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Swiss Observer

Schweizer Technologie trotz Sanktionen in russischen Waffen gefunden, zeigt Untersuchung

Trotz Sanktionen werden in russischen Waffensystemen, die in der Ukraine eingesetzt werden, immer wieder in der Schweiz hergestellte Komponenten wie Mikroprozessoren und GPS-Module gefunden. Ein neuer Bericht deutet darauf hin, dass die Schweiz eine führende europäische Quelle für solche Technologien ist. Das wirft Fragen zur Wirksamkeit der Sanktionen und zur Neutralität des Landes auf.

Schweizer Technologie trotz Sanktionen in russischen Waffen gefunden, zeigt Untersuchung
AISWI swissinfo.ch

Im russischen Arsenal wurden sage und schreibe 322 in der Schweiz hergestellte Komponenten identifiziert. Damit festigt die Schweiz ihren unerwünschten Status als führende europäische Quelle für Technologien, die Wladimir Putins Kriegsmaschinerie antreiben. Während die Schweizer Regierung ihre Einhaltung des Völkerrechts betont, erzählt die Realität vor Ort in der Ukraine eine düsterere Geschichte. Von den Trümmern nach Drohnenangriffen in Kramatorsk bis zu den internen Leitsystemen von Marschflugkörpern: Schweizer Präzisionstechnik trägt unbeabsichtigt zur Zerstörung ukrainischer Städte bei.

Das ist kein Rinnsal, sondern ein stetiger Strom. Untersuchungen zeigen, dass die Schweiz trotz eines umfassenden Sanktionsregimes ihre europäischen Nachbarn hinsichtlich der Menge an Dual-Use-Technologie übertrifft, die in russische Hände gelangt. Dabei handelt es sich nicht bloss um beliebige Teile, sondern um entscheidende Mikroprozessoren, GPS-Module und Steckverbinder, die für die moderne Kriegsführung unverzichtbar sind. Diese Enthüllung trifft den Kern der Schweizer Neutralität und wirft unangenehme Fragen zur Wirksamkeit unserer Exportkontrollen auf. Während Raketen niedergehen, ist der Stempel «Made in Switzerland» zu einem düsteren Zeichen für die Kluft zwischen diplomatischen Absichten und der rücksichtslosen Effizienz globaler Schwarzmärkte geworden.

Branchenschwergewichte im Visier

Bekannte Namen der Schweizer Technologieszene kämpfen mit einem PR-Albtraum, da ihre Produkte weiterhin in den Trümmern des Krieges auftauchen. In der Untersuchung werden ausdrücklich Branchenschwergewichte wie Huber+Suhner, die Lemo Group, Ublox und ST Microelectronics genannt. Das sind keine unbekannten Unternehmen, sondern tragende Säulen der Schweizer Industrie. Die Daten sind belastend: Ein GPS-Modul von Ublox, das in einer russischen Drohne gefunden wurde, war erst im März 2025 hergestellt worden, drei Jahre nach Beginn der grossangelegten Invasion.

Auch Huber+Suhner und die Lemo Group sind in russischen Zolldaten aufgefallen. Komponenten wie Antennensteckverbinder wurden dabei auf Lieferwege zurückverfolgt, die das russische Militär versorgen. Die Unternehmen weisen jede direkte Verantwortung vehement zurück und verweisen auf strenge vertragliche Verpflichtungen sowie darauf, dass sie ihre Geschäfte mit Russland eingestellt hätten. Die Belege deuten jedoch darauf hin, dass ihre Schutzmassnahmen versagen. Ublox verteidigt sich mit dem Hinweis, seine Komponenten würden in grossen Stückzahlen für zivile Anwendungen wie E-Trottinetts produziert. Diese Verteidigung klingt jedoch wenig überzeugend, wenn dieselben Chips Munition ins Ziel lenken. Wie leicht sich diese Komponenten für andere Zwecke einsetzen lassen, macht eine entscheidende Schwachstelle deutlich: Schweizer Technologie ist für das russische Militär zu wertvoll und zu leicht zugänglich, um sie zu ignorieren.

Der Umweg über Asien: Wie Sanktionen ausgehöhlt werden

Der Weg von einer Schweizer Fabrik zu einem russischen Panzer verläuft selten geradlinig. Stattdessen führt er durch ein komplexes, undurchsichtiges Netz von Zwischenhändlern, vor allem in Asien. Von Ermittlern analysierte Zolldokumente zeigen, dass Huber+Suhner-Steckverbinder im Januar 2024 in Hongkong eintrafen. Sie waren für ein Unternehmen bestimmt, das das russische Militär beliefert. Dieser «Umweg über Asien» ist die wichtigste Route zur Umgehung der Sanktionen. So kann verbotene Technologie durch die Maschen der internationalen Handelskontrollen schlüpfen.

Schweizer Hersteller behaupten häufig, nichts davon gewusst zu haben, und verweisen darauf, dass sich nach dem Eintritt in den globalen Markt nicht jede in Massenproduktion hergestellte Komponente nachverfolgen lasse. Die Regelmässigkeit dieser Funde deutet jedoch auf ein systemisches Versagen bei der gebotenen Sorgfalt entlang der Lieferketten hin. Die Verfahren zur «Kundenüberprüfung» werden offensichtlich durch ein Netz aus Briefkastenfirmen und Logistikdienstleistern ausgehebelt, das den endgültigen Bestimmungsort verschleiern soll. Während Schweizer Unternehmen die Haustür abschliessen, bleibt das Hinterfenster in Hongkong sperrangelweit offen und leitet entscheidende Ausrüstung direkt an den Aggressor weiter.

Bürokratische Verteidigung trifft auf dringende Forderungen

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) steht in der Defensive. Es betont, Verstösse «konsequent» zu verfolgen, und erklärt, sein Personalbestand sei seit 2022 verdreifacht worden, um die Durchsetzung der Sanktionen zu priorisieren. Für Kritiker wie Samuel Bickett sind diese bürokratischen Massnahmen jedoch völlig unzureichend. Die enorme Menge Schweizer Technologie auf dem Schlachtfeld ist eine fortlaufende Anklage gegen die aktuellen Durchsetzungsstrategien. Bickett argumentiert, eine Verdreifachung des Personals sei bedeutungslos, solange der Technologiestrom nicht eingedämmt werde.

Nun wird eine massive Verschärfung der Kontrollen gefordert: Jeder einzelne Artikel in den russischen Zolldaten soll überprüft und das gesamte Ökosystem sanktioniert werden, das diesen Handel ermöglicht, also Logistikdienstleister, Banken und Versicherungen. Die Schweiz steht an einem Scheideweg. Sie kann sich weiterhin hinter Verfahrensbemühungen und Neutralitätsbekundungen verstecken oder entschlossen und mit beispiellosen Massnahmen die Schlupflöcher schliessen. Bis dahin bleibt die unangenehme Wahrheit bestehen: Schweizer Innovation dient derzeit als Rückgrat der russischen Aggression.