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Swiss Observer

Schweizer Uhrenexporte erholen sich im Juni und trotzen dem schwächeren Trend 2026

Nach einem schwierigen Jahresauftakt stiegen die Schweizer Uhrenexporte im Juni um über 11 %, getragen von starkem Wachstum in den Vereinigten Staaten und Frankreich. Dieser Bericht analysiert die Zahlen des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie und zeigt, was die Erholung für diesen wichtigen Wirtschaftssektor bedeutet.

Schweizer Uhrenexporte erholen sich im Juni und trotzen dem schwächeren Trend 2026
AISWI swissinfo.ch

Die Schweizer Uhrenindustrie ist mit einem beeindruckenden Anstieg des Exportwerts um 11,2 % im Juni wieder richtig in Schwung gekommen und trotzt damit einem Jahr, das bisher von Volatilität geprägt war. Nach einem drastischen Einbruch im April, als die Exporte um 16,6 % sanken, gelang der Branche eine markante Wende: In einem einzigen Monat wurden Präzisionsuhren im Wert von 2,4 Milliarden CHF exportiert. Das ist keine geringfügige Korrektur, sondern ein starkes Zeichen der Widerstandsfähigkeit. Auch die Zahl der Uhren, die die Schweiz verliessen, entwickelte sich entsprechend: Sie stieg um 11,7 % auf 1,3 Millionen Stück. Zwar liegt das erste Halbjahr 2026 insgesamt noch leicht im Minus, mit einem Rückgang von 0,7 %, doch die Juni-Zahlen markieren einen entscheidenden Wendepunkt. Die Branche stabilisiert sich nicht mehr nur, sie nimmt wieder Fahrt auf. Der plötzliche Nachfrageschub deutet darauf hin, dass die weltweite Nachfrage nach Schweizer Handwerkskunst ungebrochen ist, selbst angesichts der Unsicherheit im allgemeinen Wirtschaftsklima. Im sechsten Monat des Jahres änderte sich die Dynamik deutlich und machte aus einem schleppenden zweiten Quartal ein Sprungbrett für den Rest des Jahres.

Frankreich und die USA treiben das Wachstum an

Frankreich verzeichnete eine beispiellose Entwicklung: Die Exporte in unser Nachbarland schnellten um beeindruckende 103,5 % auf 250 Millionen CHF hoch. Dieses explosive Wachstum wird durch die anhaltende Stärke der Vereinigten Staaten ergänzt, die das wichtigste Zielland für Schweizer Uhren bleiben. Die Nachfrage aus den USA stieg um 12,7 % und machte mit Verkäufen von 349 Millionen CHF den US-Markt zum wichtigsten Motor der Branche. Zusammen mit Grossbritannien, Japan, Hongkong und Singapur vereinen diese sechs starken Märkte inzwischen 53 % aller grenzüberschreitenden Verkäufe auf sich. Während asiatische Märkte wie Japan (+8,8 %) und Hongkong (+6,9 %) stetige Fortschritte zeigen, haben vor allem das Tempo der Erholung in Frankreich und den USA den Unterschied gemacht. Diese geografische Konzentration deutet auf einen strategischen Wandel hin: Schweizer Marken gewinnen in westlichen Märkten erfolgreich kaufkräftige Luxuskundinnen und -kunden mit klarer Kaufabsicht. Die Zahlen bestätigen: Wenn Vermögende weltweit nach Stabilität suchen, setzen sie auf Schweizer Uhren. Diese starke Marktstellung bietet einen stabilen Schutz gegen die schwächere Nachfrage in anderen aufstrebenden Regionen.

Die Revolution im mittleren Preissegment

Die überraschendsten Zahlen stammen aus dem mittleren Preissegment: Uhren zwischen 200 und 500 CHF verzeichneten einen markanten Wertzuwachs von 54,1 %. Dieser Anstieg deutet auf eine massive Rückkehr der «aspirational consumers» hin, also von Kundinnen und Kunden, die sich Luxus leisten möchten. Viele hatten befürchtet, diese Gruppe sei an Smartwatches oder die wirtschaftliche Erschöpfung verloren gegangen. Im Gegensatz dazu schrumpfte das Segment von 500 bis 3000 CHF um 4,7 %, was ein klar zweigeteiltes Marktbild ergibt. Im oberen Preissegment behauptet sich der Luxusbereich weiterhin: Uhren für mehr als 3000 CHF verzeichneten einen Zuwachs von 14,2 %. Dieser «Hantel-Effekt» zeigt, dass die Schweizer Branche an beiden Enden des Spektrums erfolgreich ist: bei Luxusuhren für den Einstieg mit hohen Stückzahlen und bei prestigeträchtigen Uhren mit hohen Margen. Auch die Kategorie unter 200 CHF erzielte mit 9,9 % ein solides Wachstum und belegt damit, dass Schweizer Marken den Einsteigerbereich bei Quarz- und mechanischen Uhren weiterhin dominieren. Die unterschiedliche Entwicklung über alle Preisklassen hinweg ist der wichtigste Schutz der Branche: Sie kann Wachstum erzielen, unabhängig davon, ob die Kundschaft zum ersten Mal eine Uhr kauft oder bereits erfahrene Sammlerinnen und Sammler umfasst.

Ein fragiler Weg zur Erholung

Trotz der Euphorie im Juni steht die Schweizer Uhrenindustrie vor einer ernüchternden Realität: Im ersten Halbjahr 2026 belief sich der Gesamtexportwert weiterhin auf 12,8 Milliarden CHF und lag damit geringfügig, nämlich um 0,7 %, unter dem Vorjahreswert. Der weitere Weg ist von Chancen und Risiken geprägt. Die Erholung im Juni ist ein dringend benötigter Impuls, doch die Branche muss nun beweisen, dass es sich nicht um einen einmaligen Ausreisser handelt. Mit der Belebung des Aussenhandels im zweiten Quartal, angetrieben vom Boom in Nordamerika, erhöhen Schweizer Hersteller ihre Produktion, um der wieder anziehenden Nachfrage gerecht zu werden. Für die Schweiz ist das von grosser Bedeutung: Als eine tragende Säule der Volkswirtschaft prägt der Zustand der Uhrenindustrie das Vertrauen in die gesamte Industrie. Hält der aktuelle Trend an, könnte sich 2026 von einem Jahr des «kontrollierten Rückgangs» zu einem Jahr mit «überraschendem Wachstum» wandeln. Die Botschaft des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie ist vorerst klar: Der Abschwung ist vorbei, und die Räder der Schweizer Wirtschaft laufen wieder mit uhrwerkartiger Präzision. Die Welt kauft wieder Schweizer Uhren, und zwar in grossen Mengen.