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Swiss Observer

Schweizer Forschende sequenzieren das Genom des Spanischen-Grippe-Virus von 1918

Forschende der Universitäten Basel und Zürich machen einen Durchbruch beim Verständnis der Mutationen des Pandemievirus, indem sie eine konservierte Schweizer Probe analysieren.

Schweizer Forschende sequenzieren das Genom des Spanischen-Grippe-Virus von 1918
AISWI swissinfo.ch

Die Schweizer Wissenschaft hat das Unmögliche geschafft: Sie griff mehr als ein Jahrhundert zurück, um den genetischen Bauplan des tödlichsten Erregers der modernen Geschichte zu entschlüsseln. Forschende der Universitäten Basel und Zürich (UZH) haben das Genom des Spanischen-Grippe-Virus von 1918 erfolgreich sequenziert. Dieser monumentale Durchbruch überwindet bisherige Grenzen der Paläogenetik. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine Geschichtsstunde, sondern um einen wichtigen wissenschaftlichen Erfolg, der die inneren Abläufe einer Pandemie offenlegt, die einst die Welt in die Knie zwang.

Unter der Leitung der renommierten Verena Schünemann setzte dieses internationale Team eine hochmoderne, innovative Methode ein, um RNA aus einer Probe zu gewinnen, die 107 Jahre lang unberührt geblieben war. Während andere Länder Mühe haben, historische Virusdaten zusammenzutragen, geben Schweizer Forschende den Takt vor und machen aus staubigen medizinischen Archiven wahre Fundgruben epidemiologischer Erkenntnisse. Diese Errungenschaft markiert einen entscheidenden Moment für unser Verständnis der Virenentwicklung und zeigt, dass sich selbst «uralte» Viren mit moderner Schweizer Technologie dazu bringen lassen, ihre Geheimnisse preiszugeben.

Genetische Sabotage: Wie das Virus siegte

Die Sequenzierung zeigt, wie erschreckend effizient das Virus von 1918 die Menschheit dezimierte. Das Forschungsteam identifizierte drei entscheidende Mutationen, die aus einer gewöhnlichen Grippe einen globalen Henker machten. Dabei handelte es sich nicht um zufällige Veränderungen, sondern um präzise biologische Anpassungen, durch die das Virus menschliche Zellen mit verheerender Geschwindigkeit kapern konnte. Zwei dieser Mutationen wirkten wie ein Schutzschild und machten den Erreger deutlich widerstandsfähiger gegen das menschliche Immunsystem. Dadurch wurden die natürlichen Abwehrkräfte unseres Körpers praktisch geblendet.

Die dritte Mutation war möglicherweise die tödlichste: Sie beschleunigte die Fähigkeit des Virus, an Zellrezeptoren zu binden. So entstand ein «perfekter Sturm» aus hoher Infektiosität und Umgehung der Immunabwehr. Während die Welt entsetzt zusah, wie Millionen starben, entwickelte sich dieser mikroskopisch kleine Feind in Echtzeit weiter. Diese Entdeckung schliesst eine Wissenslücke und erklärt, weshalb der Stamm von 1918 im Vergleich zu saisonalen Grippeviren so aussergewöhnlich verheerend war. Indem Schweizer Forschende diese spezifischen genetischen Auslöser identifiziert haben, legten sie die Mechanismen von Pandemien mit zahlreichen Todesopfern offen.

Geschichte anhand einer einzelnen Probe wiederbeleben

Während der Spanischen Grippe starben erschreckende 25'000 Schweizerinnen und Schweizer, und die Hälfte der Bevölkerung infizierte sich. Doch der Schlüssel zum Verständnis dieser Tragödie schlummerte in einem einzelnen Gefäss in Zürich. Das Genom wurde anhand einer Probe rekonstruiert, die 1918 einem 18-jährigen Jungen entnommen worden war, der in der Stadt an der Limmat starb. Der tragische Tod des jungen Mannes leistet nun, mehr als ein Jahrhundert später, einen wichtigen Beitrag zur globalen Gesundheit.

Die in der Medizinischen Sammlung der UZH aufbewahrte Probe ist eine stark unterschätzte Ressource. Die Autorinnen und Autoren der Studie halten fest, dass medizinische Sammlungen in der ganzen Schweiz grosses ungenutztes Potenzial bergen. Dieser Erfolg bestätigt, wie wichtig die Bewahrung der Medizingeschichte ist: Ohne diese spezifische, hundert Jahre alte Gewebeprobe wären die genetischen Geheimnisse der Mutation von 1918 womöglich für immer verloren gegangen. Sie erinnert eindrücklich an die körperlichen Folgen der Pandemie für die Schweiz und macht aus einer historischen Statistik einen konkreten medizinischen Durchbruch.

Die Schweiz gegen künftige Seuchen wappnen

Wir blicken nicht nur zurück, sondern rüsten uns für die Zukunft. Verena Schünemann betont, dass das Verständnis dieser langfristigen Anpassungen von Viren entscheidend ist, um verlässliche Modelle für künftige Pandemien zu entwickeln. Indem Forschende nachvollziehen, wie sich das Virus von 1918 entwickelte, um die menschliche Biologie auszunutzen, können sie nun vorhersagen, wie moderne Viren ähnliche Strategien verfolgen könnten.

Diese Forschung geht über akademische Neugier hinaus: Sie ist ein Bauplan für das Überleben. Während die Welt mit der ständigen Gefahr neuer Virusstämme konfrontiert ist, liefert diese von der Schweiz geleitete Studie die nötigen Daten, um Mutationen vorauszusehen, bevor sie katastrophale Folgen haben. Dank der Möglichkeit, alte Genome zu rekonstruieren, tappen wir nicht länger im Dunkeln. Wir können den Verlauf früherer tödlicher Ausbrüche nachzeichnen, um künftigen Bedrohungen zuvorzukommen. Die Schweiz beweist, dass die beste Verteidigung gegen die nächste Pandemie ein tiefes wissenschaftliches Verständnis der letzten ist.