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Swiss Observer

Schweiz lockert Waffenexportregeln in bedeutendem politischen Kurswechsel

Das Schweizer Parlament hat eine Lockerung der strengen Regeln für den Export und Reexport von Kriegsmaterial in Konfliktländer beschlossen. Vorausgegangen war Druck europäischer Staaten und der Schweizer Rüstungsindustrie, nachdem Gesuche um die Lieferung von in der Schweiz hergestellter Munition an die Ukraine abgelehnt worden waren.

Schweiz lockert Waffenexportregeln in bedeutendem politischen Kurswechsel
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz hat offiziell nachgegeben. In einer tiefgreifenden Wende für die streng gehütete Neutralität des Landes hat das Parlament die regulatorische Brandmauer niedergerissen, die Schweizer Waffen einst von den Konfliktzonen der Welt fernhielt. Der Entscheid, Export- und Reexportbewilligungen für 25 Länder automatisch zu erteilen, ist ein endgültiger Sieg der Rüstungslobby über den traditionellen Isolationismus.

Jahrelang schlug das Pendel der Schweizer Aussenpolitik in Richtung Einschränkung aus und mündete Ende 2021 in einem strikten Verbot. Doch die geopolitische Realität des Jahres 2026 hat eine dramatische Kehrtwende erzwungen. Während Europa so schnell aufrüstet wie seit dem Höhepunkt des Kalten Krieges nicht mehr, stand Bern vor einer klaren Wahl: sich anpassen oder bedeutungslos werden. Die Behörden betonen nun, dass die Arsenale vertrauenswürdiger Partner zu stärken mit der Neutralität vereinbar sei. Diese Behauptung wäre vor gerade einmal fünf Jahren politisch ketzerisch gewesen. Es handelt sich nicht bloss um eine bürokratische Anpassung, sondern um die entschlossene Rückkehr der Schweiz auf den globalen Rüstungsmarkt, um eine Branche zu retten, die von ihren engsten Nachbarn systematisch ausgegrenzt wurde.

Der Auslöser Gepard: Wie Berlin Bern zum Umdenken brachte

Der Konflikt zeichnete sich ab, als Berlin die Geduld verlor. Auslöser der Gesetzesrevision war der erbitterte diplomatische Streit von 2022, als Deutschland zweimal um die Bewilligung ersuchte, 12'400 Schuss Schweizer Gepard-Panzermunition in die Ukraine weiterzuliefern. Diese Munition war entscheidend, um russische Marschflugkörper und Drohnen abzuschiessen. Bern lehnte beide Gesuche unter Berufung auf das Kriegsmaterialgesetz ab.

Die Folgen waren unmittelbar und vernichtend. «Ich kann nicht verstehen, warum die Schweiz keine Gepard-Munition liefert», erklärte der damalige Vizekanzler Robert Habeck. Seine Aussage hallte durch die Gänge des Bundeshauses. Die Schweiz sagte nicht nur Deutschland Nein, sondern wies auch ähnliche dringliche Gesuche aus Spanien, Dänemark und den Niederlanden zurück. Die Konsequenzen folgten rasch und fielen hart aus. Deutschland schloss Schweizer Hersteller von lukrativen Rüstungsaufträgen aus, und die Niederlande stellten ihre Käufe vollständig ein. Die Botschaft aus Europa war brutal, aber klar: Wenn die Schweiz die Last der gemeinsamen Sicherheit nicht mittragen will, soll sie auch nicht an den Gewinnen teilhaben.

Die Zahlen: Eine Branche im freien Fall

Der diplomatische Frost löste für Schweizer Hersteller einen finanziellen Kahlschlag aus. Die Zahlen zeichnen das Bild einer Branche in der Krise. Allein 2023 brachen die Schweizer Rüstungsexporte um massive 27 Prozent ein. Damit gingen gegenüber dem Vorjahr 258 Millionen Franken (330 Millionen US-Dollar) an Exportwert verloren. Zwar spielte der Abschluss eines grossen Luftabwehrvertrags mit Katar eine Rolle, doch der Trend ist unbestreitbar: 2024 schrumpfte die Branche um weitere 5 Prozent.

