Wirtschaft
Verliert die Schweiz ihren Wettbewerbsvorsprung?
Der scheidende economiesuisse-Präsident Christoph Mäder sagt, die Schweiz verliere gegenüber Ländern wie Irland und Dänemark an Wettbewerbsfähigkeit.

Die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz ist nichts mehr, was Wirtschaftsführer einfach als selbstverständlich voraussetzen wollen. Christoph Mäder, der im September 2026 als Präsident von economiesuisse zurücktritt, sagt, konkurrierende Volkswirtschaften wie Irland und Dänemark holten auf, während Bern Entscheidungen verzögere, die den Wirtschaftsstandort schützen könnten.
Seine Warnung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Schweiz mit einer vertrauten Reihe von Herausforderungen konfrontiert ist. Unternehmen arbeiten mit hohen Arbeitskosten, einem starken Franken und anspruchsvollen regulatorischen Vorgaben. Zudem konkurrieren sie um Fachkräfte, Investitionen und Forschungsprojekte mit Ländern, die grössere Inlandsmärkte oder eine offensivere Steuer- und Industriepolitik anbieten können. Das Ausgangsinterview enthält weder eine neue Rangliste noch eine bezifferte Schätzung der entgangenen Investitionen. Dadurch lässt sich Mäders Aussage anhand der verfügbaren Belege nur begrenzt überprüfen. Die politische Frage verschwindet dadurch aber nicht.
Mäder richtet sich mit seiner Argumentation gegen Selbstzufriedenheit. Die Schweiz profitiert weiterhin von politischer Stabilität, einer fortschrittlichen Infrastruktur, Forschungsinstitutionen und einem Ruf für Qualität. Diese Vorteile können hohe Kosten aufwiegen, wenn Unternehmen einen klaren Grund sehen, hier zu bleiben. Verzögerte Reformen erschweren diese Abwägung, insbesondere für Unternehmen, die entscheiden, wo sie ihren nächsten Betrieb ausbauen.
Bern mit dem Reformrückstand konfrontieren
Der Reformrückstand ist Mäders konkretester Vorwurf an die Bundesregierung. Er sagt, Bern zeige wenig Bereitschaft für Massnahmen, die den Wirtschaftsstandort stärken würden, und nennt die Rentenpolitik als Beleg für politisches Zögern.
Mäder bezeichnet den Entscheid, das Rentenalter im nächsten AHV-Reformpaket nicht einmal zu diskutieren, als «unverantwortlich, gelinde gesagt». Seine Sorge ist sowohl wirtschaftlicher als auch fiskalischer Natur. Die alternde Bevölkerung der Schweiz wird das Arbeitskräfteangebot, die Kosten der Sozialversicherungen und die Steuerlast für Unternehmen und Haushalte prägen. Die Quelle beziffert weder die künftige Finanzierungslücke noch schlägt sie eine detaillierte Alternative vor. Sie zeigt jedoch, wie eng die Wettbewerbsfähigkeit mit Entscheidungen verknüpft ist, die üblicherweise der Sozialpolitik zugeordnet werden.
Die Regulierung kommt als weitere Ebene hinzu. Schweizer Unternehmen müssen häufig neben den Bundesvorschriften auch kantonale und kommunale Verfahren bewältigen. Einfachere Bewilligungsverfahren, eine digitalisierte öffentliche Verwaltung und klare Prioritäten könnten den Aufwand verringern, ohne die Standards zu senken. Mäders Intervention enthält keine Liste konkreter Vorschriften, die abgeschafft werden sollten. Der Vorwurf muss deshalb von Fall zu Fall geprüft werden. Wirtschaftsverbände sollten aufzeigen, welche Regeln Investitionen verzögern, während die Regierung einen Zeitplan veröffentlichen sollte, der dringende Reformen von Wunschlisten der Lobbyverbände unterscheidet.
Innovation muss ihren Aufpreis rechtfertigen
Hohe Kosten fallen vor allem dann ins Gewicht, wenn Produktivität und Innovation nicht Schritt halten. In der Schweiz sind die Löhne vergleichsweise hoch, und der starke Franken verteuert Waren und Dienstleistungen aus der Schweiz in ausländischer Währung. Unternehmen, die spezialisierte Medikamente, Maschinen oder Finanzexpertise verkaufen, können diesen Druck auffangen. Schwieriger ist es für Firmen, die hauptsächlich über den Preis konkurrieren.
Das Land verfügt über starke Hochschulen, etablierte Forschungszentren und Cluster in den Bereichen Life Sciences, Präzisionstechnik und Technologie. Entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit ist, ob diese Stärken rasch aus den Labors in Unternehmen gelangen, die Arbeitsplätze schaffen und exportieren. Regulierung, der Zugang zu Talenten und die Kosten für das Wachstum eines jungen Unternehmens beeinflussen diesen Prozess. Mäders Interview enthält keine Zahlen zu Patenten, Risikokapital, Produktivität oder Forschungsausgaben. Eine verantwortungsvolle Beurteilung kann deshalb nicht behaupten, die Schweiz habe ihren Innovationsvorsprung bereits verloren.
