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Swiss Observer

Schweizer Detailhandelsriese fordert strengere Besteuerung des Einkaufstourismus

Der Migros-CEO spricht sich nach der jüngsten Senkung auf CHF 150 für eine weitere Reduktion des Freibetrags beim Einkauf im Ausland auf CHF 50 aus. Damit reagiert er auf Bedenken zur Wettbewerbsfähigkeit des Detailhandels.

Schweizer Detailhandelsriese fordert strengere Besteuerung des Einkaufstourismus
AISWI swissinfo.ch

CHF 50. Das ist die neue Kampfansage von Migros-CEO Mario Irminger. Während der Bund den Freibetrag für Einkäufe im Ausland Anfang dieses Jahres kürzlich von CHF 300 auf CHF 150 gesenkt hat, hält der Chef des grössten Schweizer Detailhändlers diese Massnahme für unzureichend. Mit einem mutigen Schritt zum Schutz der Wettbewerbsfähigkeit des inländischen Detailhandels setzt sich Irminger für eine drastische Senkung auf nur noch CHF 50 ein und erklärt damit dem lukrativen Einkaufstourismus über die Grenze faktisch den Kampf.

Die aktuelle Senkung auf CHF 150 ist ein bedeutender politischer Kurswechsel. Der Detailhandelsriese argumentiert jedoch, dass weiterhin zu viel Geld in die Kassen der Nachbarländer fliesse. «Eine Senkung auf CHF 50 wäre ideal gewesen», sagte Irminger kürzlich in einem Interview und machte damit deutlich, dass der Kampf um die Ausgaben der Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten noch lange nicht vorbei ist. Diese harte Haltung zeigt, unter welchem enormen Druck die Schweizer Detailhändler wegen der tieferen Preise jenseits der Grenze stehen. Mit der Forderung nach einer strengeren finanziellen Zügelung der Einkaufstouristen schützt die Migros nicht nur ihr Geschäftsergebnis, sondern stellt auch die wirtschaftlichen Grundlagen des Lebens an der Schweizer Grenze infrage. Die Botschaft ist klar: Wer den Komfort Schweizer Löhne geniesst, sollte Schweizer Unternehmen unterstützen.

Detailhandelsriese trotzt wirtschaftlichem Gegenwind

Trotz der Verlockung ausländischer Schnäppchen bleibt die Migros eine unerschütterliche Kraft in der Binnenwirtschaft. Für 2024 wird ein Umsatz von mehr als CHF 32 Milliarden erwartet. Das entspricht einem leichten, aber wichtigen Anstieg gegenüber dem Vorjahr und zeigt, dass der orange Riese weiterhin fest im Schweizer Portemonnaie verankert ist. Nachdem der Gewinn 2023 wegen hoher Sonderabschreibungen auf bescheidene CHF 175 Millionen gesunken war, rechnet Irminger für die laufende Periode zuversichtlich mit einer Stabilisierung oder Verbesserung des Betriebsergebnisses.

Diese finanzielle Widerstandsfähigkeit ist angesichts der wechselhaften Lage im Detailhandel bemerkenswert. Der CEO betonte, dass die hohen Abschreibungsbelastungen der vergangenen Jahre voraussichtlich nicht wiederkehren und damit den Weg zu einer höheren Profitabilität frei machen. Die Migros übersteht die Herausforderungen nicht nur, sondern baut ihre Vormachtstellung weiter aus. Dass der Detailhändler in einem Umfeld hoher Kosten den Umsatz steigern kann, zeugt von der anhaltenden Treue seiner Kundschaft. «Praktisch jeder Haushalt hat eine Verbindung zur Migros», sagte Irminger und verwies damit auf eine Marktdurchdringung, mit der nur wenige globale Unternehmen mithalten können. Diese finanzielle Stärke schafft die nötigen Mittel, um dem Abfluss von Einkäufen ins Ausland entgegenzuwirken und grosse künftige Projekte zu finanzieren.

Milliarden für eine aggressive Expansion

Die Migros startet eine gewaltige Investitionsoffensive von CHF 2 Milliarden, um die Schweizer Detailhandelslandschaft neu zu gestalten. Der Plan ist ambitioniert und klar: 140 neue Supermärkte sollen eröffnen und das Filialnetz von 790 auf insgesamt 930 Standorte anwachsen lassen. Dabei geht es nicht nur um den Erhalt des Bestehenden, sondern um eine gezielte Erschliessung verfügbarer Detailhandelsflächen. Zusätzlich will die Genossenschaft in den kommenden fünf Jahren 350 bestehende Standorte modernisieren, damit ihre physische Präsenz auf dem neuesten Stand bleibt.

«Dreissig Filialen pro Jahr sind realistisch», erklärte Irminger und wies Bedenken zum Umfang des Vorhabens zurück. Bei der Bewältigung komplexer Bauvorschriften setzt er auf die fundierten lokalen Kenntnisse der zehn regionalen Genossenschaften. Während Konkurrenten sich zurückziehen oder zusammenschliessen, setzt die Migros noch stärker auf ihre Präsenz mit stationären Geschäften. Diese massive Kapitalzufuhr signalisiert, dass das Unternehmen an eine Zukunft des Schweizer Detailhandels glaubt, die von Nähe und Zugänglichkeit geprägt ist. Mit einem dichten Netz modernisierter und neuer Filialen will die Migros den Weg über die Grenze weniger attraktiv machen, indem sie das Einkaufserlebnis vor Ort verbessert und überall verfügbar macht.

Kulturelles Engagement bleibt trotz Sparmassnahmen bestehen

In einem von Sparsamkeit und Effizienz geprägten Umfeld zieht die Migros einen Schutzkreis um ihr kulturelles Herzstück: die Migros Klubschule. Obwohl das Unternehmen andernorts Sparmassnahmen umsetzt, garantierte Irminger, dass die Sprachkurse nicht dem Rotstift zum Opfer fallen. Er räumte offen ein, dass diese Schulen «nicht selbsttragend» seien, sie blieben aber unangetastet. Dieser Entscheid unterstreicht den besonderen Status der Migros als mehr als nur ein Detailhändler: Sie ist eine soziale Institution.

Die Klubschule ist ein wichtiger Motor für die Integration in der Schweiz. Für viele Haushalte mit Migrationshintergrund ist der erste Kontakt mit der Marke nicht der Kauf von Milch, sondern das Erlernen einer Landessprache. Indem die Migros diese Kurse erhält, bewahrt sie eine ihrer wichtigsten Säulen des kulturellen Engagements. So bleibt die Marke fest in das soziale Gefüge des Landes eingebunden und fördert eine Verbundenheit, die über den Preiswettbewerb hinausgeht. Während das Unternehmen seine Filialen modernisiert und sich für Änderungen bei den Steuern einsetzt, erhält es zugleich die weiche Macht, die es zu einem einzigartig schweizerischen Unternehmen macht.