Europa ist die Lebensader der Schweizer Rüstungsindustrie und macht überwältigende 80 Prozent aller Verkäufe ins Ausland aus. Als europäische Nachbarländer wegen restriktiver Reexportklauseln Schweizer Technologie zunehmend mieden, geriet die Branche in eine existenzielle Bedrohungslage. Rüstungsgüter machten 2024 nur 0,7 Prozent der gesamten Schweizer Exporte aus. Die Branche ist also eine Nische, aber politisch einflussreich. Die Industrie argumentierte, sie werde von der eigenen Regierung mit Bürokratie erstickt, während der Rest des Kontinents eine «beispiellose» Ausgabenoffensive startete. Mit der Gesetzesänderung soll der Niedergang gestoppt werden, bevor das Schweizer «Qualitätssiegel» zum Nachteil statt zum Vorteil wird.

Der «Kreis vertrauenswürdiger Staaten»: Wer erhält die Waffen?

Mit der neuen Regelung gehört die umständliche «Nicht-Wiederausfuhr-Erklärung» für eine ausgewählte Gruppe von Ländern der Vergangenheit an. Das Parlament hat eine Liste mit 25 Ländern gutgeheissen, die künftig automatisch eine Bewilligung für Waffenexporte und Reexporte erhalten, unabhängig davon, ob sie sich in einem Konflikt befinden. Zu diesem «Kreis vertrauenswürdiger Staaten» gehören vorwiegend 19 europäische Nachbarländer, aber auch Argentinien, Australien, Kanada, Japan, Neuseeland und die Vereinigten Staaten.

Der Mechanismus soll rasch und verlässlich sein und die bürokratischen Hürden beseitigen, die Schweizer Lieferanten in einer Krise zu unzuverlässigen Partnern machten. Bern gibt die Kontrolle jedoch nicht vollständig aus der Hand. Der Bundesrat behält ein Vetorecht und kann Exporte blockieren, wenn sie den nationalen Interessen der Schweiz direkt zuwiderlaufen. Diese Sicherheitsklausel soll verhindern, dass Schweizer Waffen Gräueltaten begünstigen oder grundlegende humanitäre Prinzipien verletzen. Das Signal ist dennoch unmissverständlich: Für diese 25 Länder ist das Schweizer Waffenarsenal für Geschäfte geöffnet.

Neutralität in einer instabilen Welt neu definieren

Der politische Kurswechsel erfolgt, während die globale Sicherheitsordnung auseinanderbricht. Die Schweiz muss sich mit einer Welt auseinandersetzen, in der Neutralität kein Schutzschild mehr ist, sondern zu einem möglichen Zwangskorsett wird. Der Druck kommt nicht nur von traditionellen Konflikten. Die Bedrohungslage verändert sich rasch. Die europäischen Militärausgaben steigen als Reaktion auf die russische Aggression, die Befürchtung eines Rückzugs der USA aus der NATO und unberechenbare Äusserungen von Führungspersönlichkeiten wie US-Präsident Donald Trump zur Annexion Grönlands.

In diesem instabilen Umfeld musste die Schweiz neu definieren, was Neutralität bedeutet. Heisst sie strikter Isolationismus oder Solidarität mit anderen Demokratien? Mit der Lockerung der Regeln hat das Parlament stillschweigend eingeräumt, dass in einer polarisierten Welt das wirtschaftliche Überleben und die regionale Sicherheitszusammenarbeit Vorrang vor einer dogmatischen Festhaltung an früheren Auslegungen der Neutralität haben müssen. Die Schweizer Rüstungsindustrie mag diese Runde gewonnen haben, doch die Debatte über die moralische Seele des Landes ist noch lange nicht beendet.