Der starke Franken macht die Debatte zusätzlich kompliziert. Eine schwächere Währung könnte Exporte verbilligen, würde aber die Kaufkraft senken und Importe verteuern. Die Schweizerische Nationalbank kann nicht jedes strukturelle Problem mit Wechselkurspolitik lösen. Unternehmen brauchen Produktivitätssteigerungen, eine effiziente Verwaltung und verlässliche Regeln, um die Stärke der Währung auszugleichen. Das ist ein längerfristiges Programm und geht über eine einzelne geldpolitische Anpassung hinaus.
Migrationspolitik an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts ausrichten
Am Arbeitsmarkt zeigen sich die politischen Kosten einer nachlassenden Wettbewerbsfähigkeit. Die Schweiz hat auf Zuwanderung gesetzt, um offene Stellen zu besetzen und Branchen mit Bedarf an spezialisierten Arbeitskräften zu stützen. Mäder sagt, die Arbeitsmigration habe in den vergangenen Jahren ein kritisches Niveau erreicht. Zugleich argumentiert er, die Nachfrage nach neuen Arbeitskräften könnte sinken, wenn die Schweiz für Arbeitgeber weniger attraktiv werde.
Diese Prognose steht im Spannungsfeld der politischen Debatte. Mäder sagt, die Migration im Asylbereich mache nur einen kleinen Teil der gesamten Zuwanderung aus, erhalte in der öffentlichen Diskussion aber überproportional viel Aufmerksamkeit. Er fordert die Politik auf, den Ursachen der Verunsicherung auf den Grund zu gehen, statt alle Formen der Migration als eine einzige Kategorie zu behandeln. Diese Unterscheidung ist für Unternehmen wichtig, die über Arbeitsmigration Ingenieurinnen und Ingenieure, Gesundheitsfachkräfte, Forschende und qualifizierte Handwerkerinnen und Handwerker rekrutieren.
Arbeitgeber stehen weiterhin vor Fragen rund um Wohnraum, Verkehr, Kinderbetreuung und Integration. Diese Faktoren beeinflussen, ob sich Arbeitskräfte in der Schweiz niederlassen können. Zuwanderung kann eine schwache Produktivität oder langsame Ausbildungssysteme nicht unbegrenzt ausgleichen. Einschränkungen wiederum schaffen keine Fachkräfte, die die Wirtschaft im Inland nicht hervorbringt. Eine ernsthafte Politik zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit würde die Arbeitsmigration mit der Berufsbildung, der Hochschulbildung, dem Wohnungsangebot und der Raumplanung verknüpfen. Die Quelle nennt weder nationale Zahlen zu offenen Stellen noch zur Zuwanderung. Aussagen über einen Wendepunkt bleiben daher Warnungen und sind keine gemessenen Trends.
Vorsprung messen und anschliessend verteidigen
Die Schweiz kann ihren Vorsprung nur halten, wenn sie sich an den stärksten Konkurrenten misst. Mäder sagt, Irland und Dänemark machten bedeutende Fortschritte, und warnt davor, die Schweiz nur mit ihren unmittelbaren Nachbarn zu vergleichen. Dieser Massstab würde die Politik dazu verpflichten, klarere Daten zur Unternehmensgründung, zu Investitionen, Produktivität, Innovation, steuerlicher Wettbewerbsfähigkeit, zum Arbeitskräfteangebot und zur Dauer von Bewilligungsverfahren zu veröffentlichen.
Auch die Steuerpolitik gehört in diesen Vergleich, obwohl Mäders wiedergegebene Aussagen keine konkrete Steuerreform vorsehen. Der Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen prägt das Schweizer Wirtschaftsmodell seit Langem, während internationale Regeln die Möglichkeiten begrenzen, allein über die Unternehmensbesteuerung miteinander zu konkurrieren. Tiefere Steuersätze können wirtschaftliche Aktivitäten anziehen, doch Unternehmen schätzen auch qualifizierte Arbeitskräfte, eine zuverlässige Infrastruktur, Forschungskapazitäten und den Zugang zu den europäischen Märkten. Eine Steuerdebatte, die diese Faktoren ausser Acht lässt, führt zu Schlagworten statt zu einer Strategie.
Mäder übergibt das Thema an Silvan Wildhaber, den nächsten Präsidenten von economiesuisse. Die neue Führung muss aus einer allgemeinen Warnung messbare Forderungen machen und Kosten sowie Zielkonflikte offenlegen. Anschliessend sollten die Bundesregierung, die Kantone und die Wirtschaftsverbände an der Umsetzung gemessen werden: an schnelleren Entscheidungen, höherer Produktivität und einer Wirtschaft, die Talente halten kann, ohne sich auf automatische Vorteile zu verlassen.