektuelles Fundament ab.
Bern setzt auf natürliche Anziehungskraft statt auf Anreize
Bern setzt alles auf die Überzeugung, dass Qualität mehr zählt als finanzielle Anreize. Während die EU eilig Unterstützungspakete schnürt, verweist die Schweiz auf ihre soliden jährlichen Investitionen von 31,3 Milliarden Dollar, was 3,4 Prozent ihres Bruttoinlandprodukts entspricht. Das soll beweisen, dass ihr Forschungsumfeld keine Tricks nötig hat. Die Schweizer Philosophie ist klar: Wer echte Exzellenz sucht, entscheidet sich für das beste Umfeld und nicht für den höchsten Antrittsbonus.
Kritikerinnen und Kritiker halten diese Haltung jedoch für überheblich. Indem die Schweizer Behörden die aggressive Anwerbung der EU als «opportunistisch» bezeichnen, könnten sie die verzweifelte Lage der US-Forschenden unterschätzen. Das Schweizer System ist zwar zweifellos gut finanziert, steht aber in Konkurrenz zu einer koordinierten Kampagne im Umfang von einer halben Milliarde Euro der Nachbarländer. Die Weigerung, gezielt «Rettungsboote» bereitzustellen, lässt darauf schliessen, dass die Schweiz erwartet, amerikanische Forschende würden die komplexen Schweizer Einwanderungs- und Fördersysteme eigenständig bewältigen. Dabei setzt sie darauf, dass das Prestige von Institutionen wie der ETH Zürich und der EPFL genügend Anziehungskraft besitzt, um dem grosszügigen finanziellen Angebot der EU entgegenzuwirken.
Die grosse Abwanderung amerikanischer Spitzenkräfte beginnt
Die Abwanderung ist nicht länger hypothetisch, sie findet bereits statt. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage von Nature zeigt überraschend, dass 1200 der 1600 befragten Forschenden mit Sitz in den USA einen Umzug ins Ausland in Betracht ziehen. Die Angst ist deutlich spürbar. Volker Thiel, Virologe an der Universität Bern, berichtet, seine US-Kolleginnen und -Kollegen seien in grosser Sorge. Einige seien bereits «aus ihren Labors ausgesperrt» worden, andere hätten die akademische Laufbahn ganz aufgegeben.
Renommierte Forschende haben bereits mit den Füssen abgestimmt. Allein im März wechselten drei angesehene Professoren der Yale University nach Kanada. Sie begründeten den Schritt mit dem feindseligen politischen Klima. Während die USA mit einem intellektuellen Aderlass zu kämpfen haben, positioniert sich Europa als Hauptnutzniesser. Mit ihrem Entscheid, sich nicht an der Rekrutierungskampagne zu beteiligen, riskiert die Schweiz, an der Seitenlinie zu stehen, während Deutschland, Frankreich und die Niederlande eine Generation vertriebener Spitzenkräfte anwerben. Die Frage bleibt: Wird sich das passive Vertrauen der Schweiz auszahlen, oder wird sie zusehen, wie sich die klügsten Köpfe der Welt gleich jenseits der Grenze niederlassen?