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Swiss Observer

Schweiz stimmt im März über massive Senkung der Abgaben für öffentliche Medien ab

Eine bevorstehende Volksinitiative am 8. März will die Abgabe für die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) beinahe halbieren. Dieser Erklärartikel beleuchtet die Argumente der Befürworter, die Haushalte finanziell entlasten wollen, und der Gegner, die vor Risiken für den nationalen Zusammenhalt und die Demokratie warnen.

Schweiz stimmt im März über massive Senkung der Abgaben für öffentliche Medien ab
AISWI swissinfo.ch

Am 8. März stehen die Schweizer Stimmberechtigten vor einem Entscheid, der die Medienlandschaft des Landes unwiderruflich verändern könnte. Die sogenannte «Halbierungsinitiative» verlangt eine drastische Senkung der Abgabe für die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) und schlägt vor, die jährlichen Kosten für Haushalte von CHF 335 auf pauschal CHF 200 zu senken. Dabei geht es nicht bloss um eine Budgetkürzung, sondern um eine grundlegende Umgestaltung der öffentlichen Finanzierung, die laut Kritikern eine existenzielle Bedrohung für den nationalen Zusammenhalt darstellt.

Die Befürworter argumentieren, die Initiative entlaste die Haushalte finanziell dringend nötig. Doch es steht sehr viel auf dem Spiel. Die Initiative geht noch weiter und verlangt eine vollständige Befreiung der Unternehmen von der Abgabe, wodurch eine bedeutende Einnahmequelle ganz wegfallen würde. Die Gegner, die mit dem dringlichen Slogan «Die Halbierungsinitiative schwächt die Schweiz» mobilisieren, argumentieren, verlässliche Informationen seien das Fundament der Schweizer Demokratie. Je näher die Abstimmung rückt, desto deutlicher steht die Stimmbevölkerung vor einer Entscheidung: die Einsparungen einstecken oder den heutigen Umfang des Service public im Rundfunk schützen. Das Ergebnis wird darüber entscheiden, ob die SRG weiterhin als umfassende nationale Klammer wirkt oder zu einem Schatten ihrer selbst schrumpft.

Das Zahlenspiel: ein finanzielles Erdbeben

Die finanziellen Auswirkungen dieser Abstimmung sind enorm. Die SRG arbeitet derzeit mit einem Jahresbudget von CHF 1,56 Milliarden, wovon beeindruckende 83 Prozent, also fast CHF 1,3 Milliarden, direkt aus den Abgaben stammen. Die Initiative will dieses Finanzierungsmodell enthaupten. Indem sie die Einnahmen begrenzt und Unternehmen von der Abgabe befreit, sorgt der Vorschlag dafür, dass der Finanzierungstopf selbst bei wachsender Bevölkerung gleich gross bleibt oder schrumpft.

Für die SRG, die nur 13 Prozent ihrer Einnahmen aus Werbung erzielt, gibt es kein Sicherheitsnetz. Die Initiative schützt private Medienunternehmen ausdrücklich und schreibt vor, dass die Senkung der Abgaben nicht zu deren Lasten gehen darf. Damit muss die SRG die volle Wucht der Kürzungen allein auffangen. Wird die Initiative angenommen, muss die SRG mit einem über Nacht stark schrumpfenden Budget zurechtkommen, was sofortige und massive Kürzungen des Programms auf allen Kanälen erforderlich machen würde. Die Rechnung ist brutal und unerbittlich: Eine Halbierung der Abgaben kommt einer Demontage der heutigen Betriebskapazität gleich.

Regionale Solidarität auf der Kippe

Die einzigartige föderalistische Struktur der Schweiz beruht auf einem empfindlichen finanziellen Gleichgewicht, das nun unter Beschuss steht. Das heutige System ist eine Lebensader für die Sprachminderheiten und sorgt für eine massive Umverteilung von der deutschsprachigen Mehrheit in die französisch-, italienisch- und rätoromanischsprachigen Regionen. Ein eindrückliches Zeichen der Solidarität: Die Deutschschweiz generiert Abgaben von CHF 930 Millionen, überweist davon aber CHF 370 Millionen an die anderen Sprachregionen.

Die Unterschiede sind deutlich. Die französischsprachige Einheit RTS erhält 32 Prozent des Budgets, obwohl sie nur 23 Prozent der Einnahmen generiert. Noch ausgeprägter ist das Missverhältnis bei RSI: Die italienischsprachige Einheit erhält 22 Prozent der Gesamtmittel, während das Tessin lediglich 4 Prozent beiträgt. Diese Quersubventionierung stellt sicher, dass die Schweizer Minderheiten ein umfassendes Programm in ihrer eigenen Sprache erhalten. Kritiker befürchten, die Initiative werde dieses Modell zerschlagen. Schrumpft der Gesamtbetrag, lässt sich das kostspielige regionale Angebot kaum aufrechterhalten. Dadurch könnten Stimmen aus dem Tessin und der Romandie verstummen und der als Röstigraben bekannte Kulturgraben vertieft werden.

Politischer Machtkampf: die Fortsetzung von «No Billag»

Diese Abstimmung ist der jüngste Vorstoss in einem langjährigen politischen Machtkampf um die Kontrolle der Medien. Angeführt von der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP), dem Schweizerischen Gewerbeverband und Teilen der FDP.Die Liberalen, stellt die Initiative eine taktische Neuausrichtung nach dem Scheitern des Vorstosses «No Billag» von 2018 dar. Dieser radikale Vorschlag, der die Abgaben vollständig abschaffen wollte, wurde von der Stimmbevölkerung mit einer deutlichen Ablehnung von 71 Prozent verworfen.

Aus der Niederlage haben die Gegner der SRG gelernt und sind mit einem Ansatz «No Billag light» zurückgekehrt: Sie wollen die Abgaben senken statt abschaffen. Ihre Beweggründe unterscheiden sich, laufen aber auf dasselbe hinaus: Die SVP zielt auf die wahrgenommene Einseitigkeit und die Struktur der SRG, während Wirtschaftsverbände dafür kämpfen, die finanzielle Belastung für Unternehmen abzuschaffen. Der Bundesrat lehnt die Vorlage ab, doch der populistische Reiz eines Preises von CHF 200 ist eine starke Waffe. Es geht nicht nur um Geld, sondern um die Zukunft der Schweizer Informationsinfrastruktur: Auf der einen Seite steht der Wunsch nach tieferen Abgaben, auf der anderen der Wert eines zentral organisierten, solidarischen öffentlichen Medienangebots.