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Swiss Observer

Präventive Abschüsse haben das Wachstum der Wolfspopulation verlangsamt, kommt die Schweizer Regierung zum Schluss

Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) kommt zum Schluss, dass präventive Abschüsse das Wachstum der Schweizer Wolfspopulation wirksam verlangsamt haben. Seit 2023 wurden über 220 Wölfe getötet, davon 77 in der jüngsten Regulierungsperiode.

Präventive Abschüsse haben das Wachstum der Wolfspopulation verlangsamt, kommt die Schweizer Regierung zum Schluss
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz hat dem exponentiellen Wachstum der Wolfspopulation entschieden Einhalt geboten. Seit 2023 wurden im Rahmen einer mutigen, proaktiven Strategie des Bundes mehr als 220 Wölfe getötet. Diese setzt präventive Massnahmen vor reaktive Schadensbegrenzung. Erstmals seit der Rückkehr des Raubtiers in die Alpen bestätigt das Bundesamt für Umwelt (BAFU), dass die unaufhaltsame Ausbreitung der Rudel endlich an Schwung verliert. Das ist kein Zufall, sondern das direkte Ergebnis eines gezielten Gesetzeswechsels im Dezember 2022, der es den Kantonen ermöglichte, einzugreifen, bevor das erste Lamm gerissen wird. War der Wolf einst ein unantastbares Symbol der Wiederverwilderung, ist er heute Gegenstand des aggressivsten Managementprogramms der jüngeren Schweizer Geschichte. Die Schlussfolgerung der Regierung ist eindeutig: Die Abschüsse wirken. Indem die Beweislast vom Bauern auf das Raubtier verlagert wurde, hat die Schweiz den biologischen Entwicklungspfad der Art innerhalb ihrer Landesgrenzen grundlegend verändert. Damit beginnt eine neue Ära, in der menschliche Interessen und alpine Tradition im Zentrum stehen.

Die tödliche Rechnung der Populationskontrolle

Die Zahlen erzählen von chirurgischer Präzision und unablässigem Druck. Während der jüngsten Regulierungsperiode von September 2025 bis Januar 2026 schossen Jäger und Wildhüter 77 Wölfe, davon 76 präventiv. Zuvor waren in der Periode 2024/2025 bereits 92 Wölfe getötet worden, in der ersten, verkürzten Phase 55. Trotz dieser Abschüsse bleibt die biologische Vermehrungskraft der Art beträchtlich: Allein 2025 wurden mindestens 155 Wolfswelpen geboren. In der Schweiz leben derzeit nachweislich 350 Wölfe in 40 Rudeln, davon 30 ausschliesslich im Inland und 10 über internationale Grenzen hinweg. Die Zahl der Rudel ist zwar im letzten Jahr von 36 auf 40 gestiegen, doch das BAFU hebt einen entscheidenden Erfolg hervor: Die Wachstumsrate ist nicht mehr exponentiell. Der Staat tötet Wölfe inzwischen schneller, als diese neue Reviere etablieren können, und begrenzt so effektiv die Ausbreitung, die einst unaufhaltsam schien. Die Bundesbehörden warnen jedoch, dass dieser Trend noch jung ist. Es brauche mehrere weitere Jahre mit intensiven Abschüssen, damit diese Verlangsamung dauerhaft Teil der Schweizer Landschaft werde.

Nutztierschäden und die Rinderkrise

Ein dramatischer Wandel im Beutefangverhalten zwingt die Schweizer Regierung, tiefer in die Tasche zu greifen. Die Zahl der getöteten Nutztiere ist zwar gegenüber dem Höchststand von 2022 stark gesunken und wieder auf einem Niveau wie zuletzt 2020, als nur 15 Rudel im Land lebten. Die finanziellen Kosten der Entschädigungen steigen jedoch tatsächlich stark an. Der Grund: Wölfe greifen zunehmend Rinder an. 2025 stiegen die Entschädigungszahlungen, weil der wirtschaftliche Verlust durch eine einzelne Kuh deutlich grösser ist als bei einem Schaf oder einer Ziege. Diese Entwicklung im Verhalten der Wölfe deutet darauf hin, dass die verbleibenden Rudel trotz des verlangsamten Populationswachstums mutiger oder stärker auf bestimmte Beutetiere spezialisiert sind. Das BAFU führt den allgemeinen Rückgang der Schafsrisse auf eine Doppelstrategie zurück: intensive Abschüsse in Kombination mit verstärkten Herdenschutzmassnahmen wie Herdenschutzhunden und Elektrozäunen. Die Zunahme der Rinderangriffe wird jedoch zum neuen politischen Zankapfel. Bauern, die sich mit grösseren Nutztieren einst sicher fühlten, fordern nun strengere Regeln. Sie argumentieren, die derzeitige «Stabilisierung» reiche nicht aus, wenn die verbliebenen Wölfe einfach auf wertvollere Beute umsteigen.

Die fragile Zukunft des Zusammenlebens in den Alpen

Die Schweiz steht in der Wildtierpolitik an einem entscheidenden Scheideweg und balanciert auf Messers Schneide zwischen ökologischer Wiederherstellung und dem Überleben der Landwirtschaft. Das Umweltministerium mahnt zur Vorsicht und hält fest, dass sich der derzeitige «Erfolg» bei der Verlangsamung des Wachstums langfristig bewähren muss. Der Entscheid von 2022, das Jagdgesetz zu lockern, bleibt eine der umstrittensten Weichenstellungen der Schweizer Umweltpolitik. Er stiess bei Naturschützern auf heftige Kritik und gab Berggemeinden zugleich eine Perspektive. Im vergangenen Jahr entstanden 13 neue Rudel, drei davon lösten sich allerdings rasch wieder auf. Die Widerstandsfähigkeit der Art ist damit offensichtlich. Die Frage lautet nun nicht mehr, ob Wölfe in die Schweiz gehören, sondern wie viele die Landschaft verträgt, bevor der gesellschaftliche Zusammenhalt mit der Landwirtschaft zerbricht. Bei derzeit 350 nachgewiesenen Wölfen wird der Druck auf das BAFU, die hohen Abschussquoten beizubehalten, weiter zunehmen. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob das proaktive Schweizer Modell zum Vorbild für den Rest Europas wird oder als warnendes Beispiel dafür dient, wie eine Landschaft durch die Anforderungen der modernen Wirtschaft ihren wilden Charakter verlor.