Venezuela
Schweiz friert inmitten der Krise in Venezuela Maduros Vermögen ein
Als Reaktion auf die Festnahme von Nicolás Maduro hat der Schweizer Bundesrat sämtliche Vermögenswerte des abgesetzten Machthabers eingefroren. Der Schritt erfolgt, während Venezuelas neue Interimspräsidentin Delcy Rodríguez bereits auf einer Schweizer Sanktionsliste steht und Rohstoffhändler in der Schweiz die neue Lage beurteilen.

Mit sofortiger Wirkung hat der Schweizer Bundesrat Nicolás Maduros finanziellen Fluchtwegen den Riegel vorgeschoben. Nach der überraschenden Festnahme des venezolanischen Machthabers durch US-Streitkräfte hat Bern in einem entschlossenen Schritt sämtliche Vermögenswerte eingefroren, die der abgesetzte Präsident und 36 seiner engsten Vertrauten in der Schweiz halten. Dies ist keine vorübergehende Massnahme: Die Sperre ist rechtlich für ganze vier Jahre festgeschrieben. So bleiben möglicherweise unrechtmässig erworbene Milliarden ausser Reichweite, während sich die Lage in Caracas beruhigt.
Die Haltung der Regierung ist eindeutig. Unter Berufung auf das Bundesgesetz über die Sperrung und die Rückerstattung unrechtmässig erworbener Vermögenswerte (SRVG) gehen die Schweizer Behörden entschlossen gegen Kapitalflucht vor. Während weltweit über die politische Wirkung des US-Militäreinsatzes diskutiert wird, betont Bern, dass die «Gründe für den Machtverlust von Herrn Maduro keine entscheidende Rolle spielen». Die Priorität ist klar: Das Geld wird jetzt gesichert, Fragen werden später gestellt. Sollten sich diese Gelder als gestohlen erweisen, hat die Schweiz zugesagt, sie direkt dem venezolanischen Volk zurückzuerstatten. Damit könnten die Tresore in Zürich zu einem möglichen Rückerstattungsfonds für ein Land in der Krise werden.
Das Paradox der sanktionierten Nachfolgerin
Die Schweiz steht nun vor einem diplomatischen Minenfeld: Die Frau, die Venezuela führen soll, steht in Bern bereits auf einer schwarzen Liste. Delcy Rodríguez, die nach Maduros spektakulärer Festnahme als Interimspräsidentin vereidigt wurde, ist seit 2018 von Schweizer Sanktionen betroffen. Während die neue Vermögenssperre auf das abtretende Regime zielt, unterliegt die neue Führungsperson selbst weiterhin einem Einreiseverbot und einer Vermögenssperre. Damit entsteht eine beispiellose diplomatische Blockade.
Rodríguez und 53 weitere hochrangige Amtsträgerinnen und Amtsträger wurden ursprünglich wegen der Untergrabung der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit sanktioniert. Das bringt die Schweiz in eine heikle Lage. Der Bundesrat erklärt zwar, die neue Sperre «betreffe keine Mitglieder der aktuellen venezolanischen Regierung». Tatsächlich ist das Interimsstaatsoberhaupt im Alpenland aber technisch gesehen eine unerwünschte Person. Dieser Widerspruch erschwert eine baldige diplomatische Annäherung oder Gespräche über Rückerstattungen, denn ausgerechnet jene Person, die theoretisch die Rückgabe der eingefrorenen Vermögenswerte verhandeln müsste, darf rechtlich nicht in die Schweiz einreisen, um darüber zu sprechen.
Händler haben den Preis von 300 Milliarden Barrel im Blick
Während die Diplomatinnen und Diplomaten unter Hochdruck arbeiten, laufen in den Handelsbüros in Genf und Zug intensive Berechnungen zu möglichen Geschäften. Die Schweiz, ein stiller Riese der Energiewelt, der 35 Prozent des weltweiten Ölhandels abwickelt, beobachtet, wie die grössten nachgewiesenen Ölreserven der Welt, mehr als 300 Milliarden Barrel, möglicherweise wieder auf den Markt kommen. Jahrelang waren Geschäfte mit PDVSA wegen der US-Sanktionen praktisch zum Erliegen gekommen. Nun beurteilen Händler nach Maduros Absetzung eine Lage, die die globalen Energiemärkte neu gestalten könnte.
Der Optimismus wird jedoch von einer harten Realität gebremst. Venezuelas Infrastruktur ist zerstört, die Fördermenge liegt mit kaum einer Million Barrel pro Tag weit unter früheren Werten. Fachleute schätzen, dass die Instandsetzung des maroden Sektors gewaltige 100 Milliarden Dollar kosten wird. Florence Schurch, Generalsekretärin von Suissenégoce, warnt: «Rohstoffhändler brauchen Gewissheit ... und diese Gewissheit gibt es heute nicht.» Die grossen Schweizer Handelshäuser Vitol, Trafigura und Gunvor stehen an der Startlinie. Solange das politische Chaos aber nicht abklingt und die Sanktionen nicht formell aufgehoben werden, bleibt der venezolanische Ölreichtum ein ferner Trugspiegel am Horizont.
Neutralität trifft auf eine harte Wirtschaftspolitik
Diese rasche Vermögenssperre ist ein Zeichen für eine mutige Weiterentwicklung der Schweizer Aussenpolitik, die traditionelle Neutralität mit entschlossener Finanzaufsicht verbindet. Mit dem raschen Vorgehen nach dem SRVG sendet Bern eine klare Botschaft: Die Schweiz ist kein sicherer Hafen mehr für die Beute abgesetzter Diktatoren. Entscheidend ist die Unterscheidung: Die Schweizer Behörden erklärten ausdrücklich, dass die Rechtmässigkeit des US-Einsatzes zweitrangig sei gegenüber dem Risiko, dass unrechtmässig erworbene Gelder verschwinden.
Für die Schweizer Bevölkerung und den Finanzsektor sind die Folgen weitreichend. Die Regierung greift internationalen Rechtsstreitigkeiten gewissermassen vor und sperrt die Gelder, um eine Kapitalflucht zu verhindern, wie sie bei früheren Regimewechseln für Verlegenheit gesorgt hat. Während Venezuela in ein unbeständiges neues Kapitel eintritt, hat sich die Schweiz nicht nur als Beobachterin, sondern als Hüterin des gestohlenen Vermögens des Landes positioniert. Die Herausforderung liegt nun in der Umsetzung: Es gilt, sich durch ein rechtliches Labyrinth zu bewegen, damit diese Milliarden Venezuela eines Tages wiederaufbauen helfen, statt lediglich in einem Zürcher Tresor Staub anzusetzen.