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Swiss Observer

Ständerat beharrt auf Gegenvorschlag zur Neutralitätsinitiative und stellt sich gegen den Nationalrat

Mit einem knappen Entscheid hat der Schweizer Ständerat beschlossen, die Beratungen über einen direkten Gegenvorschlag zur Neutralitätsinitiative fortzusetzen. Damit stellt er sich direkt gegen die Position des Nationalrats und des Bundesrats. Der Schritt verlängert die Unsicherheit darüber, wie die Abstimmung über den Neutralitätsstatus der Schweiz letztlich ausgestaltet sein wird.

Ständerat beharrt auf Gegenvorschlag zur Neutralitätsinitiative und stellt sich gegen den Nationalrat
AISWI swissinfo.ch

Mit einer eindrücklichen Demonstration parlamentarischer Eigenständigkeit hat der Schweizer Ständerat die Pläne der Regierung durchkreuzt und auf einem direkten Gegenvorschlag zur umstrittenen Neutralitätsinitiative beharrt. Damit steuert der Ständerat direkt auf eine Konfrontation mit dem Nationalrat und dem Bundesrat zu, die einen solchen Schritt ausdrücklich abgelehnt haben. In Bern herrscht eine angespannte politische Atmosphäre, denn der Ständerat gibt nicht nach und verlängert damit eine entscheidende Phase der Unsicherheit über die grundlegende aussenpolitische Haltung des Landes.

Während der Nationalrat das Verfahren vereinfachen wollte und letzte Woche einen Gegenvorschlag ablehnte, beharrt der Ständerat auf seiner Position. Es handelt sich nicht bloss um ein Verfahrensproblem, sondern um eine grundlegende Meinungsverschiedenheit darüber, wie die Schweiz ihren Bürgerinnen und Bürgern die Neutralitätsfrage vorlegen soll. Indem der Ständerat auf einem alternativen Verfassungsartikel besteht, signalisiert er, dass die einfache Wahl zwischen Annahme und Ablehnung, wie sie die Initiative vorsieht, für eine derart komplexe Frage nicht ausreicht. Die Pattsituation macht die wachsende Kluft im Bundeshaus deutlich, während die Parlamentarierinnen und Parlamentarier darum ringen, die bekannteste geopolitische Doktrin der Schweiz zu modernisieren, ohne ihre Grundsätze aufzugeben.

Der Streitpunkt Sanktionen: Was Neutralität bedeutet

Im Zentrum dieser gesetzgeberischen Blockade steht eine einzige brisante Frage: die Befugnis, Sanktionen zu verhängen. Die von Pro Schweiz und der Schweizerischen Volkspartei (SVP) unterstützte «Neutralitätsinitiative» verlangt eine starre Verfassungsänderung, die eine «ewige und bewaffnete» Neutralität verankert. Entscheidend ist, dass sie ein weitreichendes Verbot nichtmilitärischer Sanktionen anstrebt. Dies würde Berns Fähigkeit stark einschränken, sich internationalen Massnahmen anzuschliessen, etwa den gegen Russland verhängten. Das Beharren des Ständerats auf einem Gegenvorschlag zeigt den dringenden Versuch, einen Mittelweg zu finden.

Zwar lehnte der Ständerat die radikale Initiative letzten Sommer ab, doch will er die Verfassung in dieser Frage nicht schweigen lassen. Sein Gegenvorschlag soll die Neutralität festschreiben, dabei aber, und das ist ein entscheidender Unterschied, der Regierung die Flexibilität erhalten, Sanktionen zu beschliessen. Darum wird gerungen. Der Ständerat argumentiert, ein vollständiges Sanktionsverbot würde als geopolitische Zwangsjacke wirken und die Schweizer Aussenpolitik angesichts globaler Aggression handlungsunfähig machen. Mit seinem Einsatz für diesen Gegenvorschlag versucht der Ständerat, den Stimmberechtigten einen «dritten Weg» anzubieten, der die Neutralität wahrt, ohne die Schweiz von der westlichen Sicherheitsarchitektur zu isolieren.

Eine hauchdünne Mehrheit entscheidet über die Zukunft

Wie fragil die Position des Ständerats ist, zeigte sich bei einer äusserst knappen Abstimmung, die kaum knapper hätte ausfallen können. Der Entscheid, sich dem Nationalrat zu widersetzen, fiel bei einem Patt von 21 zu 21 Stimmen, einem seltenen Ereignis, das die Beratung im Rat zum Stillstand brachte. Den Ausschlag gab schliesslich die Stichstimme des Ständeratspräsidenten Stefan Engler von der Mitte. Sie verhalf dem Gegenvorschlag zum Durchbruch. Es war kein Konsens, sondern ein erzwungener Vorstoss, getragen von einem fragilen Bündnis.

Hinter diesem entscheidenden Moment stand eine Minderheitskoalition aus der vorberatenden Kommission, die vor allem aus Vertretenden der SVP und der Mitte bestand. Dass sie den Vorschlag mit nur einer Stimme Mehrheit durchsetzen konnte, unterstreicht die tiefen Gräben selbst innerhalb des Ständerats. Es zeigt sich ein taktisches Bündnis: Die SVP will die Neutralitätsdebatte in den Mittelpunkt der politischen Agenda rücken, während die Mitte einen Kompromiss anstrebt, der die Extreme der Initiative vermeidet. Präsident Englers entscheidender Eingriff hat den Gegenvorschlag am Leben gehalten. Dass es keine klare Mehrheit gibt, deutet jedoch darauf hin, dass der Rückhalt im Ständerat auf wackligen Beinen steht.

Der Weg zur Entscheidung 2026

Nach der Abstimmung richtet sich der Blick auf die endgültige Entscheidung im Jahr 2026, wenn die Schweizer Stimmberechtigten voraussichtlich an die Urnen gehen. Der Weg zur Abstimmung bleibt jedoch von verfahrensbedingter Unklarheit geprägt. Der Ständerat muss die Frage nun erneut beraten, und die Konsequenzen sind weitreichend: Stimmt der Rat dem Gegenvorschlag nicht ein zweites Mal zu, wird er endgültig vom Tisch sein. Den Stimmberechtigten bliebe dann bei der Initiative nur eine klare Entweder-oder-Entscheidung.

Diese Unsicherheit birgt ein erhebliches Risiko für die Regierung. Eine Abstimmung ohne Gegenvorschlag würde eine polarisierte Debatte über die Definition der «bewaffneten Neutralität» erzwingen, die die öffentliche Meinung spalten könnte. Mit seinem Vorgehen geht der Ständerat ein grosses Risiko ein, um die Debatte noch vor dem offiziellen Kampagnenstart zu lenken. Da sich Nationalrat und Bundesrat bereits dagegen ausgesprochen haben, ist der Ständerat der einzige verbliebene Akteur, der für einen Verfassungskompromiss kämpft. Je näher das Jahr 2026 rückt, desto dringlicher stellt sich die Frage: Wird dem Schweizer Volk eine differenzierte Wahl geboten, oder muss es zwischen dem Status quo und einer radikalen isolationistischen Doktrin entscheiden?