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Swiss Observer

Ein Tor nach Europa? Schweiz als mögliches Schlupfloch für chinesische E-Commerce-Giganten im Fokus

Da die EU neue Abgaben auf kleine Pakete von Plattformen wie Shein und Temu erhebt, wächst die Sorge, dass die Nicht-EU-Schweiz zu einem logistischen Hintereingang zum europäischen Markt werden könnte. Wir untersuchen, wie sich der Schweizer Zoll auf einen möglichen Zustrom vorbereitet und welche Folgen dies für die Handelspolitik hat.

Ein Tor nach Europa? Schweiz als mögliches Schlupfloch für chinesische E-Commerce-Giganten im Fokus
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz steht an einem entscheidenden Scheideweg, während die chinesischen E-Commerce-Giganten Shein und Temu eine massive Regulierungsdifferenz zwischen Bern und Brüssel ausnutzen. Während die Europäische Union am 1. Juli mit einer entschlossenen Massnahme eine pauschale Abgabe von 3 € auf alle kleinen Pakete unter 150 € eingeführt hat, bleibt die Schweiz für solche günstigen Sendungen ein steuerfreier Zufluchtsort. Diese politische Lücke hat die Alpenrepublik faktisch zu einem strategischen Drehkreuz für die Umgehung von EU-Abgaben gemacht. Logistikexpertinnen und -experten warnen, dass chinesische Unternehmen nun einen Anreiz haben, riesige Warenmengen direkt zu Schweizer Flughäfen zu fliegen und sie anschliessend auf der Strasse oder der Schiene über die Grenze in die EU zu transportieren. Dies ist nicht bloss eine geringfügige Handelsabweichung, sondern ein systemisches Schlupfloch, das den Versuch der EU zu untergraben droht, die Flut extrem billiger Konsumgüter einzudämmen. Mit der steigenden Nachfrage nach Fast Fashion und günstiger Unterhaltungselektronik wird die Schweiz unbeabsichtigt zum Eingangstor für eine milliardenschwere Branche, die nach dem Weg des geringsten Widerstands sucht. Der Kontrast ist deutlich: Während die EU die Zügel anzieht, bleibt die Schweiz weit offen und wird so zum Magneten für globale Transportwege, die europäische Steuerbehörden vollständig umgehen.

Zollinfrastruktur unter dem Ansturm der Paketflut

Schweizer Zollbeamte sehen sich derzeit mit einem beispiellosen Ansturm konfrontiert und bearbeiten täglich mehrere Hunderttausend Pakete. Das enorme Volumen überfordert die Infrastruktur an den Landesgrenzen und bringt sie an ihre absolute Belastungsgrenze. Es handelt sich nicht mehr um einen bewältigbaren Warenstrom, sondern um einen logistischen Tsunami, der Einzelkontrollen nahezu unmöglich macht. Alle 24 Stunden überschwemmt eine Flut von Paketen aus China die Schweizer Sortierzentren. Sie sind sowohl für Konsumentinnen und Konsumenten im Inland als auch für die europäischen Nachbarländer bestimmt. Der Druck ist unablässig. Seit die neuen EU-Abgabenregeln gelten, ist der Anreiz, Sendungen mit geringem Wert über die Schweiz umzuleiten, stark gestiegen. Die Schweizer Behörden müssen nun die Folgen eines Handelskonflikts bewältigen, den sie nicht begonnen haben. Das nötige Personal, um Inhalt, Wert und Sicherheit dieser Millionen Artikel zu überprüfen, ist schlicht nicht vorhanden. Zwar hilft Technologie beim Sortieren, doch angesichts des enormen Ausmasses des E-Commerce-Booms gerät der menschliche Aspekt der Zollkontrollen ins Hintertreffen. Diese betriebliche Krise wirft eine grundlegende Frage auf: Wie kann ein Land die Integrität seiner Grenzen wahren, wenn es als Hochgeschwindigkeits-Transitkorridor für die aggressivsten Handelsplattformen der Welt genutzt wird?

Gesetzgebungslücke bis 2028 sorgt für regulatorische Alarmstimmung

Die Schweiz wird erst 2028 eine eigene Abgabe auf kleine Pakete einführen. Damit entsteht eine gefährliche Lücke von zwei Jahren, die Kritikerinnen und Kritiker als Einladung zur Ausnutzung bezeichnen. Diese Verzögerung bei der Gesetzgebung ist eine offenkundige Schwachstelle im Herzen Europas. Das Schweizer Parlament hat zwar grundsätzlich eine Abgabe beschlossen, doch die langsam mahlenden Mühlen der Schweizer Demokratie bedeuten, dass das Land noch mehrere Jahre lang der «einfache Ausweg» für chinesische Plattformen bleiben wird. David Hachfeld, Textilexperte bei Public Eye, nimmt kein Blatt vor den Mund. Er sagt, dass es ein Problem mit unmittelbaren Folgen sei, dass die Regierung es versäumt habe, sich rasch an die EU-Regeln anzupassen. Es geht nicht nur um entgangene Steuereinnahmen, sondern um einen völligen Mangel an regulatorischer Abstimmung. Während die EU entschlossen handelt, um ihre Binnenmärkte und den lokalen Handel zu schützen, sorgt der Schweizer Ansatz des Abwartens für anhaltende Unsicherheit. Diese Lücke ermöglicht es Shein und Temu, ihre Logistikpräsenz in der Schweiz zu festigen. Dadurch wird es schwieriger, ihren Einfluss zurückzudrängen, wenn die Frist 2028 schliesslich abläuft. Die Verzögerung macht einen erheblichen Reibungspunkt in den Beziehungen zwischen der EU und der Schweiz deutlich: Berns Souveränität in Steuerfragen kollidiert mit den praktischen Gegebenheiten einer grenzenlosen digitalen Wirtschaft.

Sicherheitsrisiken steigen, während Standards ausgehöhlt werden

Die Folgen dieses Schlupflochs reichen weit über die Wirtschaft hinaus und betreffen auch die Haushalte europäischer Konsumentinnen und Konsumenten, denn die Sicherheitsstandards drohen ausgehöhlt zu werden. Die NGO Public Eye hat eine deutliche Warnung ausgesprochen: Über den Schweizer Hintereingang gelangen nun Produkte in den Warenverkehr, die strenge europäische Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften nicht erfüllen. Wenn die Zollbehörden von Hunderttausenden Paketen überlastet sind, ist es kaum mehr möglich, Kleidung auf giftige Farbstoffe, Elektronik auf Defekte oder Spielzeug auf Gefahrenstoffe zu überprüfen. Die Schweiz bietet Waren damit faktisch einen «Weg des geringsten Widerstands», die andernfalls an einem EU-Einreisehafen beschlagnahmt werden könnten. Dadurch entsteht ein kritisches Sicherheitsdefizit. Wenn die Menge ungeprüfter Waren stark zunimmt, wird das Risiko, dass gefährliche Produkte auf den Markt gelangen, statistisch gewiss statt bloss möglich. Die Schweizer Behörden sehen sich mit einer schwierigen Realität konfrontiert: Weil sie nicht im Gleichschritt mit der EU Gesetze erlassen haben, haben sie unbeabsichtigt den Schutzschild der gesamten Region geschwächt. Der Druck auf Bern, den Zeitplan bis 2028 zu beschleunigen, dürfte zunehmen, da sowohl Brüssel als auch inländische Konsumentenschutzorganisationen eine wirksamere Abwehr gegen den Zustrom nicht regulierter und potenziell gefährlicher Waren fordern. Der Preis für günstige Waren könnte bald mehr als nur in Schweizer Franken bemessen werden.