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Swiss Observer

Die «Heiratsstrafe»: Die Schweiz stimmt über die Reform zur Individualbesteuerung ab

Am 8. März entscheiden die Schweizer Stimmberechtigten über einen wegweisenden Vorschlag zur individuellen Besteuerung von Ehepaaren. Befürworterinnen und Befürworter sagen, damit werde die heutige «Heiratsstrafe» abgeschafft und Tausende Frauen würden zum Eintritt ins Erwerbsleben ermutigt. Gegnerinnen und Gegner warnen hingegen vor neuen Ungleichheiten und finanziellen Belastungen.

Die «Heiratsstrafe»: Die Schweiz stimmt über die Reform zur Individualbesteuerung ab
AISWI swissinfo.ch

Am 8. März steht die Schweiz vor einem entscheidenden Moment ihrer Steuergeschichte. Zum ersten Mal seit 25 Jahren hat sich ein Vorschlag zur grundlegenden Änderung der Besteuerung von Ehepaaren durch das Bundesparlament gekämpft und damit den Weg für eine heftige ideologische Auseinandersetzung geebnet. Die Stimmberechtigten müssen entscheiden, ob sie die umstrittene «Heiratsstrafe» abschaffen oder ein System beibehalten wollen, das laut Kritikern ins letzte Jahrhundert gehört. Dabei geht es nicht bloss um eine bürokratische Anpassung, sondern um ein Referendum über die moderne Schweizer Familienstruktur.

Es steht ausserordentlich viel auf dem Spiel. Die Reform entstand als indirekter Gegenvorschlag zu einer Initiative der FDP und hat ein ungewöhnliches Bündnis aus der linken Sozialdemokratischen Partei und der wirtschaftsfreundlichen FDP geschmiedet. Sie argumentieren, das heutige System benachteilige Haushalte mit zwei Einkommen und halte dadurch Menschen faktisch von der Erwerbsarbeit ab. Ihnen stellt sich jedoch ein mächtiger konservativer Block in den Weg, darunter die Mitte-Partei und die Schweizerische Volkspartei, die diesen Wandel als direkten Angriff auf die traditionelle Ehe betrachten. Je näher die Abstimmung rückt, desto stärker spitzt sich der Konflikt zwischen der Bewahrung des Hergebrachten und der steuerlichen Individualisierung zu.

So funktioniert die individuelle Besteuerung

Die vorgeschlagene Reform verlangt eine radikale Abkehr vom Status quo. Derzeit werden Ehepaare in der Schweiz gemeinsam besteuert, ihre Einkommen und Vermögen werden in einer einzigen Steuererklärung zusammengefasst. Diese Zusammenrechnung führt Paare oft in höhere Steuerklassen und benachteiligt sie finanziell gegenüber unverheirateten Paaren im Konkubinat. Dieses Phänomen wird gemeinhin als «Heiratsstrafe» bezeichnet.

Mit dem neuen System würde diese gemeinsame steuerliche Identität aufgelöst. Jede Ehepartnerin und jeder Ehepartner müsste eine separate Steuererklärung einreichen und würde ausschliesslich auf das eigene Einkommen besteuert, wie es bei unverheirateten Personen der Fall ist. Die Änderung würde sich bis auf die kantonale und kommunale Ebene auswirken und sämtliche besonderen Eheabzüge abschaffen. Während die Befürworterinnen und Befürworter dies als Sieg für die Gleichstellung feiern, sind die praktischen Folgen beträchtlich. Der Übergang bedeutet eine grundlegende Neugestaltung des Schweizer Steuerrechts. Ziel ist es, jede Person unabhängig vom Zivilstand als eigenständige wirtschaftliche Einheit zu behandeln.

Der Aufstand der Kantone

Die Opposition hat sich mit beispielloser Kraft mobilisiert und einen politischen Mechanismus ausgelöst, der über ein Jahrhundert lang inaktiv war. In einer eindrücklichen Demonstration föderalistischer Macht haben sich zehn Kantone, darunter St. Gallen, das Wallis und Aargau, zusammengeschlossen und ein Kantonsreferendum ergriffen. Seit 1874 ist dieses direktdemokratische Instrument damit erst zum zweiten Mal zum Einsatz gekommen, was die Stärke des Widerstands unterstreicht.

Dabei handelt es sich nicht nur um einen Aufstand an der Basis, sondern um eine institutionelle Revolte. Neben den Kantonen hat eine konservative Allianz über 65'000 Unterschriften gesammelt und die Reform als «Steuertrick» bezeichnet. Die Opposition ist entschlossen und gut organisiert. Zu ihr gehören die Mitte-Partei, die Schweizerische Volkspartei und der Bauernverband. Sie argumentiert, die Reform benachteilige Haushalte mit nur einem Einkommen und werte unbezahlte Hausarbeit ab. Mit diesem selten eingesetzten Verfassungsinstrument haben die Kantone einen Steuerstreit zu einer historischen Auseinandersetzung über die föderale Zuständigkeit und Familienwerte gemacht.

Gewinner, Verlierer und Bürokratie

Kritiker warnen, das vorgeschlagene System werde die Schweizer Verwaltung mit einem «bürokratischen Monster» konfrontieren. Durch den Wechsel zur Individualbesteuerung dürften jährlich zusätzlich 1,7 Millionen Steuererklärungen anfallen. Die Gegnerinnen und Gegner argumentieren, diese Papierflut werde die Steuerbehörden überlasten und die Verwaltungskosten in die Höhe treiben. Diese Last werde letztlich den Steuerpflichtigen aufgebürdet.

Über den bürokratischen Aufwand hinaus sind auch die gesellschaftlichen Folgen erheblich. Die Reform begünstigt klar Paare mit zwei ähnlich hohen Einkommen, die am stärksten von der getrennten Besteuerung profitieren dürften. Traditionelle Einverdienerfamilien könnten dagegen zu den Verlierern gehören, weil der Beitrag eines Ehepartners zur Hausarbeit nicht mehr anerkannt würde. Je näher der 8. März rückt, desto mehr müssen die Stimmberechtigten das Versprechen steuerlicher Gleichstellung gegen die Gefahr von Verwaltungschaos und einer möglichen Marginalisierung des traditionellen Familienmodells abwägen. Das Ergebnis wird nicht nur bestimmen, wie die Schweizerinnen und Schweizer Steuern zahlen, sondern auch, welches Familienmodell der Staat belohnen will.