EU-Schweiz
Schweiz und EU unterzeichnen wegweisende Abkommen zur Stärkung der Beziehungen
Nach jahrelangen Verhandlungen haben der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin und die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen ein umfassendes Paket mit 18 Abkommen unterzeichnet, das die bilateralen Beziehungen festigen und stärken soll.

In einem tiefgreifenden Wandel der europäischen Diplomatie haben Bern und Brüssel die Blockade endlich überwunden. Nach Jahren eisigen Schweigens und stockender Gespräche haben der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin und die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen ein umfangreiches Paket mit 18 Abkommen unterzeichnet, das die komplexesten Beziehungen des Kontinents fit für die Zukunft machen soll. Die Unterzeichnungszeremonie am Montag in Brüssel markiert das definitive Ende der Unsicherheit, die die bilateralen Beziehungen seit 2021 belastet hat.
«Die EU und die Schweiz sind geografisch zwar Nachbarn, aber wir sind Partner aus Überzeugung», erklärte von der Leyen und bezeichnete das Abkommen als wichtigen Schritt in einem «volatilen globalen Umfeld». Dabei geht es nicht bloss um administrative Routine, sondern um eine strategische Neuausrichtung. Das Paket harmonisiert Regeln in den Bereichen Handel, Verkehr und Bildung und signalisiert damit, dass die Schweiz bereit ist, wieder näher an die EU heranzurücken, und zwar zu ihren eigenen Bedingungen. Auch Bundespräsident Parmelin zeigte sich entschlossen und bezeichnete die Abkommen als «ausgewogenes, pragmatisches und für beide Seiten vorteilhaftes Paket», das die Stabilität für die Schweizer Bevölkerung fördern werde. Die Botschaft ist klar: In einer unberechenbaren Welt kann es sich die Schweiz nicht länger leisten, allein zu gehen.
Der Preis der Partnerschaft: Milliarden und Grenzen
Der Zugang zum europäischen Markt hat seinen Preis, und die Schweiz hat sich bereit erklärt, ihn zu bezahlen. Gemäss den neuen Bedingungen wird Bern jährlich die beträchtliche Summe von 375 Millionen Euro (341 Millionen Franken) in den EU-Kohäsionsfonds einzahlen. Damit sollen die Unterschiede innerhalb des aus 27 Staaten bestehenden Staatenbunds verringert werden. Diese finanzielle Verpflichtung ist das Schmiermittel für das neue Paket «Bilaterale III» und soll sicherstellen, dass Schweizer Unternehmen und Studierende nicht ausgeschlossen werden.
Die Vorteile sind jedoch konkret und unmittelbar. Die Abkommen ermöglichen der Schweiz die Teilnahme am wichtigen EU-Binnenmarkt für Strom, ein entscheidender Gewinn für die Energiesicherheit. Zudem wird ein neuer «gemeinsamer Raum für Lebensmittelsicherheit» den bürokratischen Aufwand im Agrarhandel verringern. In einem bedeutenden Schritt für die Mobilität hat sich die Schweiz verpflichtet, EU-Studierenden an den meisten öffentlichen Universitäten dieselben Studiengebühren wie einheimischen Studierenden zu verrechnen. Damit festigt sie ihren Status als Zentrum europäischer Innovation. Die Kosten sind zwar beträchtlich, doch laut der Regierung werden sie von der wirtschaftlichen Notwendigkeit eines reibungslosen Handels mit dem Staatenbund, der die Schweiz als Binnenland umgibt, bei weitem übertroffen.
Von der Blockade zum Handschlag: Eine diplomatische Kehrtwende
Dieses Abkommen ist nichts Geringeres als eine diplomatische Wiederbelebung. Noch vor fünf Jahren, im Mai 2021, verliess die Schweizer Regierung abrupt den Verhandlungstisch und beendete damit einseitig mehr als ein Jahrzehnt Verhandlungen über ein institutionelles Rahmenabkommen. Die Beziehungen kühlten stark ab, und mehr als 120 bestehende bilaterale Abkommen begannen allmählich zu erodieren. Jahrelang standen sich Brüssel und Bern gegenüber, ohne dass eine Seite nachgeben wollte.
Doch Pragmatismus hat schliesslich über die unnachgiebige Haltung gesiegt. Drei Jahre später wurden die Verhandlungen diskret wieder aufgenommen und im Dezember 2024 weitgehend abgeschlossen. Seither haben die beiden Seiten schrittweise Teile des Abkommens unterzeichnet, darunter Protokolle zu Bildung und Forschung (Horizon Europe), die letztes Jahr in Kraft traten. Die Unterzeichnungszeremonie dieser Woche bildet den krönenden Abschluss dieses mühsamen Wiederaufbaus. Sie ersetzt das brüchige Flickwerk alter Verträge durch einen schlanken, modernisierten Rahmen. Wie von der Leyen anmerkte, bleibt die EU eine «verlässliche und berechenbare Partnerin». Es brauchte jedoch ein halbes Jahrzehnt voller Spannungen, um zu zeigen, dass die Schweiz diese Verlässlichkeit mehr denn je braucht.
Die ultimative Prüfung: Vor den Schweizer Stimmberechtigten
Die Tinte in Brüssel mag trocken sein, doch der eigentliche Kampf beginnt erst jetzt in der Heimat. In der Schweiz hat die Regierung nicht das letzte Wort, sondern das Volk. Dieses umfassende Paket muss zunächst die Hürde des Schweizer Parlaments nehmen. Die eigentliche «Endgegnerin» ist jedoch die unausweichliche nationale Abstimmung, die voraussichtlich 2027 stattfinden wird. Die Geschichte zeigt, dass die Schweizer Stimmberechtigten ihre Souveränität entschieden verteidigen und allem skeptisch gegenüberstehen, was nach einem Eingriff der EU riecht.
Erschwerend kommt die drohende Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» hinzu, ein populistischer Vorstoss zur Begrenzung der Zuwanderung, der dem Grundgedanken der Personenfreizügigkeit in diesen Abkommen direkt zuwiderläuft. Bundespräsident Parmelin betont zwar, die Initiative verlange keine «sofortige Kündigung» der Abkommen, doch die politischen Spannungen sind spürbar. Die Regierung steht nun vor der gewaltigen Aufgabe, das Abkommen einer skeptischen Öffentlichkeit schmackhaft zu machen. Sie muss die Stimmberechtigten davon überzeugen, dass die Kosten von 375 Millionen Euro und die regulatorische Angleichung keine Aufgabe der Souveränität darstellen, sondern eine notwendige Investition in den Wohlstand der Schweiz sind. Die Diplomatinnen und Diplomaten haben ihre Arbeit getan, nun müssen die Politikerinnen und Politiker den Wahlkampf bestehen.