Politik
Die Schweiz fällt in der globalen Rangliste zur Korruptionsbekämpfung zurück
Der aktuelle Bericht von Transparency International weist für die Schweiz den bisher tiefsten Wert im Kampf gegen Korruption im öffentlichen Sektor aus und lenkt den Blick auf Bedenken hinsichtlich Lobbying und Interessenkonflikten.

Der Ruf der Schweiz für tadellose Regierungsführung hat einen messbaren Dämpfer erhalten. Eine aufsehenerregende Erkenntnis aus dem Korruptionswahrnehmungsindex 2024 (CPI) von Transparency International: Die Schweiz erreicht mit 81 von 100 Punkten ihren bisher tiefsten Wert. Das ist nicht bloss ein statistischer Ausreisser, sondern ein Warnsignal für ein Land, das stolz auf seine Integrität ist. Zwar hält die Schweiz weltweit den fünften Rang, doch der Abwärtstrend ist unbestreitbar und alarmierend.
Der Rückgang um einen Punkt gegenüber dem Vorjahr bedeutet Stagnation, wo Fortschritte gefragt wären. Jahrelang hat sich die Alpenrepublik auf ihren Lorbeeren ausgeruht, doch dieser historische Tiefststand legt die Risse in der Fassade offen. Die Daten sind eindeutig: Selbstzufriedenheit nagt an der Stellung der Schweiz. Das Land liegt zwar weiterhin weit vorne, doch der Vorsprung schmilzt und die Entwicklung gibt Anlass zur Sorge. Dieser Rekordtiefstwert ist ein entscheidender Hinweis darauf, dass der Status quo nicht mehr ausreicht, um das Image der Schweiz als globales Vorbild in der Korruptionsbekämpfung zu wahren.
Die blinden Flecken: Lobbying und Interessenkonflikte
Die Ursache für diesen Rückgang liegt tief im Getriebe von Bern. Transparency International hat schwerwiegende Mängel beim Umgang der Schweiz mit Integrität im öffentlichen Sektor ausdrücklich benannt. Der Bericht kritisiert scharf den nachlässigen Umgang des Landes mit der Regulierung des Lobbyings und der Bewältigung von Interessenkonflikten auf allen Bundesebenen. Das System funktioniert im Verborgenen, wobei Einflussnahme mit unzureichender Aufsicht betrieben wird.
Katja Gloor, interimistische Direktorin von Transparency Schweiz, nahm kein Blatt vor den Mund: «Die Schweiz muss die Mängel bei der Korruptionsbekämpfung im öffentlichen Sektor entschlossen angehen.» Gefordert sind dringende Massnahmen. Der aktuelle Rahmen ermöglicht undurchsichtige Beziehungen zwischen Gesetzgebenden und Interessengruppen und schafft damit einen Nährboden für mögliche Korruption. Ohne eine strenge Regulierung der Lobbyingtätigkeit bleibt die Integrität der Schweizer Demokratie für den Meistbietenden angreifbar. Dass diese Kontakte nicht angemessen kontrolliert werden, ist ein eklatanter blinder Fleck, den internationale Beobachterinnen und Beobachter nicht länger ignorieren können.
Das Problem des sicheren Hafens: schmutziges Geld und Transit
Neben den Problemen im öffentlichen Sektor steht die Schweiz vor einer dunkleren Realität: Sie ist ein Magnet für illegale Finanzströme. Das Land bleibt ein attraktives Ziel- und Transitland für illegale Geldflüsse. Dieser Umstand trübt weiterhin den Ruf des Finanzplatzes. Die NGO weist auf eine gefährliche «Risikobereitschaft» bei Schweizer Unternehmen hin, die in Märkten mit hoher Korruptionsgefährdung tätig sind. Es geht dabei nicht nur um die Regierungsführung im Inland, sondern auch um die Rolle der Schweiz in der globalen Lieferkette für schmutziges Geld.
Der Bericht verweist auf grosse Lücken bei der Bekämpfung von Geldwäscherei und Korruption im Privatsektor. Insbesondere ist die Transparenz über die wirtschaftlich Berechtigten von Unternehmen und Trusts unzureichend. Zudem erfasst das Geldwäschereigesetz Beratungsberufe, darunter Anwältinnen und Anwälte sowie Beraterinnen und Berater, die risikoreiche nichtfinanzielle Tätigkeiten ermöglichen, nicht ausreichend. Solange diese Schlupflöcher bestehen, öffnet die Schweiz Geldern zweifelhafter Herkunft gewissermassen den roten Teppich und untergräbt damit die weltweiten Bemühungen zur Eindämmung der Finanzkriminalität.
Der globale Kontext: auf unsicherem Boden
Während die Schweiz mit ihren eigenen Versäumnissen ringt, bildet die globale Lage einen düsteren Hintergrund. Der Index 2024 zeigt, dass Korruption weltweit eine «weitverbreitete Plage» bleibt: Mehr als zwei Drittel der 180 untersuchten Länder erreichen nicht einmal 50 Punkte. Der globale Durchschnitt stagniert bei mageren 43 Punkten. Vor diesem Hintergrund mag der Wert der Schweiz von 81 überlegen erscheinen, doch der Abwärtstrend bringt das Land auf eine schiefe Bahn.
Dänemark bleibt an der Spitze und setzt den Goldstandard, mit dem die Schweiz einst gleichziehen wollte. Länder wie Südsudan verharren hingegen am Ende der Rangliste. Für ein Land, das sich mit Stabilität und Rechtsstaatlichkeit profiliert, ist es jedoch ein Versagen des eigenen Anspruchs, «besser als der Durchschnitt» zu sein. Die Schweiz konkurriert an der Spitze, und in dieser Spitzengruppe kommt Stagnation einem Rückschritt gleich. Die Welt beobachtet die Entwicklung, und das Schweizer Markenzeichen der absoluten Zuverlässigkeit wird so stark auf die Probe gestellt wie nie zuvor.
Das Ultimatum: reformieren oder zurückfallen
Der Weg nach vorn verlangt mehr als eine passive Anerkennung der Probleme: Er erfordert tiefgreifende gesetzgeberische Eingriffe. Um ihre Stellung als führender Wirtschafts- und Finanzplatz zu stärken, muss die Schweiz gezielte Gesetzesänderungen umsetzen. Dazu gehört, den Anwendungsbereich der Bestimmungen zur Geldwäschereibekämpfung auszuweiten und die systematische Anwendung der bestehenden Vorschriften sicherzustellen. Die Zeit, in der man sich auf eine Kultur der «Gentlemen's Agreements» verlassen konnte, ist vorbei.
Transparency Schweiz fordert konkrete Massnahmen: die Transparenz über wirtschaftlich Berechtigte sicherzustellen und entschlossen gegen Korruption in Unternehmen vorzugehen. Wenn der Bund nicht handelt, riskiert er nicht nur weitere Rückgänge in der Rangliste, sondern auch einen konkreten Vertrauensverlust bei der internationalen Gemeinschaft. Bern steht vor einer klaren Wahl: das System reformieren und diese ethischen Schlupflöcher schliessen oder zusehen, wie der Ruf der Schweiz für Integrität langsam schwindet.