Umwelt
Wandel bei der Schweizer Holznutzung: Die Hälfte des geernteten Holzes wird inzwischen zum Heizen verwendet
Das Bundesamt für Statistik meldet einen dramatischen Wandel bei der Nutzung von Schweizer Holz: Der Energieverbrauch hat sich innerhalb von zwei Jahrzehnten verdoppelt, während die Verwendung im Bauwesen deutlich zurückgegangen ist.

Die Schweiz verbrennt ihre Wälder, im wörtlichen Sinn. In einem erstaunlichen Wandel im Umgang des Landes mit seinen Ressourcen ist inzwischen fast die Hälfte des in Schweizer Wäldern geernteten Holzes für den Ofen statt für den Bau bestimmt. Das Bundesamt für Statistik bestätigt eine dramatische Verschiebung: Der Anteil des für Energie geernteten Holzes hat sich in nur zwei Jahrzehnten verdoppelt. Das ist keine allmähliche Veränderung, sondern ein grundlegender Umbau der Schweizer Holzwirtschaft.
Rundholz und Holzschnitzel versorgen ein hungriges und wachsendes Netz von Heizkesseln und Öfen in den Kantonen. Wo Schweizer Holz einst das Rückgrat der alpinen Architektur bildete, wird es heute zunehmend im Namen der Wärme zu Asche. Dieser Anstieg steht für eine entscheidende Neuverteilung des Naturkapitals, angetrieben von einem dringenden Bedarf an alternativen Energiequellen. Wenn der Winter naht, lebt die Nation nicht mehr nur in ihren Wäldern, sondern verbraucht sie, um sich warm zu halten. Damit zeichnet sich ein historischer Wandel ab, wie die Schweiz ihre wohl bekannteste natürliche Ressource bewertet.
Bauen in der Krise: Der Rückgang der Sägereien
Während die Heizkessel dröhnen, verstummen die Sägereien. Die Baubranche kämpft mit einem starken Rückgang der Verfügbarkeit von einheimischem Bauholz. Anfang der 2000er-Jahre wurde ein beachtlicher Anteil von 70% des geernteten Holzes für Bau und Schreinerarbeiten verarbeitet, wodurch Kohlenstoff im Grundgerüst Schweizer Häuser gebunden wurde. Heute ist dieser Anteil auf gerade einmal 46% gesunken.
Diese Statistik ist für Befürworterinnen und Befürworter nachhaltiger Architektur alarmierend. Jeder verbrannte Stamm ist ein Stamm, der nicht verbaut werden kann. So entsteht ein direkter Wettbewerb zwischen Heizen und Wohnen. Der Rückgang deutet darauf hin, dass der energetische Wert des Holzes seinen materiellen Wert überflügelt. Während der Anteil des für Sägereien bestimmten Holzes schrumpft, steht die Branche vor einer schwierigen Realität: Der Rohstoff für das traditionelle Schweizer Schreinerhandwerk wird in den Energiesektor umgeleitet. Das könnte Bauunternehmen dazu zwingen, stärker auf Importe oder weniger nachhaltige Materialien wie Beton und Stahl zurückzugreifen.
Brennstoff Holz: Wirtschaft und Politik
Dieser Wandel ist kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter politischer Massnahmen und von Marktkräften. In den vergangenen zwanzig Jahren ist der Holzenergiesektor stark gewachsen, getragen von einem landesweiten Bestreben, erneuerbare Energiequellen zu fördern. Für Waldeigentümerinnen und Waldeigentümer ist die Rechnung einfach und überzeugend: Günstige Preise haben das Heizen mit Holz zu einer lukrativen Einnahmequelle gemacht.
Die Wirtschaft gibt den Ausschlag. Waldeigentümerinnen und Waldeigentümer, die ihre Erträge maximieren wollen, finden im Energiemarkt kaufbereite Abnehmer. Der Sektor ist stetig und gezielt gewachsen, unterstützt durch Subventionen und den Wunsch der Bevölkerung, von fossilen Brennstoffen wegzukommen. Dieser wirtschaftliche Anreiz schafft jedoch ein Paradox. Indem Holzenergie so attraktiv wird, schmälert der Markt faktisch das Angebot für die langfristige Nutzung im Bau. Der finanzielle Reiz der unmittelbaren Energieproduktion wiegt derzeit schwerer als die langfristigen Vorteile der stofflichen Nutzung. Damit verändert sich die Waldwirtschaft nach dem Preis einer Kilowattstunde.
Die Rauchwolke: Grüner Mythos oder Realität?
Der Erfolg des Sektors verdeckt ein unangenehmes Geheimnis: Holz zu verbrennen ist keineswegs unbedenklich. Kritikerinnen und Kritiker schlagen Alarm und weisen darauf hin, dass bei der Holzverbrennung ähnlich viele Treibhausgase freigesetzt werden wie bei Öl und Kohle, und deutlich mehr als bei Erdgas. Das romantische Bild eines Holzfeuers wird von der Realität des Wintersmogs und zunehmender Lungenschäden in den Schweizer Tälern getrübt.
Die Verteidigung mit dem Argument der «Klimaneutralität», wonach nachwachsende Bäume die Emissionen irgendwann aufnehmen, gerät in die Kritik. Kritikerinnen und Kritiker halten diese Theorie für mangelhaft: Manchmal scheitert die Wiederaufforstung, und selbst wenn sie gelingt, dauert die Aufnahme des Kohlenstoffs Jahrzehnte. Holz im Bau zu verwenden, bindet den Kohlenstoff dagegen sofort und verhindert die unmittelbare Freisetzung von Schadstoffen. Die Schweiz steht vor einem entscheidenden Dilemma: Indem sie Holz zum Heizen gegenüber dem Bauen bevorzugt, könnte sie die Luftqualität und die unmittelbare Kohlenstoffbindung einer erneuerbaren Energieversorgung opfern, deren Nachhaltigkeit bei genauerem Hinsehen zunehmend fragwürdig erscheint.